Bonpflicht in Italien Können Sie das belegen?

Bäcker, Händler, Kunden - Deutschland regt sich über die kommende Bonpflicht auf. In vielen anderen EU-Ländern aber gibt es die längst. Und Italien zeigt: Es funktioniert.
Gäste in einem Kaffee in Rom: Kassenbon schon seit 1987 Pflicht

Gäste in einem Kaffee in Rom: Kassenbon schon seit 1987 Pflicht

Foto: Stefano Montesi/ Getty Images

In etwa der Hälfte aller EU-Länder ist der "Irrsinn", wie ihn deutsche Bäcker nennen, längst Alltag. In Portugal gehörte er 2011 zu den Auflagen des Euro-Rettungsschirms. In Kroatien meldeten die Unternehmen den Finanzämtern nach Einführung der Kassenpflicht 2013 erstaunliche Umsatzsteigerungen. Pflicht ist der Bon auch in Österreich, Belgien, Frankreich und Tschechien. Und Italien wagt gerade den Einstieg in ein ganz neues Kassenbon-Zeitalter.

"Seltsam, diese Germanen", denkt der Italiener, wenn er von der Aufregung nördlich der Alpen hört. Der Kassenbon, der "Scontrino", ist hier für fast jeden Artikel und beinahe jede Dienstleistung schon seit 1987 Pflicht. Die Guardia di Finanza, die uniformierte Finanzpolizei, kontrolliert die Läden. Wenn Verkäufer erwischt werden, müssen sie zahlen. Kunden dagegen werden seit einigen Jahren nicht mehr belangt, wenn sie den Zettel nicht aufbewahren.

Bäckerei in Mailand (Archivbild): Einstieg in ein ganz neues Kassenbon-Zeitalter

Bäckerei in Mailand (Archivbild): Einstieg in ein ganz neues Kassenbon-Zeitalter

Foto: Federico Magi/ Mondadori via Getty Images

Alles in allem gehen die Italiener ziemlich locker mit der Pflicht um. Aber das wird die Tedeschi, wie die Teutonen in Italien heißen, kaum beruhigen. Denn es ist ja nicht einfach bedrucktes Papier, das fortan das Land überschwemmt. Der Bon ist beschichtet mit Chemikalien wie Bisphenol A. Das steht im Verdacht, laut Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), den Hormonhaushalt zu stören und die Spermienqualität zu mindern, Fehlgeburten, Fettleibigkeit, Herzerkrankung, Hyperaktivität und Prostatakrebs auszulösen.

Gut, Bisphenol A ist ab 2020 europaweit verboten, was in der Debatte kaum Erwähnung findet. Doch der Ersatzstoff, Bisphenol S, soll auch nicht besser sein. Ist aber auch schon lange im Einsatz, ohne große Proteste.

Ein Bäcker in Nordrhein-Westfalen hat Kassenzettel von zwei Tagen gesammelt

Ein Bäcker in Nordrhein-Westfalen hat Kassenzettel von zwei Tagen gesammelt

Foto: Michael Tenk/ dpa

Hunderte Milliarden hinterzogene Steuern

In anderen EU-Ländern hat die Politik die immensen Gefahren von Kassenbons, die in Deutschland nun entdeckt werden, offenbar bis heute nicht begriffen. Da wird das Ganze eher fiskalisch gesehen. Und gut, eigentlich geht es ja bei der Bonpflicht auch um Steuergelder, gezahlte und hinterzogene.

Die EU-Kommission schätzt, dass den EU-Ländern jährlich Hunderte Milliarden durch Umsatzsteuerbetrug entgehen. Durch grenzüberschreitende Scheingeschäfte, durch das ganz einfache "Schwarzgeld" oder auch Einnahmen, die zwar in die Kasse eingebucht, aber mit überall käuflichen Softwareprogrammen wieder ausgebucht werden.

Mehr als 100 Milliarden Euro im Jahr verliert allein der römische Fiskus nach eigener Schätzung durch Hinterziehung von Steuern und Sozialabgaben. Das ist mehr, als das Land an Schulden aufnehmen muss. Deshalb führt die Regierung am 1. Januar des neuen Jahres den "elektronischen Kassenbon", der für Großbetriebe schon seit dem Sommer gilt, für fast alle ein.

Natürlich wird das, wie quasi alles, was in Rom erdacht wird, ein gewaltiges Bürokratiemonster. Alle Umsatzsteuerpflichtigen müssen sich eine neue Hightech-Kasse anschaffen oder sich mit dem Supercomputer des Finanzministeriums vernetzen: Jeder Bezahlvorgang wird dann gespeichert und die Tageseinnahmen werden bei Ladenschluss direkt ans Finanzamt übertragen. Löschen, ändern - geht nicht mehr.

Die Kunden bekommen weiter einen Kassenbon, nur heißt der jetzt anders, und man kann ihn nicht mehr für den eigenen Steuerabzug nutzen - dazu gibt es ein gesondertes Dokument - aber es gibt ihn auf Wunsch auch als E-Mail, also papier- und damit auch Bisphenol-frei.

Natürlich könnte - Hightech-Kasse hin oder her - jedes Geschäft auch künftig bar auf die Hand und "schwarz" abgewickelt werden. Aber Italiens Finanzminister ködert seine Landsleute mit deren Spiellust: Jeder Bon, ob aus Papier oder als Mail, nimmt an einer Lotterie teil. Und wer statt bar mit Karte zahlt, bekommt eine kleine Prämie. Die Regierung rechnet für den Anfang mit Mehreinnahmen von mindestens fünf Milliarden Euro.

Auch Deutschland kann papierlos

Ein gut gehütetes Geheimnis in der deutschen Debatte ist: Die Bonpflicht kann auch in deutschen Bäckereien und Co. papierfrei erfüllt werden, per E-Mail statt mit Kassenzettel oder durchs Bezahlen per Handy, was schon jeder dritte Verbraucher nutzt.

Und, wie in Italien sind auch in Deutschland sehr kleine Läden, Weihnachts- oder Wochenmarkt-Händler von der Zettelausgabe befreit. Kleine Geschäfte mit viel Laufkundschaft können sich davon befreien lassen, wenn sie ansonsten unzumutbar belastet wären.

Das hat die rheinland-pfälzische Bäckerinnung jetzt pauschal für alle Mitglieder beim Landes-Finanzminister beantragt.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, in Italien könnten auch Kunden bestraft werden, wenn sie den Kassenbon nicht aufbewahren. Das ist aber schon seit einigen Jahren nicht mehr so. Wir haben die Stelle korrigiert.