Börsenschluss Im Sog der Wall Street

Schwache US-Börsen hatten die deutschen Aktienmärkte am Dienstagabend unter Druck gesetzt. Dax und Nemax gaben alle Gewinne wieder ab. Fonds drückten die Aktien von Infineon auf ein Allzeittief. Die "Aktie Gelb" ging als Tagessieger aus dem Rennen.


Frankfurt am Main - Der Mittwoch wird ein schwerer Tag für die deutschen Aktienmärkte. Zum Handelsschluss in Deutschland waren die Aktienindizes in den USA stark abgefallen. Der Dow Jones stand mit 0,8 Prozent auf 10.215 Punkten im Minus. Die Nasdaq notierte 2,3 Prozent schwächer auf 1981 Zähler und fiel damit unter die psychologisch wichtige Marke von 2000 Punkten.

Die Standardwerte im Dax hatten ihre Kursgewinne vom Vormittag wieder abgegeben und gingen mit einem Minus von 0,9 Prozent auf 5816 Zählern aus dem Handel. Noch dramatischer waren die Verluste bei den Wachstumswerten. Hatte der Nemax 50 im Handelsverlauf zeitweise mit mehr als drei Prozent im Plus gestanden, verzeichnete der Index zum Handelsschluss lediglich ein Plus von 0,1 Prozent auf 1203 Punkten.

Händlern in den USA zufolge hatte ein pessimistischer Gewinnausblick des weltgrößten Glasfaser-Kabelherstellers Corning für die zweite Jahreshälfte sowie die Ankündigung, 1000 Arbeitsplätze abzubauen, die Stimmung im Markt belastet. Zudem hatten Konjunkturdaten vom Nachmittag hatten den Marktteilnehmern die Laune verdorben. Der Großhandelsumsatz in den USA war im Mai im Vergleich zum Vormonat um 0,1 Prozent auf 229,82 Milliarden Dollar gefallen. Zugleich hatten sich die Lagerbestände um 0,2 Prozent erhöht.

Viele Anleger hofften allerdings, dass die für die kommenden Tage erwarteten Unternehmensberichte zum zweiten Quartal möglicherweise eine positive Trendwende bei den Erträgen signalisierten, sagten Händler."Uneinigkeit herrscht einzig allein darüber, wie stark sich die Ertragslage verbessern werde und diese Unsicherheit der Marktteilnehmer macht sich bemerkbar", sagte Edgar Peters von der Investmentabteilung der PanAgora Asset Management.

"Wir haben eine Schaukelbörse gesehen", sagte Stefan Müller mit Blick auf den Handelsverlauf in Deutschland. Der Aktienhändler der Dresdner Bank hielt es für ein positives Zeichen, das die starken Verluste sich nicht fortgesetzt hätten, bis die abgebenden Kurse in den USA Druck auf die deutschen Aktienkurse ausgeübt hätten. Am Vormittag hatte bereits eine nach unten korrigierte Wirtschaftsprognose des DIW die Gewinne im Dax geschmälert, sagte ein anderer Händler. Die DIW-Experten senkten ihre Wachstumsschätzung für Deutschland in diesem Jahr auf 1,0 Prozent. Erst im Jahr 2002 sei wieder mit einer spürbaren Erholung zu rechnen.

Deutsche Post Tagessieger im Dax

Eine technische Reaktion auf die Verluste der vergangenen Tage hat nach Ansicht von Oana Floares, Analystin bei Helaba Trust, die Aktie von SAP an die Dax-Spitze befördert, wobei das Plus zum Handelsschluss auf 0,80 Prozent bei rund 140 Euro geschmolzen war. Gerüchte, dass SAP seine Prognosen in dem schwachen Marktumfeld nicht halten könne, hatten die Aktie in der vergangenen Woche stark belastet.

Die T-Aktie war auf ihr Vortagesniveau bei 26,21 Euro zurückgefallen, belegte damit aber noch den siebten Platz im Dax. Die Aktien des zweiten ehemaligen Staatsmonopolisten, die Papiere der Deutsche Post, verteuerten sich ohne neue Nachrichten um 3,04 Prozent auf 19,44 Euro und führten damit die Gewinnerliste im Dax an.

Mit deutlichem Abstand führten Infineon die Liste der Tagesverlierer an. Die Aktie verlor 6,39 Prozent auf 24,30 Euro und fiel damit auf ein Allzeittief. Mit dem Unterschreiten der 25-Euro-Linie stiegen die Zahl der Verkaufsaufträge deutlich an. Ein Händler vermutete, das der Chiphersteller trotz gegenteiliger Beteuerungen die geplante Kapitalerhöhung um jeden Preis durchführen wolle. Großanleger drückten deshalb den Kurs um möglichst preiswert an die Stücke zu gelangen. Sollte Infineon von der Kapitalerhöhung abrücken, wird spekuliert, dass der Mutterkonzern Siemens der Tochter finanziell unter die Arme greift. Die Aktien von Siemens verloren 1,1 Prozent auf 61,32 Euro. Epcos gaben 2,36 Prozent auf 52,60 Euro nach.

Preussag verloren bei lebhaften Umsätzen 2,28 Prozent auf 35,75 Euro. Die Aktie habe sich gegen den Trend bislang recht gut gehalten. Nun würden Gewinne mitgenommen, sagte ein Analyst.

Bayer profitierten nur kurzzeitig von Exklusiv-Verhandlungen mit Aventis und Schering über den Kauf der Pflanzenschutz-Sparte Aventis CropScience. Bayer verloren 0,90 Prozent auf 43,80 Euro. Schering, die 24 Prozent an CropScience halten, gewannen 0,05 Prozent auf 60,30 Euro. Der Wert hatte den Handelsverlauf über deutlich im Plus gestanden.

Neuer Markt: Mobilcom bricht ein

Bis kurz vor Börsenschluss hatten die Anleger noch auf deutliche Kursgewinne am Neuen Markt gehofft. "Der Neue Markt ist noch unglaublich nervös. Wenn Amerika ein paar Punkte nachgibt, dann purzeln hier die Kurse wieder deutlich herunter", sagte ein Händler einer Großbank in Frankfurt. Für die zukünftige Entwicklung sei wichtig, dass die Nasdaq in der anlaufenden Saison der Quartalsmeldungen nicht unter 2000 Punkte rutscht. Zu Handelsschluss in Deutschland war die Nasdaq wieder unter die Marke von 2000 Punkten gefallen.

Zu den größten Gewinnern im Nemax 50 gehörten die Aktien von Aixtron, die sich um 11,20 Prozent auf 28 Euro verteuerten. Aixtron hält trotz der schwierigen Marktsituation an seinen Prognosen fest. "Von uns wird es keine Gewinnwarnung geben", sagte Aixtron-Sprecher Claus Ehrenbeck am Dienstag. "Unsere Planungen sind bombenfest und wir werden im nächsten Jahr weiter wachsen", bekräftigte er.

SAP SI gingen mit einem Plus von 10,20 Prozent auf 20,10 Euro aus dem Handel. Händler führten den Gewinn auf die starken Abgaben der Vortage zurück. "Gestern hatte es morgens einen richtigen Ausverkauf gegeben, der die Aktie deutlich unter 20 Euro führte. Das haben wir heute mit ordentlichen Umsätzen wieder aufgeholt", sagte ein Händler.

Börsianer rechneten am Neuen Markt nach den massiven Verlusten der Vorwoche allenfalls mit einer technischen Reaktion, aber nicht mit einer Trendwende. In diesem Sinne ist auch das Plus von rund 16 Prozent bei Brokat zu bewerten: Bei einer Bewertung von 2,36 Euro ist es relativ leicht, die Kurse deutlich nach oben zu treiben. Telegate legten sogar 42 Prozent auf 6,87 Euro zu.

Der im Nemax 50 gelistete Chipbroker ACG hat seine Umsatz- und Ergebnisprognose für das Geschäftsjahr 2001 gesenkt. Das Unternehmen geht auf Grund der sich verschlechternden Situation im Halbleiter- und Mobilfunkmarkt nun von einem Umsatz von 400 Millionen Euro und einem Ebitda von 15 Millionen Euro aus. Die Aktie von ACG brach 21 Prozent auf 8,06 Euro ein und war schwächster Wert im Index.

Verkäufe institutioneller Börsianer ließen den Kurs des Glasfaserspezialisten ADVA Optical Networks abstürzen. Die Papiere wurden ohne Rücksicht auf Kursverluste auf den Markt geworfen und stürzten den Wert um mehr als 20 Prozent auf 3,19 Euro.

Mobilcom weiter nahe Jahrestief

Mobilcom denkt ebenso wie Singulus darüber nach, den Neuen Markt zu verlassen. Die Aktie des Telefonkonzerns verlor mehr als acht Prozent auf 11,32 Euro. Die Aktie war am Vortag nach Gerüchten über eine zu geringe Liquidität auf das Jahrestief von 10,91 Euro gefallen. Das Gerücht sei gezielt gestreut worden, sagte ein Unternehmenssprecher im Gespräch mit manager-magazin.de. Singulus gaben rund zwei Prozent auf 22,38 Euro nach.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.