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25. März 2000, 13:27 Uhr

Börsen-Kolumne

Dax-Geflüster

Von Maya Dähne

Die Börse ist noch für Überraschungen gut. Seit dieser Woche nämlich wissen wir: Microsoft ist nicht mehr das teuerste Unternehmen der Welt. Cisco darf sich derzeit mit dieser Krone schmücken. Und wir haben überraschend gelernt, dass nicht jede Neuemission hierzulande der absolute Brüller sein muß. Davon werden all die ein Liedchen singen können, die bei der Zuteilung von Lycos Europe-Aktien berücksichtigt wurden.

Hamburg - Deutsche Aktionäre mögen zur Zeit gierig sein. Alles lassen sie sich auch nicht andrehen und das ist die beruhigende Nachricht der abgelaufenen Börsenwoche. Wer Anfang des Monats ins Grübeln kam, wie hoch der Preis für eine Lycos-Aktie sein werde, der landete trotz aller Vorstellungskraft allenfalls bei einem Emissionspreis um die zehn Euro. Nicht so die konsortialführenden Banken Deutsche Bank und Goldman Sachs. Die haben - sicher auch auf Druck von Lycos - einen Mondpreis gebastelt und mit ihrem Ausgabekurs von 24 Euro letztlich allen einen Bärendienst erwiesen. Die Branche allerdings atmet auf. Immerhin ist es ein beruhigendes Gefühl, dass bei aller Hysterie eine Aktie ganz ohne Story letztlich doch nur eine langweilige Aktie ist. New Economy und Multimedia hin oder her.

Es waren und sind ohnehin die alten Substanzwerte, die Industrietanker und Autoschmieden, die derzeit den Takt angeben. Thyssen Krupp, Viag und Veba oder DaimlerChrysler sorgen für mehr Wirbel als Brainpool, Softline oder RTV Family Entertainment. Old Economy schlägt die Jungen Wilden und der Dax gewinnt gegen den Neuen Markt. Bei der Hamburger Berenberg Bank steht nicht eine Internet-Aktie, sondern der niederländische Allfinanzkonzern ING ganz oben auf der Empfehlungsliste.

Gut möglich allerdings, dass die Rückkehr zur guten alten Ordnung nur ein kurzes Intermezzo ist. Aus der Gerüchteküche der US-Börse nämlich wabern schon wieder beunruhigende Gerüchteschwaden übers Parkett. So sollen zwei junge Wilde aus der Media-Branche, die News Corp und die Liberty Media Group Gelüste haben, General Motors zu übernehmen.

Was um alles in der Welt wollen kreative Medientypen aus der Glitzerwelt mit einem Autobauer, dem der Hauch von Schmierfett und Handarbeit anhängt? Sie wollen nicht die Autos, sie wollen die General Motors Tochter Hughes Electronics, die nämlich besitzt ein attraktives Satelliten-TV-Geschäft. Wenn's so käme, wäre das genau jenes Szenario, das Kritiker der Medienaktien-Hysterie als verkehrte Börsenwelt beschrieben haben. Da kauft ein gerade erst aufgestiegener milliardenschwerer Heißluftballon einen jahrzehntealten milliardenschweren Substanzwert ohne mit der Wimper zu zucken.

Beim Blick auf die Marktkapitalisierung von EM.TV hierzulande keine abwegige Vorstellung. Spätestens seit dem Einstieg in die Formel Eins liegt der Börsenwert von EM.TV mit rund 25 Milliarden Euro locker über dem eines Volkswagen-Konzerns. Und auch wenn die Europäische Kommission dem ehrgeizigen EM-TV-Chef Haffa bei seinen Formel-Eins-Plänen vielleicht in die Suppe spuckt, hat Haffa schon die nächste Etappe im Sinn. Er will ins Internet-Geschäft einsteigen. Da ist Mobilcom schon drin und die Aktionäre wissen das zu schätzen. Mobilcom gilt - auch nach dem France-Telekom-Deal - bei vielen trotz des hohen Kurses als Schnäppchen. Wie im übrigen ein bunter Reigen von Dax-Substanzwerten. Bayer und BASF gehören dazu, Linde und MAN. Gerade MAN gibt sich mit neuer LKW-Reihe und ehrgeizigen Zukaufsplänen selbstbewußt wie selten. Vielleicht tut sich hier ja schon in der kommenden Woche etwas. Es wird jedenfalls die Woche der Fusionen werden und der Wochenbeginn hat bereits seinen Namen: "Monday of Mergers." Spätestens am Montag dürfte klar sein, ob die Telekom Debis erhält, ob DaimlerChrysler bei Mitsubishi einsteigt, ob Thyssen Krupp den Börsengang von Atecs Mannesmann per Übernahme verhindert und ob Viag und Veba aus ihrem Zweier- ein Dreier-Bündnis machen werden. Merger-Monday eben.

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