Börsenminus Schnell mal eben den Gewinn gesichert

Der Dax ist heute überraschend stark eingebrochen. Nach Höhenflügen in den vergangenen Monaten und schwachen Vorgaben aus den USA hielten es viele Anleger an der Zeit, Wertpapiere zu verkaufen und Gewinne zu realisieren. Analysten sehen aber keinen Grund zur Beunruhigung.

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Hamburg - Böse Worte machten heute an den Börsen die Runde. Von "rasanter Talfahrt" war die Rede, von "Zinsangst", "panikartigen Verkäufen" und "Inflationssorgen" - nicht gerade Begriffe, die Börsianer erfreuen. Nach der satten Entwicklung der vergangenen Monate, einer schwächelnden US-Börse und steigenden Zinsen jenseits des Atlantik - die US-Notenbank hatte erst vergangene Woche wieder den Leitzins angehoben - war ein Ende des Höhenflugs an den deutschen Börsen absehbar.

Frankfurter Börse: Analysten trotz Kurseinbrüche ohne Sorge
REUTERS

Frankfurter Börse: Analysten trotz Kurseinbrüche ohne Sorge

Gerechnet hatte dann doch niemand damit, jedenfalls nicht in dieser Stärke. Das sonnige Wochenende reichte nicht, den schwachen Börsenabschluss der Wall Street vom Freitag zu vergessen. Diese Vorgaben sowie der anhaltend schwache Dollar, der den exportorientierten Werten seit langem Schwierigkeiten macht, drückten heute auf die Stimmung. Zeit, die doch recht prächtigen Kursgewinne der Vergangenheit in bare Münze umzuwandeln, dachten sich viele Anleger - und verkauften.

Zudem verschärften sogenannte Stopp-Loss-Orders den Abwärtstrend. Bei solchen Orders setzen Anleger eine Untergrenze, bei deren Unterschreiten das Papier automatisch verkauft wird. Da der Markt seit Donnerstagnachmittag in Teilen nachgegeben hatte, sicherten viele Anleger auf diese Weise ihre Gewinne.

Entsprechend fiel der Dax Chart zeigen heute zeitweise unter 5800 Punkte und gab damit binnen drei Handelstagen rund 400 Zähler ab. Zur Mittagszeit erholte er sich aber wieder deutlich oberhalb dieser Grenze und verlor damit 1,2 Prozent. Erst vergangene Woche erreichte der Index mit einem Punktestand von 6140 ein Fünfjahres-Hoch, manche Analysten sprachen von einer neuen Boomphase an den Aktienmärkten, wiesen aber zugleich auf die Risiken hin.

"Jetzt kommt wieder eine Spur von Realismus rein", sagt Aktienexperte Reinhard Pfingsten von der Deka Investment in Frankfurt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Börse sei "sehr euphorisch" gewesen, man habe den steigenden Zinssatz und die Inflationserwartungen nicht ausreichend berücksichtigt. "Das Problem ist nur, dass ein euphorischer Börsenhype nie funktioniert." Jetzt sei die Sorglosigkeit weg, spekulatives Geld werde vom Markt genommen und es gebe einen Gleichklang von Risiken und Chancen. "Das ist ein völlig gesunder Prozess", beurteilt Pfingsten die Entwicklung. "Und ob der Dax über oder unter 6000 Punkten liegt, ist eine rein psychologische Frage. Kapitalströme verändert das nicht."

Langfristig sieht der Deka-Analyst sogar weiteres Entwicklungspotential auf den Aktienmärkten. "Die Weltkonjunktur wächst jährlich um mehr als vier Prozent, die Unternehmensgewinne steigen", sagt Pfingsten. Die Gewinnrendite auf dem Aktienmarkt liege nach wie vor im Schnitt bei 7,5 Prozent, auf dem Rentenmarkt bei 4,5 Prozent. "Da ist doch klar, wo Geld angelegt wird."

Andere Analysten sprachen von "überfälliger Korrektur" - oder lehnten es gleich ab, zu der Entwicklung Stellung zu nehmen, weil es sich um eine "ganz und gar normale, gute Entwicklung" handele und man den Kurseinbruch nicht zu hoch bewerten wolle.

Dramatischer als im Dax waren die Verluste bei den Nebenwerten: Der MDax Chart zeigen fiel in der Spitze um knapp vier Prozent auf 8516 Punkte. Der TecDax Chart zeigen rutschte um bis zu sechs Prozent auf 683 Zähler ab.

Zu den schwächsten Werten zählten heute Morgen die Deutsche Börse Chart zeigen und Volkswagen Chart zeigen. Beide Papiere gaben in der Spitze mehr als fünf Prozent ab. Dagegen lag der Energieversorger RWE Chart zeigen aufgrund eines kräftig gesteigerten Quartalsergebnisses leicht im Plus. Im MDax brachen die Papiere von Vivacon Chart zeigen um 7,3 Prozent ein, das Immobilienunternehmen war im abgelaufenen Quartal trotz Umsatzplus ins Minus gerutscht. Im TecDax gaben Solarwerte wie Q-Cells und Solarworld Chart zeigen zeitweise zweistellig ab.

Der Ölpreis bewegte sich heute derweil auf hohem Niveau. Experten sagten einen Preisrückgang voraus. Klaus Martini von der Deutschen Bank Chart zeigen sagte dem "Handelsblatt", die weltweite Rohölproduktion liege derzeit "deutlich über dem Verbrauch". Dem Blatt zufolge rechnen 20 befragte Rohstoff-Experten im Jahresdurchschnitt 2006 mit einem Preisrückgang der Rohölsorte West Texas Intermediate von derzeit fast 72 auf 64 Dollar je Barrel (159 Liter). Für 2007 gehen sie sogar von einem Rückgang auf 59 Dollar je Barrel aus.

Der Wachstumskurs des Euro stoppte heute: Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,2826 Dollar fest. Mit 1,2970 Dollar pro Euro markierte die europäische Gemeinschaftswährung am Morgen noch einen neuen Höchststand seit gut einem Jahr. Der historische Euro-Höchstkurs lag im Januar 2005 bei 1,3667 US-Dollar.



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