Börsen-Videoblog Alberne Gags für US-Börsenprofis

Mit einem Komik-Videoblog hat ein Hedgefonds-Manager die Herzen der US-Börsianer erobert. "Wallstrip" ist an der Wall Street zum Kultobjekt geworden. Doch hinter dem Jux steckt ernste Information - und eine clevere Geschäftsidee.

New York - Die Wall Street, findet Howard Lindzon, nimmt sich selbst viel zu ernst. Dabei sei sie "eine der albernsten Industrien auf der Welt", sagt der 41-jährige Hedgefonds-Investor schmunzelnd. Höchste Zeit also, dem Spaßfaktor Rechnung zu tragen, dachte sich Lindzon - und ergriff die Initiative. Das Ergebnis: "Wallstrip."

"Wallstrip" ist eine abgefahrene Internet-Börsenshow  im YouTube-Stil, die sich seither zum heimlichen Kult-Genuss gemausert hat - für Börsianer und solche, die es werden wollen. "Aktienkultur trifft auf Popkultur", heißt das Motto der Dreiminuten-Videoblogs, in denen Lindzon oft selbst auftritt, als stotternder Tollpatsch, der trotzdem Kluges über Kurse und Konzerne von sich gibt. Keine Masche, schwört er: "Ich bin wirklich fett und ein Idiot", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. "Das ist das echte Ich."

Lindzons echtes Ich, meist übernächtigt und unrasiert, ist aber auch ein gewiefter Wall-Street-Profi. Und das macht seine Online-Kombination aus ernster Börseninformation und flapsigem Videotainment offenbar so unwiderstehlich. "Aktientipps für die YouTube-Generation", nennt es "Business Week". Wobei Lindzon selbst auf "Wallstrip" selten konkrete Kaufempfehlungen gibt - das behält er lieber seinem persönlichen Investment-Blog vor .

Mit Gebetsschal zum Apple-Laden

Stattdessen spricht "Wallstrip" das Spielkind im Investor an, indem es sich und das eigene Business kräftig auf die Schippe nimmt. Für die erste Folge pilgerte Lindzon zur "Klagemauer" aller Tech-Freaks: dem Apple  -Laden an der Fifth Avenue - samt jüdischer Kippa und Gebetsschal, untermalt von der Titelmusik zu "Schindlers Liste". Dort klebte er einen Zettel an die Glasfassade, mit einem Appell an Apple-Chef Steven Jobs: "Steve, bau mehr Läden!"

Das ist der Tenor von "Wallstrip": Jux mit bierernstem Hintergrund - und hochfliegenden Ambitionen. Denn dies ist, auch wenn's so aussieht, kein harmloses Heimvideo, sondern eine ziemlich gut durchdachte Startup-Firma.

Investmentberater und Fondsmanager Lindzon - der "mit Frau und Hunden" privat in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona lebt und regelmäßig nach New York jettet - hofft, hier eine lukrative Marktnische entdeckt zu haben: Börsenwissen für den Nachwuchs, dem selbst der TV-Sender CNBC mit seinem brüllenden Star Jim Cramer zu verstaubt ist. Logisch also, dass eine kürzlich online gestellte "Wallstrip"-Folge mit einer zwerchfellerschütternde Cramer-Parodie die populärste bisher war: über 30.000 Zuschauer.

"Ich liiiebe Outsourcing!"

Mit einer halben Million Dollar Startkapital von Angel-Finanziers ging "Wallstrip" (auf den Namen kam ein Freund Lindzons) Ende 2006 "auf Sendung". Technisch betreut wird es von zwei professionellen Videografen, moderiert von Lindsay Campbell, einer 29-jährigen "Schauspielerin/Sängerin/Philosophin" (Eigenbeschreibung) aus Brooklyn. Dazu engagierte Lindzon eine Handvoll gewitzter Experten für Börsenkommentare auf der "Wallstrip"-Website, darunter erfahrene Hedgefondsmanager und Daytrader.

Doch selbst Campbell - die sich mit Verve in den Job wirft und aus ihrer Ignoranz in punkto Börse keinen Hehl macht - wusste anfangs nicht, was "Wallstrip" sein soll. Erst dachte sie wegen des Namens der Seite, sie habe für eine "Heimwerkershow" angeheuert. Dann dachte sie: "Wall Street, aber nackt."

Inzwischen weiß sie Bescheid: Jede Episode befasst sich mit einem Unternehmen im aktuellen Kurshoch - Adobe  , Altria  , Nike  , Harley Davidson, Limited (inklusive lasziver BH-Models). Für die Folge über die Waffenschmiede Smith & Wesson blamierte sich Campbell fröhlich auf der Schießbahn. Die Neujahrsausgabe über American Express  moderierte sie sichtlich verkatert und mit einer 2007-Glitzerbrille. Und den Bericht über den indischen IT- und Outsourcing-Giganten Wipro las sie in haarsträubend-indischem Akzent vor, während Lindzon, ähnlich lispelnd, politisch-unkorrekt in die Kamera trötete: "Ich liiiebe Outsourcing!"

Schlaf, Botox und Fettabsaugung

Dahinter steckt die Einsicht, dass auch die Wall Street nur mit Wasser kocht - und dass man dort mit passablem Grundwissen schon weit kommen kann. Auf die Gewinner setzen, so lautet Lindzons einzige Strategie: Viel mehr müsse man nicht können. Der alte Traum vom schnellen Reichtum sei freilich ein Mythos: "Das reden reiche Leute armen Leuten ein."

Auf seinem Blog gibt Lindzon dazu ungefragt freien Einblick in sein wirres Hirn - ein virtuelles Brainstorming, samt Tippfehlern und häufigen Exerzitien der Selbstkasteiung. Ein perfektes Bild der Online-Generation: hundert Gedanken in einer Minute, jeder angerissen, keiner richtig beendet. Einmal stöhnte er in einem Beitrag, jetzt "brauche ich Schlaf, Botox und eine Fettabsaugung".

So etwas zieht. Innerhalb von vier Monaten ist die Zahl der Zuschauer von im Schnitt 3000 pro Folge auf über 11.000 angeschwollen. Womit das flotte Image des Underdogs bald dahin sein dürfte - das klassische Schicksal aller Phänomene im "Web 2.0". Schon arbeitet Lindzon an einem Lizenzdeal mit einem neuen, "wirklich guten Partner". Wer das ist? Jim Cramers Online-Börsendienst TheStreet.com .

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