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09. März 2001, 23:32 Uhr

Börsenschluss Frankfurt

Geburtstag in Tiefrot

Der Neue Markt feiert seinen vierten Geburtstag ganz in Rot. Der Nemax 50 fällt unter 2000 Punkte. Starke Verluste der Nasdaq drücken auch die Hightechwerte im Dax: Der Patient Technologie liegt zum Wochenende wieder am Boden.

Frankfurt – Auf die leichte Erholung zu Wochenbeginn folgte am Freitag ein neuer Schwächeanfall. Die Märkte waren nicht stark genug, um die Gewinnwarnung von Schwergewicht Intel zu verkraften. Der Dax geht mit einem Minus von 1 Prozent auf 6204 Zähler aus dem Handel.

Der Einbruch der US-Technologiebörse Nasdaq hat besonders dem Neuen Markt jede Feierstimmung verhagelt. Der Nemax All Share schließt mit einem Minus von 2,9 Prozent auf 2033 Zähler. Exakt vor einem Jahr hatte der Nemax All Share bei 8583 Punkten notiert. Der Nemax 50 taucht mit 3,3 Prozent Abschlag auf 1924 Punkte.

Von den US-Börsen sind Anleger inzwischen Kummer gewohnt. Die Blue Chips im Dow Jones verlieren bis zum Handelsschluss in Deutschland 1,9 Prozent auf 10648 Zähler. An der Technologiebörse Nasdaq fallen die Kurse sogar um 5 Prozent und drücken den Index auf 2061 Zähler. Neben der Intel-Gewinnwarnung haben vor allem neue US-Konjunkturdaten die Hoffnung auf schnelle Zinssenkungen schwinden lassen.

Die US-Arbeitslosenzahlen lesen sich gut für die Beschäftigten, sorgen an den Börsen jedoch für Skepsis. Die Arbeitslosenquote lag im Februar unverändert bei 4,2 Prozent. Beim produzierenden Gewerbe ging die Zahl der Arbeitslosen sogar um 94.000 zurück, und die Nettolöhne sind leicht gestiegen.

Der Druck auf Alan Greenspan, die Zinsen erneut deutlich zu senken, nimmt ab. Statt einer Senkung der Leitzinsen um 50 Basispunkte halten Experten nun auch eine Reduzierung um 25 Basispunkte für möglich. Börsianer hofften jedoch auf eine deutliche Zinssenkung, damit die zinsanfälligen Wachstums- und Technologietitel wieder auf die Beine kommen.

Defensive Titel bleiben gefragt

In Frankfurt bleiben die defensiven Titel an der Spitze der Gewinnerliste. Commerzbank und Lufthansa legen jeweils drei Prozent zu, Metro; Linde und Thyssenkrupp folgen mit 1,3 bis 1,6 Prozent Zuwachs. Offenbar haben Anleger von der Achterbahnfahrt der Technologietitel genug und investieren in weniger schwankungsanfällige Werte.

Händler führten die deutliche Entwicklung der Commerzbank auf eine technische Reaktion zurück. Die Commerzbank-Aktien hatten sich in den vergangenen Tagen nach ihrem 52-Wochen-Tief leicht erholt. Auch Automobilwerte notieren fester. Volkswagen (plus 0,9 Prozent), DaimlerChrysler (plus 0,7 Prozent) und BMW (plus 0,7 Prozent) können von der Hightechflucht profitieren, da sich auch die Aussichten der Autobranche aufhellen. Im M-Dax klettert Porsche sogar um vier Prozent.

Intel schickt Tech-Werte in den Keller

Der Chiphersteller Intel gab den Technologiewerten die Richtung vor: Abwärts. Die Intel-Aktie verliert nach der Gewinnwarnung des Unternehmens mehr als zehn Prozent. Auch Motorola gibt deutlich nach: Der angeschlagene Handy-Produzent ist von Merrill Lynch und Credit Suisse herabgestuft worden.

Das Vertrauen, das Anfang der Woche in Technologietitel zurückzukehren schien, ist wieder verflogen. Zu lang ist die Liste der Gewinnwarnungen seit Jahresbeginn, zu verhalten sind die Aussichten für dieses Jahr. Infineon ist mit minus 5,2 Prozent Schlusslicht im Dax. Siemens und SAP verlieren jeweils knapp 5 Prozent. Epcos gibt 2,4 Prozent ab. Auch die T-Aktie fällt mit einem Abschlag von 2,2 Prozent wieder unter 27 Euro.

Der im M-Dax notierte Medienwert ProSieben Sat 1 ist nach einer Herabstufung durch das amerikanische Investmenthaus Morgan Stanley Dean um mehr als 13 Prozent eingebrochen. Die Analysten haben aufgrund des schwierigen Marktumfeldes die Wachstumsaussichten gesenkt.

Aixtron: Seltener Lichtblick

Zu den ganz wenigen Gewinnern im Nemax 50 zählt Aixtron mit einem Plus von 9,3 Prozent auf 87,50 Euro. Der Produzent von Maschinen zur Halbleiterherstellung hatte am Donnerstag nach Börsenschluss gute Zahlen für das Geschäftsjahr 2000 veröffentlicht. Vor allem der positive Ausblick werde jetzt von den Anlegern honoriert, sagte ein Händler. Am Vortag hatte Aixtron noch zu den Verlierern am Neuen Markt gehört.

Bergab ging es mit dem Kurs der Multimediaagentur Pixelpark. Die Berliner Bertelsmann-Tochter rutschte im Handelsverlauf auf den neuen Tiefstand von 12,39 Euro. Gerüchte, dass Bertelsmann seinen 60-Prozent-Anteil möglicherweise verkaufen will, drückten die Aktie um 14 Prozent.

T-Online: Mit neuer Strategie aus der Krise?

Erneut unter Druck auch T-Online mit einem Abschlag von mehr als zwei Prozent. Am Dienstag will der neue T-Online Chef Thomas Holtrop die neue Strategie der angeschlagenen Telekom-Tochter präsentieren. Bereits seit Wochen wird über eine Zusammenarbeit zwischen T-Online und der KirchGruppe beziehungsweise mit den Tourismusgruppen TUI und C&N spekuliert.

Im breiter gefassten Nemax-All-Share legte Fluxx um mehr als acht Prozent zu. Das Unternehmen hatte vor Börseneröffnung mitgeteilt, die Gewinnschwelle voraussichtlich früher als geplant zu erreichen. Noch schreibt die Internet-Firma rote Zahlen. Dank des positiven Ausblicks konnte die Aktie dennoch gewinnen - es gibt doch noch Vertrauen an den Börsen.

Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs für den Euro am Freitag auf 0,9357 (0,9312) Dollar fest. Am Abend wurde die Gemeinschaftswährung für 0,9331 Dollar gehandelt.

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