Bono-Marke Red Kaufrausch für Afrika

Bono hat es erfunden, Oprah Winfrey und George Bush werben dafür: Das rote Modelabel Red, für das Firmen wie Gap und Apple produzieren, ist nicht eben billig – dafür fließt ein Teil der Profite nach Afrika. In den USA feiert das Bono-Projekt große Erfolge, doch die Kritik daran wird immer lauter.

Von , New York


New York - Eine mächtigere Partnerin hätte Red in den USA nicht finden können. Talk-Masterin Oprah Winfrey widmete dem Projekt zur Afrika-Hilfe jüngst eine komplette Sendung. Mit Rockstar Bono hetzte sie durch die Einkaufszentren in Chicago und füllte vor kreischenden Fans ihre Taschen mit Red-Produkten - rote Jeans, Jacken und T-Shirts von Gap, rote Converse-Turnschuhe, Motorola-Handys und zehn rote iPods. Oprah, die Trendsetterin der Nation, hat gesprochen.

Die im Frühjahr in Großbritannien lancierte Kampagne hat nun die USA erreicht, den größten Verbrauchermarkt der westlichen Welt. Mit Red verpflichten sich Firmen wie Gap, Apple, American Express, Motorola, AOL, Converse und Armani, einen Teil der Profite aus eigens dafür produzierten, scharlachroten Konsumgütern an den Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria abzuführen. Der Trick: Die meisten der besagten Güter sind teurer als sonst, weshalb die Konzerne selbst keinen Cent verlieren - im Gegenteil.

Bono hat die Einzelhandelsidee zusammen mit Bobby Shriver ins Laufen gebracht, einem Mitglied des Kennedy-Clans. In den USA hat Red außer Oprah noch andere schlagkräftige Fürsprecher gewinnen können. Darunter: Regisseur Steven Spielberg, Schauspielerin Penelope Cruz, Komiker Chris Rock, Supermodel Christy Turlington sowie die Hip-Hop-Stars Mary J. Blige und Kanye West.

"Als Aktivismus maskierter Konsumrausch"

Als Mediensponsor agiert MTV. Die "New York Times" fuhr eine dreiseitige Anzeigenstrecke. Sogar US-Präsident George W. Bush ließ sich einspannen und lud Bono und Miss Turlington zehn Minuten an Bord seines Regierungsjets "Air Force One". Kein Zweifel: Demonstrativ nach außen getragenes Engagement für Afrika ist in.

In Großbritannien hat Red bereits über zehn Millionen Dollar für den Global Fund erbracht. In den USA jedoch ist das Echo geteilt: Der unverblümte Kommerzgeist, der dahinter steckt, stößt hier manchem übel auf.

"Seit den Tagen des Khaki-Kolonialismus war es nicht mehr so sexy und modisch, Afrika zu kaufen", schimpft der Soziologe Richard Kim im Blog des linken Wochenblatts "Nation". Während Promis wie Madonna und Angelina Jolie "afrikanische Babys" adoptierten, könne der Normalverbraucher, dem das zu teuer sei, nun also Red kaufen. "Die Fantasie, du könntest durch 'shopping till you drop' radikalen Wandel bewirken", schreibt Kim, sei "als Aktivismus maskierter Konsumrausch".

"Ein Gefühl der Würde"

Von jenseits des ideologischen Spektrums kommen ähnliche Proteste. Auch der konservative Gesellschaftskritiker Michael Medved nennt die Red-Kampagne "Betrug": Für die Firmen sei sie nur "eine Ausrede, die Preise für gewöhnliche Waren lächerlich in die Höhe zu treiben, und nicht die gesamte Differenz dient guten Zwecken". In der Tat kosten reguläre Gap-Jeans rund 50 Dollar, Red-Jeans aber fast 200 Dollar, wovon wiederum nur die Hälfte an den Global Fund geht. Verbraucher, rät Medved, täten besser daran, direkt an eine Wohltätigkeitsorganisation zu spenden.

Auch verweist Medved darauf, dass der Verwaltungsrat der Kreditkartenfirma American Express – die einen Prozent des Umsatzes der Red-Karte weiterreicht - mit "ehemaligen und gegenwärtigen CEOs und Direktoren großer Pharmakonzerne bestückt" sei. Dies seien dieselben Konzerne, die sich gegen billige Aids-Medikamente für Afrika gesperrt hätten. "Mit einem Prozent", so Medved, "kommt die Absolution billig, oder?"

"Warum kann ich nicht zur Aids-Hilfe beitragen, indem ich Zahnpasta oder etwas kaufe, das ich mir tatsächlich leisten kann?", fragt ein Teilnehmer des Studentenblogs "Progressive U". Und ein anderer: "Ich glaube, dass Gap, sobald sie Aids in Afrika beendet haben, dort Sweatshops einrichten will." Proteste erntete auch Bonos flotte Bemerkung, dass viele Gap-Klamotten schon jetzt in Afrika hergestellt würden und die Afrikaner so quasi ihre eigene Gesundheitsvorsorge bezahlten ("Das gibt ihnen ein Gefühl der Würde").

2600 Prozent mehr Kundenverkehr

"Die Red-Kampagne ist einfach genial", findet dagegen Joakim Baage, Redakteur beim Newsletter "Digital Media Wire". "Dabei geht es wirklich nicht um Wohltätigkeit oder soziale Verantwortung von Konzernen, sondern eher um die Freude am Einkaufen und um erhöhte Profite. Die Kampagne ist Marketing 2.0."

In der Tat. Am selben Tag, da Oprahs Red-Kaufrausch entlang der "Magnificent Mile", der Shopping-Meile in der Innenstadt von Chicago, landesweit im US-Fernsehen ausgestrahlt wurde, steigerte sich der Kundenverkehr auf der groß propagierten Red-Website (www.joinred.com) nach Zählung des Online-Researchdienstes Hitwise um 2600 Prozent.

Zwei Drittel der Besucher klickten anschließend zu einer Red-Teilnehmerfirma weiter; 27 Prozent von ihnen landeten bei Gap, 8,7 Prozent bei Apple. Da staunte selbst Hitwise-Manager Bill Tancer: "Diese Daten beweisen, wie viel Macht darin liegt, Wohltätigkeit zur Mode zu machen."



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