Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Die Talfahrt am Neuen Markt wurde in letzter Sekunde gestoppt. Eine vermeintliche Trendwende an der US-Technologiebörse Nasdaq ließ am Freitag vor Handelsschluss einige Schnäppchenjäger zugreifen. Die Stimmung könnte trotzdem schlechter kaum sein.

Von Stefan Wolff


Hamburg - Deutlich unter 1800 Punkte haben verhagelte Bilanzen und Pleitegerüchte den Nemax 50 gedrückt. Und das, obwohl die Börsianer relativ zuversichtlich in die Woche gestartet waren. Eine Gewinnwarnung des Beratungsunternehmens Heyde belehrte sie eines Besseren. Tags darauf wartete die auf elektronischen Zahlungsverkehr spezialisierte Trintech mit verdoppelten Verlusten auf. Trintech verbilligten sich an drei Tagen in Folge im zweistelligen Prozentbereich.

In den USA stellte der Online-Spielwarenversand eToys sein Geschäft ein. Um den Internet-Buchhändler Amazon kursierten Konkursgerüchte. Sollte dieses Unternehmen schlapp machen, würde ein weiterer Engel fallen, denn Amazon-Papiere standen dereinst in der Gunst der Anleger mit Stars wie Yahoo auf einem Podest. Am Neuen Markt in Frankfurt sorgte das Management der Softwarefirma Micrologica dafür, dass sich der Wert des Papiers an einem Tag halbierte. Der Vorstand mußte die drohende Zahlungsunfähigkeit einräumen.

Auch das ehemalige Vorzeigeunternehmen der neuen Wirtschaft im Osten, Intershop, geriet erneut unter Druck. Dem Konzern droht ein Gerichtsverfahren in den USA. Aufgebrachte Anteilseigner werfen Intershop vor, bei Schilderung der Geschäftslage gelogen zu haben.

Nachrichten wie diese verstärkten noch den Käuferstreik, der fast schon seit Jahresbeginn die Märkte lähmt. Rasante Kursstürze zeigen deutlich die fehlende Bereitschaft der Marktteilnehmer, die Hand aufzuhalten. "So düster wie in dieser Woche war die Stimmung noch nie", sagten Händler übereinstimmend.

Die Burnrate frisst ihre Kinder und verbrennt Anlegergeld. Als Burnrate wird der Zeitraum bezeichnet, in dem ein Unternehmen das aus dem Börsengang eingenommene Geld verbraucht. Werden bis dahin keine Gewinne erzielt, droht die Insolvenz. Diese Rate hatte sich aufgrund des immer heftigeren Wettbewerbs und der Absatzschwierigkeiten im Internet ständig beschleunigt. Aus diesem Grund sei auch mit weiteren Pleiten zu rechnen, sagen Experten.

Um so enttäuschender wirkte die Nachricht, dass die Leitzinsen im Euroraum unverändert bleiben. Zwar hatten die meisten Beobachter mit einer ruhigen Hand der Europäischen Zentralbank gerechnet, doch würden gerade kreditbedürftige Unternehmen des Neuen Marktes von niedrigeren Zinsen profitieren. Das alte Modell, dass nur Banken und Versicherungen als zinssensibel einzustufen sind, gilt nicht mehr.

Auch Alan Greenspan enttäuschte die Märkte. Mit der festen Erwartung einer überraschenden Zinsrunde waren die Börsianer in die Woche gestartet. Als Greenspan jedoch fallen ließ, die US-Notenbank bevorzuge es, an den festgesetzten Terminen zu handeln, öffnete das erneut die Verkaufsschleusen.

Für eine der wenigen guten Nachrichten sorgte SAP. Deutschlands größte Softwareschmiede will seine Vorzugsaktien in Stämme umtauschen. Zwar ködern die Unternehmen Vorzugsaktionäre für die Aufgabe des Stimmrechts mit einer höheren Dividende, doch ist diese Wertpapiergattung außerhalb Deutschlands weitgehend unbekannt. Mit dem Wechsel erhofft man sich bei SAP eine Aufnahme in den Euro Stoxx 50. SAP-Stämme, die bis dato mehr oder weniger ein Dornröschendasein pflegten, verteuerten sich am Tag der Bekanntgabe um über 25 Prozent.

Die Gewinnwarnung des US-Konkurrenten Oracle machte aber auch diese Aufwärtstendenz zunichte. Auch in der kommenden Woche wird mit wenig Aufhellung gerechnet. Die Nasdaq drehte nach den irreführenden Gewinnen zum Wochenschluss noch einmal brachial ins Minus.

Experten raten ihren Anlegern, von einzelnen Werten am Neuen Markt die Finger zu lassen. Wenn man denn an eine Bodenbildung glaube, dann solle man auf Fonds setzen und das Rosinenpicken den Profis überlassen. Dass die ebenfalls schief liegen können, wurde allerdings auch mehrfach eindrucksvoll bewiesen.



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