Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

Amerikanische Broker haben auch in tragischen Zeiten Sinn für Humor. Kaum waren Nasdaq und Dow Jones Hand in Hand in die Tiefe gestürzt kursiert schon der erste Witz auf dem Parkett. "Was haben Alan Greenspan und die US-Börse gemeinsam? Antwort: Beide gehen baden."

Von Maya Dähne


Hamburg - Darüber können allerdings nur die Insider lachen. Greenspan, der Welt mächtigste Notenbanker, pflegt die Marotte, sich Morgen für Morgen über eine Stunde in die Badewanne zu legen und nachzudenken. Nach dem Einbruch am neuen "Schwarzen Freitag" des Jahres 2000 hat er jetzt einiges, worüber es nachzudenken gilt.

Optimisten allerdings sehen auch in dunkelster Nacht noch einen Hoffnungsschimmer. Trotz des Kurseinbruchs in den USA gibt es eine gute Nachricht. Die drei trendbestimmenden Aktienindizes erholten sich in den letzten Handelsminuten in New York und schlossen über ihren Tagestiefständen. Es muß am Montag also nicht zwangsläufig mit dem Gemetzel weitergehen.

Binnen Wochenfrist hat der Nasdaq-Index über 25 Prozent oder mehr als 1000 Punkte verloren. Das ist eine Hausnummer, die schwindelig machen kann. Mit einem Schlag ist die technologielastige Börse also wieder auf dem Stand vom Dezember 1999. Jetzt müssen die Händler und Anleger nur noch den Stöpsel wiederfinden, mit dem sie in der vergangenen Woche Luft aus den zum Platzen vollen Spekulationsblasen gelassen haben.

Wer in Standards und gehaltvolle High-Tech-Werte investiert ist, fährt am besten weit weg in den Urlaub. Panikverkäufe haben noch niemandem genützt. Etwas schlechter sieht es dagegen für all diejenigen aus, die jetzt merken, dass ihr Geld in einer Luftnummer am Neuen Markt steckt. Raus und umschichten sollte die Devise lauten. Dax-Standards wie Siemens, SAP, aber auch Epcos oder Telekom sind in der nächsten Woche sicher günstig einzusammeln. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet in ein solches Marktumfeld platzt nun der Börsengang der Telekom-Tochter T-Online. Was haben sich die Anleger um die Aktien geschlagen und die ungerechte Zuteilung kritisiert. Jetzt dürften sich vermutlich all diejenigen freuen, die leer ausgegangen sind.

Selten war die Ausgangssituation vor dem Börsengang eines prominenten Unternehmens so bescheiden wie im Moment. High-Tech pfui, Standards hui. Das ist das Credo, das Ron Sommer mächtig in den Ohren dröhnt. Da werden die Werbeauftritte des virtuellen Werbers Robert-T-Online schnell zur Lachnummer. Der Konzern hatte ja bereits vor kurzem die Notbremse gezogen und den Ausgabepreis von zuerst gemunkelten 50 auf jetzt höchstens 32 Euro gesenkt. Und selbst dieser Preis gilt vielen als zu hoch.

All jene, die trotz 15-facher Überzeichnung der T-Online-Aktie bei der Zuteilung doch bedacht werden, sollten sich allerdings nicht allzu sehr grämen. Das Papier hat durchaus Potenzial. Es müssen ja nicht immer gleich am ersten Handelstag 100 Prozent Gewinn herausspringen. Und altgediente Telekom-Aktionäre werden sich erinnern, dass auch die Mutter bei ihrem Börsendebüt einst ein Weilchen brauchte, um die Anleger dann um so mehr zu entlohnen. Im Gegenteil sollten sich manche Anleger überlegen, ob sie angesichts des schwachen Umfelds und des vermutlich niedrigen Preises der T-Online-Aktie nicht am ersten Tag einsteigen.

Weiterer Knackpunkt für die Telekom ist allerdings die Tatsache, dass der Konzern in diesem Jahr eigentlich noch zwei weitere Aktienpakete auf den Markt werfen wollte. Die dritte Tranche von bundeseigenen T-Aktien steht an. Außerdem wollte die Mobilfunksparte ein Tänzchen auf dem jetzt allzu rutschigen Parkett wagen.

Wer selbst in so unruhigen Zeiten noch Tipps für den Einstieg sucht, kann sich an die Vereins- und Westbank halten. Die empfiehlt trotz eines hohen Kursgewinnverhältnisses die Aktie des finnischen Mobiltelefonbauers Nokia zum Kauf, "besonders in Schwächephasen". Und wer will schon bestreiten, dass dies gerade eine ausgemachte Schwächephase ist?



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