Börsenschluss Frankfurt Wall Street zog Dax tief ins Minus

Eine schwache Wall Street und schlechte Prognosen von US-Konzernen haben den Dax unter Druck gesetzt. Auf Erholungskurs steuerte dagegen der Neue Markt. Siemens-Aktien fielen auf ein Jahrestief. Dax-Neuling MLP stürzte erneut ab.


Frankfurt am Main – Zwei Faktoren hatten am Dienstag die Wall Street und damit auch die deutschen Aktienmärkte unter Druck gesetzt: Schwache Prognosen von US-Konzernen und die Tatsache, dass US-Notenbankchef Alan Greenspan nichts Neues zu berichten hatte.

Der Dax ging mit einem Minus 2,22 Prozent bei 5663 Zählern aus dem Handel. Der Nemax 50 hatte zwar im Handelsverlauf nachgegeben, trotzte aber den schwachen US-Börsen mit einem Plus von 1,55 Prozent auf 1099 Zähler. Händler begründeten die Kursgewinne am Neuen Markt als technische Reaktion auf die deutlichen Verluste vom Vortag.

Die US-Börsen standen zum Handelsschluss in Deutschland im roten Bereich. Die Industriewerte im Dow Jones präsentierten sich 1,7 Prozent schwächer auf 10.250 Punkte. Die Technologiewerte im Nasdaq Composite gaben 1,9 Prozent auf 1951 Zähler ab.

Lucent enttäuschte erneut

Bereits vor Handelsbeginn hatte Lucent Technologies, einer der weltgrößten Telekomausrüster, den Vogel abgeschossen. Nach bereits zwei Gewinnwarnungen veröffentlichte der Konzern Geschäftszahlen, die dann auch noch unter den Analysten-Erwartungen lagen. Lucent wird in diesem Jahr bis zu 20.000 weitere Stellen streichen. Die Aktie lag gegen 20 Uhr mit 16 Prozent im Minus.

Unter Verkaufsdruck hatten auch AT&T und Amazon.com gestanden. Beide Konzerne hatten Geschäftszahlen etwa im Rahmen der Erwartungen vorgelegt, allerdings ihre Prognosen gesenkt. Amazon verloren mehr als 22 Prozent. AT&T zeigten sich zwei Prozent schwächer. Die Papiere des Spezialchipherstellers Cirrus Logic gaben gegen 20 Uhr (MEZ) ebenfalls rund 22 Prozent nach. Cirrus verfehlte mit seinen Ertragszahlen für das erste Quartal die Markterwartungen und warnte für das laufende Quartal.

Einen "Greenspan"-Effekt hat es an den deutschen Börsen weder im positiven noch im negativen Sinn gegeben. Der Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, hatte seine skeptische Haltung zur US-Konjunktur wiederholt und erneut Zinssenkungen in Aussicht gestellt.

Goldman Sachs empfiehlt Fresenius Medical Care

Die Aktien von Fresenius Medical Care beendeten den Handel im Dax mit einem Kursaufschlag von 1,49 Prozent auf 83,11 Euro als Tagessieger. Das Papier profitierte von einer positiven Analyse der Investmentbank Goldman Sachs. Die Analysten haben Fresenius Medical Care in ihre Empfehlungsliste aufgenommen und für die Anteilsscheine ein Kursziel von 105 Euro angegeben. Die Aktien von Henkel rückten leicht um 0,21 Prozent auf 72,98 Euro vor. Hinter den beiden Titeln gab es nur noch Verlierer bei den Standardwerten.

Wie schon am Vortag hatte die Aktie von MLP die Verliererliste angeführt. Das Papier rutschte um 11,10 Prozent auf 87,30 Euro. Am Montag war MLP mit einem Abschlag von über sieben Prozent aus der Sitzung gegangen. Vor der Aufnahme in den Dax sei die Aktie "hochgekauft" worden, erklärte ein Händler. Nun würde sie "heruntergeprügelt", weil sie den Anlegern zu teuer erscheine.

SAP ist von Marktgerüchten um eine Berichtigung der am Donnerstag präsentierten Geschäftszahlen belastet worden. Das Papier verlor 3,12 Prozent auf 155 Euro. Gegen die Softwareschmiede ermittelt das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel. "Wir prüfen, ob SAP gegen das Wertpapierhandelsgesetz verstoßen hat", erklärte eine Sprecherin des Amtes. Am Wochenende hatte der Softwarekonzern eingeräumt, weniger Gewinn erwirtschaftet zu haben als noch am vergangenen Donnerstag präsentiert. Auslöser waren die horrenden Quartalsverluste US-Softwareherstellers Commerce One, an dem SAP beteiligt ist.

Siemens-Aktien verloren 7,14 Prozent auf 56,55 Euro und hatten zeitweilig mit 56,40 Euro ein neues Jahrestief markiert. Händler führten die Bewegung auf die am Mittwoch zur Veröffentlichung anstehenden Bilanzdaten für das dritte Quartal zurück. "Der Markt ist sich sehr unsicher, was Siemens morgen bringen wird", sagte ein Händler. Die Analystenprognosen für das Netto-Ergebnis reichen von einem Gewinn von 326 Millionen Euro bis zu einem Verlust von 195 Millionen Euro. Der Grund liege darin, dass Siemens den Analysten zuletzt keinerlei Richtung vorgegeben habe, sagte ein Branchenexperte.

Die Aktien der Konzerntochter Epcos rutschten um 2,31 Prozent auf 51,70 Euro. Am Donnerstag legt Epcos ebenfalls Bilanzdaten vor. Bereits gestern hatte die Aktie um mehr als zwei Prozent verloren, nachdem die Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein die Gewinnprognosen für das Unternehmen als auch das Kursziel von ehemals 54 auf zukünftig 45 Euro gesenkt hatte. Der Markt befürchte, dass die Quartalszahlen des Elektronik-Konzerns schlecht ausfallen, sagte ein Händler.

Die Konkurrenz aus der Schweiz hatte bereits am Morgen ein negatives Beispiel geliefert: ABB musste im ersten Halbjahr 2001 einen Gewinneinbruch hinnehmen. Möglicherweise sei bei Siemens das negative Überraschungspotenzial aber inzwischen so weit eingepreist, dass die Aktie am Mittwoch bei Veröffentlichung der Zahlen sogar steigen könnte, erklärte der Händler.

Neue Spekulationen, wonach sich das Investment Banking der Deutschen Bank im ersten Halbjahr schlechter als bisher entwickelt habe, ließen den Kurs der größten deutschen Bank fallen, sagte der Händler. Die Anteilsscheine der Großbank verloren 3,43 Prozent auf 77,60 Euro. Zu den größten Verlierern zählten auch die Aktien der Deutsche Telekom, die um 3,56 Prozent auf 24,40 Euro fielen.

Technische Reaktion verhilft dem Neuen Markt ins Plus

Der Neue Markt stemmte sich mit Zugewinnen gegen die schlechten Vorgaben der Nasdaq, gab dann aber mit schwächeren US-Börsen nach. Händler machten für die freundliche Tendenz eine technische Reaktion verantwortlich. Fundamental habe sich nichts geändert, zudem sei die Nachrichtenlage aus den USA eher belastend. Dabei wisse keiner so recht, wie es weitergehen soll.

Die Quartalsberichterstattung befindet sich in den Vereinigten Staaten auf ihrem Höhepunkt. "Es kommen so viele Unternehmenszahlen herein. Da können Sie im Prinzip eine Münze werfen," sagte ein Händler. "Man wartet einfach ab, bis das alles überstanden ist und sich ein klarer Trend abzeichnet." Nach den Quartalsbilanzen werden nach Ansicht von Giuseppe Amato von Lang & Schwarz die US-Konjunkturdaten wieder in den Vordergrund rücken. "Man hofft einfach, dort Anzeichen für eine Wende zu erkennen. Die Leute brauchen einen Strohhalm."

Nach Gerüchten über einen möglichen Rücktritt des Vorstandschefs und Unternehmensgründers Thomas Haffa legten EM.TV 26,11 Prozent auf 2,27 Euro zu. Das Unternehmen lehnte jeden Kommentar ab und verwies auf eine für Mittwochvormittag angesetzte Pressekonferenz.

Die Aktien von IDS Scheer kletterten 3,76 Prozent auf 13,80 Euro, nachdem das Beratungs- und Softwareunternehmen eine Umsatzsteigerung von 46 Prozent im zweiten Quartal bekannt gegeben hatte. "Die Zahlen waren ganz gut gewesen," sagte ein Händler. "Insgesamt nicht so der Reißer", kommentierte er die Umsätze in diesem Wert.

Die Liste der Kursverlierer im Nemax wurde von Primacom angeführt. Die Analysten von Merrill Lynch hatten den Titel zuvor von "Accumulate" auf "Neutral" heruntergestuft. Zudem belasteten Gerüchte über Sonderabschreibungen den Aktienkurs des Kabelnetzbetreibers. Primacom verloren 14,45 Prozent auf 4,38 Euro.

Die Aktien des Telematik-Dienstleisters Init konnten leicht über den Ausgabepreis von 5,10 Euro hieven. Das Papier ging mit 5,15 Euro aus dem Handel. "Für ein so schwieriges Umfeld für Börsengänge ist das kein schlechter Start", sagte ein Aktienhändler in Frankfurt. Derzeit würden die Emissionsbanken den Aktienkurs allerdings noch durch Käufe stützen, hieß es.

Euro notiert stärker

Der Kurs des Euro ist am Dienstag gestiegen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 0,8708 (Montag: 0,8676) US-Dollar fest. Der Dollar kostete damit 2,2460 (2,2543) Mark. Nach der Festlegung des Referenzkurses durch die EZB kletterte der Euro weiter und stieg zum Handelsschluss auf 0,8754 Dollar.

Die niedriger als erwartet ausgefallenen Inflationswerte aus den deutschen Bundesländern sowie die ebenfalls geringe Teuerung in Frankreich hätten dem Euro-Kurs am Dienstagnachmittag neues Leben eingehaucht, sagte der Analyst Mark Austin vom Bankhaus HSBC.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.