Börsenschluss Frankfurt Mitten im Stimmungstief

Schwache US-Börsen drücken die deutschen Aktien weiter. Der Nemax 50 notierte zeitweise unter 2000 Punkten. Trotz leichter Erholung zum Handelsschluss belasten schwache Auto-, Banken- und Technologietitel die Indizes.


Hamburg – Einmal mehr atmen die deutschen Märkte mit der Wall Street, und den amerikanischen Börsen fehlt die Puste. Zwar drehten Dow Jones (plus 0,1) und Nasdaq (+0,6 Prozent) kurz vor Handelsschluss in Deutschland minimal ins Plus, doch die Stimmung bleibt getrübt. Der Dax ging mit einem Minus von 1,1 Prozent auf 6277 Punkte aus dem Handel. Der Nemax 50, der am Nachmittag die 2000-Punkte-Marke nach unten durchschlagen hatte, schloss mit 2082 Punkten um drei Prozent schwächer. Der marktbreitere Nemax All Share gab 2,7 Prozent auf 2190 Punkte nach.

Neben Bankentiteln standen im Dax vor allem Autowerte unter Abgabedruck. Vor der Pressekonferenz von DaimlerChrysler, auf der der Konzern Details seines Restrukturierungsprogramms erläutern will, litten die Aktien des Autokonzerns unter Gewinnmitnahmen. Einige Händler sehen außerdem die 30-Milliarden-Dollar Anleihe des Konzerns kritisch, mit deren Hilfe der Konzern die Krisenmarke Chrysler wieder auf Spur bringen will. Die Papiere verloren 4,4 Prozent auf 54,70 Euro und waren Schlusslicht im Dax. Die Aktie hatte seit Anfang Februar mehr als 10 Prozent zugelegt. Da dürfte wenig trösten, dass auch Konkurrent BMW zwei Prozent nachgaben. Volkswagen standen mit 0,4 Prozent nur minimal im Minus.

Die T-Aktie war nach den Wirren der vergangenen Tage zumindest im Umsatz spitze. In einem Schlussspurt machte die Aktie ihre Verluste wett und notierte mit einem Plus von 0,3 Prozent auf 25,27 Euro schließlich an dritter Position im Dax. Unterdessen wies die Telekom den Vorwurf zurück, sie habe falsche Angaben in ihren Börsenprospekten gemacht. Das Unternehmen reagierte damit auf die Mitteilung der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Die DSW will wegen der Immobilien-Wertberichtigung der Telekom die Möglichkeit einer Prospekthaftungsklage zu prüfen.

Spitzenreiter im Dax waren die Papiere von Henkel. Das Düsseldorfer Konsum- und Chemieunternehmen hatte am Morgen seine Jahresbilanz vorgelegt. Die Bilanz des Persil-Herstellers gab zwar keinen Grund zu überschäumender Euphorie, lag aber leicht über den Erwartungen der Analysten. „Da weiß man, was man hat“, dürften viele gerupfte Hightech-Anleger ihre Entscheidung begründet haben, in den defensiven Konsumwert einzusteigen: Henkel legte 6,04 Prozent zu.

Nichts Neues bei Technologiewerten: Sie verlieren weiter. SAP erwischte es mit Abschlägen von zuletzt 3,6 Prozent am härtesten. Epcos verschlechterten sich auf minus 1,4 Prozent. Siemens schlossen mit 1,3 Prozent im Minus, obwohl Konzernchef Heinrich von Pierer während der Hauptversammlung am Donnerstag ein Rekordergebnis bekannt gegeben hatte. Die Anleger sind skeptisch, ob Tochter Infineon im Chipbereich weiterhin gut verdienen kann: Ebenso trübe sind die Wachstumsaussichten für Konzernmutter Siemens im Mobilfunkgeschäft. Auch die Meldung, dass Siemens für 1,5 Milliarden Dollar mit Efficient Networks eines der weltweit führenden Unternehmen in der DSL-Breitbandtechnologie übernehmen will, hat dem Kurs nicht aufgeholfen.

Der Sturz des Nemax 50 unter die 2000-Punkte-Marke war im hektischen Nachmittagshandel beinahe untergegangen, weil Händler einmal mehr den Herzschlag der US-Technologiebörse Nasdaq verfolgten. Der schleichende Kursverfall sei schlimmer als ein Crash, meinte ein Händler. Obwohl der Markt überverkauft und ausreichend Liquidität vorhanden sei, hielten sich Käufer weiter zurück. Zu den ganz wenigen Gewinnern zählen die Papiere von Singulus, die mit rund 9,17 Prozent Zuwachs auf 24,89 Euro aus dem Handel gingen. Die Analysten der Credit Suisse First Boston hatten die Aktie zum Kauf empfohlen und sehen das Kursziel bei 53 Euro. Spitzenreiter im Nemax 50 war das Medienunternehmen Intertainment mit einem satten Plus von 32 Prozent.

Nach der Kursrallye am Vortag litten die Titel von Brokat unter Gewinnmitnahmen. Das Papiere büßte 8,3 Prozent ein. Die Papiere der Direkt-Banken standen ebenso unter Verkaufsdruck wie die gesamte Bankbranche. Consors büßte fünf Prozent ein, die. Direkt Anlage Bank notierte 7,3 Prozent schwächer. Comdirect verbilligte sich um 5,1 Prozent.

Bei Gigabell tönt bald die Schlussglocke. Mit Verlusten von 63 Prozent auf 0,37 Euro war das Papier der billigste und schwächste Wert am gesamten Neuen Markt. Die Aktie der Gigabell ist automatisch am geregelten Markt der Frankfurter Börse zugelassen, nachdem sie vom Kurszettel der Neuer-Markt-Titel gestrichen wurde. Damit sind die Anteilsscheine aber nicht automatisch in diesem Marktsegment notiert, können also nicht ab kommender Woche weiter gehandelt werden.

Um wieder gelistet zu werden, müsste Gigabell gemeinsam mit einem zugelassenen Kreditinstitut einen Antrag stellen. Da das noch nicht geschehen ist, retten die Anleger, was noch zu retten ist. Die Aktie hatte die Zulassung zum Wachstumsmarkt eingebüßt, weil Gigabell trotz "mehrfacher Mahnung" keinen Quartalsbericht für das dritte Jahresviertel zum 31. Dezember 2000 erstellt habe, begründete die Deutsche Börse ihre Entscheidung.

Der Euro notierte am frühen Abend bei 0,9053 Dollar. Die US-Währung kostete damit 2,1597 Mark. Deutsche Anleihen notierten im Verlauf des Donnerstagshandels knapp behauptet. Nachdem sie zu Handelsbeginn Verluste erleiden mussten, konnten sie später von fallenden Kursen an den US-Aktienmärkten profitieren. Der richtungsweisende Euro-Bund-Future notierte zuletzt mit 0,05% im Minus bei 108,45 Punkten. Zuvor hatten Anleihen deutlich verloren, da die höher als erwartet ausgefallenen deutschen Verbraucherpreise aus vier deutschen Bundesländern stärker gestiegen waren als zuvor erwartet. Die Zahlen sprechen dagegen, dass die EZB in naher Zukunft die Zinsen senkt.



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