Börsenturbulenzen Warum der Dax so standhaft ist

Weltweit lastet die dramatische Konjunkturlage auf den Aktienindizes - der Dax dagegen notiert weit besser, weil er auf besondere Art ermittelt wird. Die Widerstandsfähigkeit des deutschen Börsenbarometers hat allerdings ihre Tücken.

Von Karsten Stumm


Hamburg - Das Drama kommt nicht. An der deutschen Börse will es nicht stattfinden. Die Aktienkurse der wichtigsten deutschen Unternehmen, deren Anteilsscheine im Leitindex Dax Chart zeigen gehandelt werden, fallen einfach nicht ins Bodenlose.

Börse in Frankfurt: Sind die Anleger wirklich mit Blindheit geschlagen?
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Börse in Frankfurt: Sind die Anleger wirklich mit Blindheit geschlagen?

Während der US-Leitindex Dow Jones Chart zeigen Anfang März ebenso wie der EuroStoxx50 auf dem tiefsten Stand seit zwölf Jahren notierte, hielt sich der Dax immer noch rund 40 Prozent über seinem im März 2003 erreichten Tief von rund 2200 Zählern. In Japan fiel der marktbreite Topix Index gar auf den tiefsten Stand seit 25 Jahren, während der Dax auf ein Fünfjahrestief sank - und sich damit vergleichsweise wacker hielt.

Inzwischen hat ein kleiner Zwischenspurt das deutsche Börsenbarometer sogar wieder auf ansehnlichere 4000 Indexpunkte gebracht. Dabei müsste es doch auch mit dem Dax genau in die andere Richtung gehen, oder?

"Nach allen Indikatoren, die wir haben, ist der Wirtschaftseinbruch in der Welt, den wir gerade erleben, so stark wie nie seit der Weltwirtschaftskrise", glaubt beispielsweise Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitutes. "Niemand kann sagen, wie tief es runtergeht", ergänzte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) mit Blick auf die hiesige Wirtschaft - und bereitet die Bundesbürger damit schon mal auf noch schlechtere Konjunkturvorhersagen für 2009 vor.

Nach Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zum Beispiel werden in diesem Jahr wohl - je nach Konjunkturverlauf - bis zu 430.000 Menschen mehr ohne Arbeit sein als 2008. "Für den Arbeitsmarkt ist nicht mal eine schnelle Erholung zu erwarten", kommentiert IAB-Forscherin Sabine Klinger die Daten. Doch der Dax, der steigt.

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Das bedeutendste deutsche Börsenbarometer hat in den vergangenen beiden Woche um etwa zehn Prozent zugelegt, streckte sich zwischenzeitlich gar bis zu 4045 Punkten zum Handelsschluss in die Höhe. Das ist immerhin ein Vierwochenhoch - und macht den Dax damit auch irgendwie zum Symbol der derzeitigen Krise: Er wirkt derzeit so abgekoppelt, wie unsere wirtschaftliche Lage für viele Menschen noch unwirklich erscheint, obwohl sich die Krise offenbar täglich verschärft. Doch sind die Anleger wirklich mit Blindheit geschlagen?

Zumindest für die relative Dax-Stabilität verglichen mit den harten Konjunkturdaten gibt es eine Erklärung. Und die liegt schlicht in der Konstruktion des deutschen Aktienleitindexes begründet.

Fatales Fehlsignal

In die täglichen Kursberechnungen des Frankfurter Börsenbarometers fließen nicht nur die reinen Aktienpreisschwankungen ein, sondern zum Beispiel auch die Höhe der Dividendenzahlungen der 30 Dax-Konzerne. Anders beispielsweise als beim Dow-Jones-Industrial-Index Chart zeigen, dem Aktienbarometer der Weltleitbörse in New York.

In Frankfurt dagegen wird unterstellt, dass die Höhe der Dividenzahlungen der 30 Dax-Konzerne wieder reinvestiert wird. Und weil die Top-Konzerne zuletzt Milliarden Euro an ihre Aktionäre gezahlt haben, hält sich auch der Performance-Index Dax stabiler als der reine Kursindex Dow Jones - und als es die aktuellen Wirtschaftsdaten sonst auch nahe legen.

Nach Berechnungen der Commerzbank Chart zeigen haben die 30 Dax-Konzerne ihren Anteilseignern im vergangenen Jahr immerhin mehr als 28 Milliarden Euro überwiesen, in diesem würden es knapp 20 Milliarden Euro werden. Und das reicht, um dem Dax ein kleines Polster mit durch die Krise zu geben. Das Dividendenkissen allein schätzen Experten mehr als 1500 Dax-Punkte dick ein.

Doch die quasi eingebaute Stabilität des Dax als Performance-Index an sich sollte Anleger nicht dazu verleiten, dass die Börse bei kräftigeren zwischenzeitlichen Kurssprüngen wie derzeit bereits die ersehnte wirtschaftliche Stabilisierung vorweg nimmt - und deshalb womöglich zu früh wieder Geld in Aktien investieren.

Gewicht der Finanztitel schwindet

"Die Erfahrungen vergangener Zwischenerholungen mahnen zur Vorsicht", sagen etwa die Experten der Landesbank Baden-Württemberg - auch, wenn der Dax in den vergangenen Tagen geradezu impulsartige Schübe von rund 350 Indexpunkten binnen zweier Handelstage verzeichnet hat. Und dann auch noch geradezu typisch für Erholungsphasen angeführt von den Aktien, die zuvor besonders hohe Verluste haben einstecken müssen.

Den schwindsüchtigen Bankaktien etwa, die nach Angaben der Deutschen Börse Chart zeigen die Dax-Entwicklung aufgrund eben dieser Verluste mittlerweile nur noch zu 4,6 Prozent beeinflussen. Noch vor gut einem Jahr lag der Anteil der Banken im Dax bei zwölf Prozent. "Die Banken sind in ihrer Bedeutung auf Normalmaß zurückgestutzt und wieder auf dem Niveau der siebziger Jahre angekommen", kommentiert Christian Stocker die Entwicklung, Indexexperte der Unicredit Chart zeigen.

"Wir rechnen dann auch eher mit einer Seitwärtsbewegung, während der es aber zu starken Kursschwankungen kommen kann", warnen auch die Strategen der DZ Bank. Behalten sie Recht, bleibt es dabei: Das Drama kommt nicht. Aber die große Wende vorerst auch nicht.



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