Börsenstimmung In der Angstfalle

Nach den ersten Bombenangriffen der USA sind Börsianer ratlos. Die Angst vor Terroranschlägen oder einem langwierigen Krieg geht um. Auch an der Wall Street sorgen die Worte des US-Präsidenten für Nervosität.


Abwarten, wenn die Waffen sprechen: Die Euphorie zum Kriegsbeginn ist ausgeblieben
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Abwarten, wenn die Waffen sprechen: Die Euphorie zum Kriegsbeginn ist ausgeblieben

Frankfurt am Main – Nach den ersten Bombenangriffen der USA auf Bagdad reagieren die Aktienmärkte äußerst nervös. Der Dax war am Donnerstag schwach gestartet, drehte am Mittag ins Plus und rutschte nach einem schwachen Start der US-Börsen wieder deutlich in die Verlustzone. Bis 16.10 Uhr verlor der Dax 2,0 Prozent auf 2561 Zähler und notierte auf Tagestief. Der Dow Jones gab nach 45 Minuten Handel an der Wall Street 1,2 Prozent auf 8166 Punkte ab.

Die Äußerungen von US-Präsident George W. Bush, dass der Krieg "länger und schwieriger sein könnte, als einige voraussagen", sorgte für Nervosität unter Anlegern. Die kämpferische Rede Saddam Husseins habe auch die Gefahr von Terroranschlägen wieder heraufbeschworen, kommentierte ein Börsianer.

Starke Schwankungen beim Ölpreis

"Der Handel ist extrem nervös. Wir rechnen für den gesamten Handelstag mit deutlichen Kursausschlägen", sagte ein Händler in Frankfurt. Viele Anleger hatten auf Kursgewinne gesetzt: Der Ölpreis war nach den ersten Angriffen der USA im fernöstlichen Handel gefallen, doch in Reaktion auf die Rede des US-Präsidenten zogen die Preise wieder leicht an.

"Mit ihrem deutlichen Kursanstieg der vergangenen fünf Handelstage haben die Börsen einen schnellen Sieg der USA eingepreist", sagte ein Händler. "Doch hier wird das Fell des Bären verteilt, bevor er erlegt ist". Der Dow Jones hat innerhalb einer Woche mehr als 800 Zähler zugelegt. Der Dax hat seit Donnerstag Kursgewinne von rund 20 Prozent verbucht.

Allianz nach Kapitalerhöhung schwächer

Zu den größten Verlierern gehörten die Aktien der Allianz Chart zeigen, die am Nachmittag rund sechs Prozent abgaben. Der Finanzkonzern hat für das abgelaufene Geschäftsjahr einen Verlust von 1,2 Milliarden Euro verbucht und eine Kapitalerhöhung angekündigt. Auch die übrigen deutschen Finanztitel notierten schwächer: Münchener Rück Chart zeigen, HypoVereinsbank Chart zeigen und Deutsche Bank Chart zeigen gaben deutlich nach.

Aktien der Lufthansa Chart zeigen legten dagegen zu und gehörten gemeinsam mit Fresenius und Linde zu den Gewinnern im Dax. Händler begründeten den Kursanstieg damit, dass die Lufthansa für 2002 eine Dividende zahlen wolle.

Cognitrend: Erholung ging für viele zu schnell

Für viele Fondsmanager ging der Aufstieg im Dax nach einer Umfrage des Frankfurter Forschungsinstituts Cognitrend zu schnell. Zwar sind nach der jüngsten wöchentlichen Umfrage die Optimisten mit 59 Prozent noch deutlich in der Überzahl, jedoch hat die Zahl der Pessimisten um sieben Prozent auf 31 Prozent zugenommen. "Die Verschiebungen zeigen, dass für viele der Anstieg wohl zu schnell gegangen ist und einige Anleger Kursniveaus von 2600 Punkten im Dax mittlerweile wieder als ´teuer´ empfinden", meint Gianni Hirschmüller von cognitrend.

Mit dem Szenario des ersten Golfkriegs von 1991 sei die aktuelle Börsenentwicklung nicht zu vergleichen. Die Käufe hätten diesmal bereits früher eingesetzt. Der Drang, sich zu positionieren, sei unübersehbar. Niemand will sich vorwerfen lassen, er habe nicht angemessen auf die starken Kursschwankungen reagiert oder gar die Erholung verschlafen.

Händler: Aufwärtspotenzial bleibt

Ein Dax von 2600 Punkten sei keinesfalls als "teuer" zu sehen, entgegnet Fidel Helmer, Chefhändler beim Bankhaus Hauck & Aufhäuser. Der Irak-Konflikt habe seit zwei Jahren alles überlagert. Die Börse habe positiv darauf reagiert, dass endlich die Phase der Unsicherheit vorbei sei. Er sieht Potenzial für eine Erholung: "Gemessen an den massiven Verlusten, die wir erlitten haben, sind die 450 Punkte seit vergangener Woche so gut wie nichts".

Die Zitterbörse bleibe bestehen, doch Aufwärtspotenzial sei da. "Viele institutionelle Investoren haben ihre Short-Positionen, mit denen sie sich gegen weitere Verluste absichern, noch gar nicht geschlossen", sagt Helmer.

Short-Positionen sind Wetten auf fallende Aktienkurse, die bei weiter nachgebenden Börsen an Wert gewinnen. Auf diese Weise können sich Investoren in schwachen Börsenzeiten vor weiteren Verlusten schützen. Doch auch die Absicherung kostet Geld: Steigt der Dax weiter, verlieren die entsprechenden Termingeschäfte, die auf einen fallenden Dax setzen, dramatisch an Wert.

Verfallstermin: Druck auf Investoren nimmt zu

Vor dem Verfallstermin am morgigen Freitag stehen viele Investoren vor der Frage, ob sie ihre Absicherungsgeschäfte auflösen oder ins nächste Quartal mitnehmen: "Sollte der Dax bis auf 2800 Punkte steigen, kommen viele Investoren in Schwierigkeiten. Der Druck, ihre Absicherungsgeschäfte aufzulösen, wird enorm hoch."

Dadurch könnte der Index weiter steigen: Die Rallye im Dax von 2200 auf 2600 Punkte sei in erster Linie von spekulativen Hedgefonds getrieben worden, die auf eine Wende am Markt gewettet und ihre Shortpositionen aufgelöst haben. "Viele potenzielle Käufer sind noch gar nicht in den Markt eingestiegen", sagt Helmer.

Für die kommende Woche schätzt Helmer die Chance auf eine Erholung größer ein als die Risiken eines erneuten Rückschlages. "Die Börsen wetten auf ein schnelles Kriegsende, und von den US-Truppen werden in den ersten Tagen entweder keine oder nur positive Nachrichten kommen." Sollte sich der Konflikt nach den ersten Tagen jedoch ausweiten oder sich ein längerer Krieg abzeichnen, greife das "worst-case-szenario" – die Kursverluste dürften dann heftig sein.



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