Börsenbeben und Finanzkrise "Wir müssen cool bleiben"

Horrorzeiten für die Finanzmärkte: Bei vielen Banken und Versicherern steht die Bilanz 2007 noch aus - weitere Abschreibungen wegen der Kreditkrise sind wahrscheinlich. EU-Wirtschaftskommissar Almunia erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum er trotzdem cool bleibt.


SPIEGEL ONLINE: Herr Almunia, die Börsen beben, immer mehr Banken schreiben Milliarden ab - sind Sie vom Ausmaß der wirtschaftlichen Turbulenzen selbst überrascht?

Almunia: Leider nicht wirklich. In Prognosen wird mit Verlusten um die 400 Milliarden Dollar gerechnet. Bislang ist davon nur ein Viertel von den Banken der Welt abgeschrieben worden - hauptsächlich in den USA. Wir müssen die Ergebnisse aller Finanzinstitute für 2007 abwarten. Erst am Ende dieser Periode werden wir einen klareren Überblick haben.

EU-Kommissar Almunia: "Ich halte das für einen gesunden Prozess"
REUTERS

EU-Kommissar Almunia: "Ich halte das für einen gesunden Prozess"

SPIEGEL ONLINE: Uns stehen mit anderen Worten ziemlich unangenehme Monate mit immer neuen Hiobsbotschaften von den Banken bevor? Werden wir uns an turbulente Tage an den Börsen gewöhnen müssen?

Almunia: Die Märkte sind nervös und neigen zur Überreaktion. Wir müssen cool bleiben und positive Signale senden. Wir wissen zwar nicht, wo genau, aber immerhin wissen wir, dass Abschreibungen kommen werden. Und das wird Klarheit und Transparenz bringen, und damit das, was die Märkte am meisten brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie wird dann passieren?

Almunia: In manchen Fällen werden die Banken ihr Kapital womöglich erhöhen müssen - und das Geld wird teilweise von Kapital- und ausländischen Staatsfonds kommen, wie es schon bei einer Reihe anderer Finanzinstitute der Fall war.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort Staatsfonds - sorgt es Sie, wenn asiatische und arabische Investoren groß in den europäischen Banksektor einsteigen?

Almunia: Ich halte das für einen gesunden Prozess, der den Finanzmärkten hilft, wieder zu funktionieren. Die Kommission wird vor dem Sommer einen Bericht zu diesem Thema veröffentlichen. Es ist wichtig für die Gemeinschaft und auch für andere Regionen und Länder, für ausländische Investments offen zu bleiben und protektionistische Instinkte zu vermeiden. Was wir aber benötigen, mehr als alles andere, ist Transparenz und faires Verhalten. Diese Prinzipien diskutieren wir mit unseren internationalen Partnern gerade in den entsprechenden Foren.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark wird die Kreditkrise und die US-Rezession Europa und Deutschland treffen?

Almunia: Erst einmal sei klargestellt, dass es ja noch nicht feststeht, dass es in den USA zur Rezession kommt. Und Europa ist auch weniger abhängig von dem Wohlergehen der USA als früher. Die Handelsbeziehungen haben im Vergleich zum EU-Binnenmarkt an Bedeutung verloren. Unter anderem wegen der Einführung des Euro ...

SPIEGEL ONLINE: ... dessen Stärke im Vergleich zum Dollar vielen Exporteuren den Schweiß auf die Stirn treibt.

Almunia: Mehr als die Hälfte der Exporte der EU-Länder bleibt im Binnenmarkt. Der starke Euro ist vor allem ein Zeichen für die Stärke der EU-Wirtschaft, dafür, dass die Basisdaten stimmen. Es wurde viel Beschäftigung geschaffen, die Finanzen wurden konsolidiert - nehmen Sie Deutschland, dort wurde im vergangenen Jahr ein Haushaltsüberschuss erwirtschaftet.

SPIEGEL ONLINE: Dass die Bundesregierung gerade ihre Wachstumsprognose für 2008 von zwei auf 1,7 Prozent heruntergeschraubt hat, soll die Bürger also nicht weiter beunruhigen?

Almunia: 1,7 Prozent sind immer noch viel für Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es zum nächsten Beben an den Finanzmärkten kommt, dürften die Erwartungen noch weiter sinken.

Almunia: Wir leben in einer sehr unsicheren Zeit und sind mitten in einer finanziellen Turbulenz. Aber ich sage noch einmal: Wir sollten jetzt keine Alarmstimmung verbreiten.

SPIEGEL ONLINE: Die Bank of China hat Medienberichten zufolge auch Milliarden im US-Subprime-Markt investiert. Was, wenn die Krise Schwellenländer wie Indien oder China erreicht? Würde die Weltwirtschaft das verkraften, haben Sie Krisenpläne für diesen Fall?

Almunia: Bisher kommen Länder wie Indien und China sehr gut zurecht mit der Krise. Das liegt zum einen daran, dass die komplizierten Finanzprodukte, die die Krise mit auslösten, dort auf den Aktienmärkten keine große Rolle spielen. Auf der anderen Seite ist die Wirtschaft dieser Länder sehr stark. China hat 2007 den Part der USA als wichtigster Wachstumsmotor der Weltwirtschaft übernommen. Ich glaube, wir können für die Zukunft dieser Länder optimistisch sein.

SPIEGEL ONLINE: Der indische Finanzminister Palaniappan Chidambaram hat auf dem Weltwirtschaftsforum gesagt, wenn die internationalen Institutionen ihren Job gemacht und rechtzeitig Regeln gesetzt hätten, wäre die Finanzkrise nicht gekommen. Hat auch die EU in der Vorsorge versagt?

Almunia: Wir haben tatsächlich schon jahrelang die seltsame Situation an den Aktienmärkten analysiert - diese gigantischen Finanzströme, die niedrigen Zinsen. Wir haben auch über eine mögliche Stabilitätskrise gesprochen. Aber dass sie auf diese Weise kommen würde - über die Banken, über die CDO-Kreditpakete, die Structured Investment Vehicles - das hat uns überrascht. Deshalb konnten wir in dieser Richtung nicht vorsorgen. Jetzt müssen wir unsere Instrumente verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Wie? Durch die Schaffung einer europäischen Bankenaufsichtsbehörde etwa? Das hat der Chef des Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, vorgeschlagen.

Almunia: Ich halte es für verfrüht, über eine europäische Aufsichtsbehörde zu sprechen. Aber die Aufsichtsbehörden der Länder müssen sich besser koordinieren. Seit einigen Jahren arbeiten sie in den sogenannten Level Three Committees zusammen - vielleicht müssen wir deren Kompetenzen erweitern. Zweitens müssen die Ratingagenturen die Marktteilnehmer mit besseren Informationen versorgen. Deshalb müssen wir ihr Unternehmensmodell überprüfen, und die Modelle und Mechanismen, mit denen sie ihre Bewertungen vornehmen, müssen besser und transparenter werden.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach einer Menge Arbeit, haben Sie schon begonnen?

Almunia: Der Wirtschafts- und Finanzrat Ecofin hat schon im Oktober eine Roadmap mit Initiativen vorgelegt, in einem Kommissionsbericht im März und bei einer informellen Sitzung des Ecofin-Rats im April werden wir über die Fortschritte berichten. Und dann müssen die Maßnahmen umgesetzt und angenommen werden.

Das Interview führte Anne Seith.



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