Bonbons für Manager Kost' nix, zahlt die Firma

Der Streit um Jack Welchs Luxuspension offenbart ein weiteres Schlupfloch in den amerikanischen Bilanzregeln. US-Unternehmen können ihren Topmanagern alle möglichen Extras und Vergünstigungen zuschanzen, ohne die entstehenden Kosten gegenüber ihren Aktionären angeben zu müssen.


Jack Welch: Spesenritter auf Lebenszeit
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Jack Welch: Spesenritter auf Lebenszeit

New York - Mit einem Mangel an Selbstvertrauen hatte Management-Legende Jack Welch noch nie zu kämpfen. Am Montag nahm er im "Wall Street Journal" zu den zahlreichen Extras und Vergünstigungen Stellung, die ihm seiner ehemaliger Arbeitgeber General Electric (GE) Chart zeigen bis an sein Lebensende vertraglich zugesichert hat. Anstatt den reuigen Sünder zu geben, gerierte sich Welch lieber als der Aufräumer, der Probleme ruckzuck vom Tisch putzt. Schon die Überschrift klang wie der Titel einer Management-Fibel: "Mein Dilemma - und wie ich es löste".

Welch will für jene Sachleistungen, die ihm GE umsonst zur Verfügung stellt, fortan bezahlen. Zu seinen Bonbons gehören ein New Yorker Edelapartement, der Flugservice des Unternehmens, Theaterkarten, Tickets für Sportveranstaltungen und vieles mehr. Insgesamt 2,5 Millionen Dollar muss Welch nach eigener Schätzung dem Mischkonzern fortan jährlich zahlen. Er sehe ein, dass die ihm vor sechs Jahren vertraglich zugesicherten Vergünstigungen für GE nach Skandalen wie Enron Chart zeigen oder Tyco Chart zeigen zu einem Imageproblem werden könnten. Für Welch ist das Ganze ein PR-Problem, ein moralisches oder gar rechtliches Problem sieht er nicht: "Es gab nicht einen einzigen Tag in den vergangenen sechs Jahren an dem ich glaubte, es sei ungehörig und ich glaube auch heute nicht, dass es ungehörig ist."

Noch ein Bilanzloch

Der Fall Welch macht deutlich, dass die amerikanischen Bilanzierungsstandards (US-GAAP) bezüglich Vorstandsvergütungen für weitaus weniger Transparenz sorgen, als bisher angenommen. Bis vor kurzem galt GAAP, was Managerbezüge angeht, als vorbildlich. Die Höhe von Gehalt und Bonuszahlungen muss in den regelmäßig bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereichten Unterlagen genau angegeben werden. Auch über die Vergabe von Aktienoptionen müssen börsennotierte Unternehmen genauestens Rechenschaft ablegen.

Anders sieht es bei Sachleistungen aus, die Top-Angestellte in Anspruch nehmen. Hier interessieren die Aufsichtsbehörden nach derzeitiger Rechtslage nur die Extrakosten (englisch: incremental costs), die entstehen, wenn ein Manager beispielsweise regelmäßig in einer Firmenwohnung absteigt. Wenn ein Apartment wie die von Welch bewohnte Manhattaner Luxuswohnung nicht eigens für den Manager gekauft wurde, muss sie - so die Argumentation - auch nirgendwo in den Unterlagen auftauchen.

Welch macht ein Schnäppchen

Die Regelung, so Rechtsexperte John Coffee von der Columbia Universität gegenüber der "New York Times", ist inzwischen ein Riesenproblem: "Sehr gewitzte Unternehmensanwälte haben diese kleine Ausnahmeregelung inzwischen in ein riesiges Loch verwandelt." Viele Unternehmen nutzen die Rechtslage aus, um alle möglichen Bonbons für die Vorstände vor ihren Aktionären zu verstecken. "Wenn der CEO eine Masseuse hat, werden sie sagen, die sei ohnehin schon Teil der Belegschaft gewesen und verursache deshalb keine Extrakosten."

Beobachter bezweifeln denn auch, ob die von Welch angeführten 2,5 Millionen auch nur annähernd den tatsächlichen Kosten entsprechen, die GE entstehen. Die Zahl basiere ebenfalls auf der Extrakosten-Rechnung. Allein den Wert des New Yorker Firmenapartments, das ausschließlich von Welch bewohnt wird, dürfte Schätzungen zufolge etwa 15 Millionen Dollar betragen. Welchs ständige Nutzungsrechte für die Boeing 737 des GE-Konzerns haben nach Einschätzung eines Sachverständigen einen Wert von 3,5 Millionen Dollar jährlich.

Sein PR-wirksamer Verzicht könnte Welch zudem weitaus teuerer kommen als 2,5 Millionen Dollar. Seine Noch-Gattin verlangt im Rahmen des laufenden Scheidungsprozesses nämlich auch einen Anteil an den Extravergütungen, die ihr Mann von GE erhält. Möglicherweise wird Jack Welch also Appartement, Flüge, Theater-Tickets und weitere Sachleistungen auch nach der Scheidung für seine Frau bezahlen müssen - zum tatsächlichen Marktpreis.



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