Börsenschluss Frankfurt Tiefer Sturz zum Wochenschluss

Das Trio Infernale Sun, Motorola und Qualcomm hat am Freitag die Börsen in den Keller geschickt. Neben Technologiewerten brachen auch Standardwerte ein. Der Nemax 50 notiert unter 2000 Zählern.


Hamburg – Nach der Gewinnwarnung von Sun Microsystems am Morgen ließ Motorola am Nachmittag die zweite Bombe platzen. Der Handyhersteller rechnet im ersten Quartal mit Verlusten. Der Dow Jones verliert bis 20 Uhr 1,9 Prozent. Die US-Technologiebörse Nasdaq steht mit minus 3,2 Prozent unter der 2200-Punkte-Marke.

Die Aktien des Mobilfunk-Zulieferers Qualcomm haben an der Nasdaq zeitweise um 23 Prozent nachgegeben. Vorstands-Chef Irwin Jacobs hat vor einer verzögerten Auslieferung bei Mobiltelefonen der dritten Generation gewarnt. Bis Ende 2004 oder 2005 werde es dauern, bis die Geräte erhältlich seien.

Zuvor hatte das Investmenthaus Goldman Sachs zahlreiche Telekomaktien herabgestuft. Im Eurostoxx 50 rauschten Telekom-Papiere wie Nokia und Alcatel in den Keller. Der Branche droht nach Ansicht von Experten der finanzielle Schiffbruch: Gigantischen Investitionen stehen abstürzende Aktienkurse gegenüber.

Parallel ging es mit den Wachstumswerten am Neuen Markt abwärts. Der Nemax 50 gab 5,5 Prozent nach und schloss bei 1968 Punkten, der marktbreitere Nemax All Share fiel 4,1 Prozent auf 2100 Punkte. Die Ausverkaufsstimmung hat wichtige Unterstützungslinien hinweggefegt. Händler befürchten: Für den Nemax 50 ist jetzt mittelfristig der Weg auf 1500 Punkte frei.

Der Taumel der Telekommunikations- und Technologietitel brachte auch den Dax ins Wanken. Der Dax 30 schloss mit 3,2 Prozent im Minus bei 6075 Punkten. Die Kursgewinne vom Vormittag sind weggeblasen. Die T-Aktie, die zeitweise mit drei Prozent Plus Dax-Spitzenreiter war, notierte zuletzt 2,2 Prozent im Minus. Die Aktie hatte zunächst von der Nachricht profitiert, dass die Deutsche Telekom die Mehrheit an den restlichen Kabelregionen für rund zwei Milliarden Dollar verkaufen und damit ihre Schulden weiter abtragen will: Doch in der Krisenstimmung war diese Meldung am Abend nichts mehr wert.

Nur Karstadt, Lufthansa und BMW verbuchten im Dax winzige Kursgewinne. Lufthansa will gemeinsam mit zwei Investoren den indischen Fluglinien Air India und Indian Airlines übernehmen. KarstadtQuelle genügten 0,3 Prozent Kursgewinn, um sich an die Spitze des Dax zu setzen.

Selbst ein defensiver Wert wie DaimlerChrysler stand unter keinem guten Stern. Händler begründen die Abschläge von 3,8 Prozent mit fortgesetzten Gewinnmitnahmen. Am Vormittag hatte zudem das Investmenthaus UBS Warburg sich negativ zu den Gewinnaussichten des Konzerns geäußert.

Für Technologietitel gibt es kein Halten mehr. SAP war mit einem Abschlag von knapp zehn Prozent Schlusslicht im Dax. Es folgen Siemens (minus 8,1 Prozent), Infineon (minus 5,7 Prozent), Schering (minus 5,7 Prozent) und Epcos (minus 4,8 Prozent), die einen großen Teil ihrer Erlöse als Zulieferer für Telekommunikations-Konzerne erwirtschaften.

Einziger Lichtblick an einem dunklen Freitag waren die M-Dax-Papiere von Rheinmetall mit Kursaufschlägen von knapp 20 Prozent. Rheinmetall erhält einen neuen Aktionär: Der amerikanische Finanzexperte Guy Wyser-Pratte hat rund 5 Prozent der Stammaktien des Mischkonzerns gekauft. Er gilt als aktiver Aktionär, der den Börsenwert des Konzerns durch massiven Einfluss auf die Firmenpolitik steigern will.

Im Nemax-50 mussten Anleger Gewinner mit der Lupe suchen. PrimaCom standen zuletzt mit knapp 10 Prozent im grünen Bereich, nachdem die Deutsche Telekom den Abschied aus dem Kreis der Kabelnetzbetreiber bekannt gegeben hatte. Mit dem Ausstieg des ehemaligen Monopolisten verbessern sich jetzt die Aussichten für kleinere Unternehmen.

T-Online gab sein Plus im Handelsverlauf vollständig ab und schloss mit 1,4 Prozent im Minus. Erneut unter Verkaufsdruck standen Heyde, die knapp 15 Prozent abgaben. "Vor den Geschäftszahlen möchte niemand mehr den Wert anfassen", sagte ein Händler. Das Unternehmen wird am 28. Februar Klarheit über seine Situation schaffen.

Bergab ging es sogar mit Biotechnologie-Werten, die sich lange Zeit vergleichsweise stabil gehalten haben. Evotec Biosystems verloren knapp 15 Prozent. Lion Bioscience zeigten sich neun Prozent schwächer. Medigene gingen mit knapp zehn Prozent in die Knie. Und selbst das Nemax-50-Schwergewicht Qiagen verlor 6,1 Prozent und schloss unter 30 Euro.

Zum Abschied vom Neuen Markt war Gigabell einmal mehr schwächster Wert mit Kursabschlägen von 29 Prozent auf 0,26 Euro. Ab Montag darf Gigabell nicht mehr am Frankfurter Neuen Markt gehandelt werden. Die Deutsche Börse AG hatte die Zulassung auf Notierung am Wachstumssegment am Donnerstag entzogen.

Der Rentenmarkt tendierte am Freitag fester. Der Rentenindex REX lag um 0,2 Prozent im Plus bei 112,48 Punkten. Der Bund-Future zehnjähriger Staatsanleihen notierte ebenfalls um 0,2 Prozent fester bei 108,67 Zählern. Die Umlaufrendite lag unverändert bei 4,86 Prozent.

Die Kursschwäche an den US-Aktienmärkten hat den Euro gegenüber der US-Währung um mehr als eineinhalb US-Cents zeitweise über 0,92 Dollar klettern lassen. Der neuerliche Kurseinbruch der US-Dividendenpapiere habe eine Flucht von Dollar in Euro ausgelöst, sagten Marktteilnehmer. Einen weiteren Schub habe die Gemeinschaftswährung von den schwindenden Sorgen vieler Anleger über mögliche negative Auswirkungen der türkischen Finanzmarktkrise auf die Euro-Zone erhalten.



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