Boom der Handy-Software Revolution liegt in der Luft

Abertausende Programme, praktische Tools für die Arbeit und Spiele für zwischendurch: Der Software-Shop fürs Handy wird zum Hype. Auch Nokia und Microsoft haben jetzt Plattformen, mit denen Nutzer ihr Gerät aufrüsten können - der Kampf um die Vorherrschaft im mobilen Netz geht erst richtig los.

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Hamburg - Spätestens seit dem Eröffnungstag des Mobile World Congress in Barcelona hat der Mobilfunk-Markt einen neuen Hype: Das Produkt der Stunde ist der sogenannte Application Store - eine Art digitaler Gemischtwarenladen, in dem Nutzer ihr mobiles Endgerät mit individuellen Diensten, Spielen und Programmen bestücken können.

Nokia-Vizechef Niklas Savander: Vorstoß in die digitale Wolke
DPA

Nokia-Vizechef Niklas Savander: Vorstoß in die digitale Wolke

Nach den Vorstößen von Google ("Android Marketplace"), Palm ("Mobile Software Store") und Research in Motion ("Blackberry Application Storefront") haben in Barcelona zwei weitere große Player angekündigt, bald einen Application Store betreiben zu wollen: Nokia, dessen "Ovi Store" voraussichtlich im Mai online gehen wird und zunächst 50 Millionen Kunden mit den Betriebssystemen Symbian S60 und S40 erreicht. Und Microsoft, in dessen "Windows Marketplace" laut Aussage von Konzernchef Steve Ballmer schon bald 20.000 Programme für Windows-Mobile-Handys bereitstehen sollen.

Der Mobilfunkmarkt ist plötzlich voll mit digitalen Krämern, die sich damit brüsten, für jedes noch so abwegige Bedürfnis ihrer Handy-Nutzerschaft ein nützliches Angebot im virtuellen Regal zu haben. Software ist aufs Neue trendy, und gesetzt hat diesen Trend, mal wieder, Apple - im Juli 2008 mit dem "App Store" für das iPhone.

In diesem werden inzwischen mehr als 15.000 Handy-Programme angeboten. Mehr als eine halbe Milliarde Software-Downloads verzeichnet das Portal bereits. Die Produktpalette des "App Stores" reicht von Computerspielen über Nützliches wie mobile Fahrplanauskünfte und Übersetzungstools, weniger Nützliches wie ein Programm, mit dem das iPhone zur Fernbedienung für die Audio-Software iTunes wird, bis hin zu komplett Sinnfreiem wie einem virtuellen Bierglas, das man austrinken kann, indem man das iPhone seitlich neigt:

Das Konzept des "App Store", das nun immer mehr Konkurrenten kopieren, ist so einfach wie bestechend: Jeder kann eigene Anwendungen programmieren. Nach einem Qualitätscheck durch das Unternehmen wird die Software dann im Store veröffentlicht und ein Preis definiert. Der Programmierer erhält bei jedem Download 70 Prozent der Erlöse, Apple den Rest.

Man kann den "App Store" als konsequente Aktivierung der vielbeschworenen Schwarmintelligenz bezeichnen, auf jeden Fall hat er drei entscheidende Vorteile:

  • Apple bekommt völlig gratis einen riesigen Haufen Software entwickelt.
  • Im App Store gibt es folglich Programme für fast jedes erdenkliche Bedürfnis - iPhone und iPod-Touch werden dadurch zur mobilen Allzweckwaffe und sind gegenüber anderen, weniger vielseitig aufrüstbaren Endgeräten klar im Vorteil.
  • Apple verdient fast ohne eigenen Aufwand Geld - 30 Prozent von jedem Download eines kostenpflichtigen Programms.

Gerade Punkt zwei ist ein entscheidendes strategisches Vehikel für den hart umkämpften Mobilfunkmarkt. Das Wachstum der Handy-Verkäufe ist 2008 stark von der Wirtschaftskrise gebremst worden. Das IT-Marktforschungsunternehmen IDC ermittelte ein Plus von 3,5 Prozent auf gut 1,18 Milliarden verkaufte Mobiltelefone - prognostiziert war ein Wachstum von zehn Prozent. 2007 waren es noch zwölf Prozent. Neuer Hoffnungsträger sind die sogenannten Smartphones - eine Mischung aus Handy und Mini-Computer. Ihr Absatz stieg im vergangenen Jahr nach Nokia-Schätzungen um 37,6 Prozent auf 161 Millionen. Für dieses Jahr wird ein Anstieg auf 190 bis 200 Millionen verkaufte Smartphones erwartet. Branchenkenner erwarten, dass sie andere Geräte nach und nach ablösen werden.

Seit dem Siegeszug von Apples iPhone (siehe Bilderstrecke) setzt sich mehr und mehr das Smartphone mit dem Touchscreen als Standard durch. Viele der großen Player bieten inzwischen entsprechende Modelle an. Das aber bedeutet, dass es schon jetzt wieder zusätzlicher Alleinstellungsmerkmale bedarf, um gegen die Konkurrenz zu bestehen. Ein wichtiges ist derzeit der eigene Software-Shop, in dem Nutzer Touchscreen-Telefone individuell an ihre Bedürfnisse anpassen können.

Das Gleichziehen mit der Konkurrenz - wie es Microsoft und Nokia derzeit mit ihren Application Stores betreiben - ist dabei weniger eine Option als eine Notwendigkeit. Die Smartphone-Revolution hat die Machtverhältnisse auf dem Markt der mobilen Endgeräte in ihren Grundfesten erschüttert. Beherrschte Nokia Ende 2007 noch einen Anteil von über 50 Prozent im Smartphone-Segment, waren es Ende 2008 gerade noch 37 Prozent. Die Anteile von Apple und dem Blackberry-Hersteller Research in Motion stiegen dagegen deutlich.

Android-Projekt: Die Vorteile von Googles Handysystem
Große Reichweite
AP
Googles Betriebssystem ist mit vielen mobilen Endgeräten kompatibel. Je mehr Endgerätehersteller sich in Googles Koalition der Willigen befinden, desto größer ist die Reichweite von Android. mehr...
Kostenlose Verwendung
AP
Die Verwendung des Open-Source-Betriebssystems ist im Gegensatz zu anderen mobilen Betriebssystemen kostenlos, die Herstellung mobiler Endgeräte wird dadurch günstiger - die Verwendung von Android damit attraktiver.
Anspruchsvolle Dienste für Jedermann
AP
Experten sprechen Google das Potential zu, den zerfaserten Markt zusammenzuführen. Nutzer ganz unterschiedlicher Endgeräte könnten zukünftig in der Lage sein, mobil auf anspruchsvolle Online-Dienste zuzugreifen. Das Spektrum der verfügbaren Anwendungen wird sich voraussichtlich erweitern. mehr...
Ausweitung der Nutzermarkts
DDP
Online-Dienstleister können dadurch mit höheren Zugriffszahlen und neuen Betätigungsfeldern rechnen, Netzbetreiber mit höheren Auslastungen. mehr...
Mit der Verbreitung von Handys mit dem von Google angestoßenen Betriebssystem Android (siehe Infobox) dürfte der Druck auf Nokia weiter steigen. Bisher ist nur ein Handy auf dem Markt, das G1 (siehe Fotostrecke unten), das vor allem auf Google-Dienste zugeschnitten ist und noch etwas klobig wirkt. Doch Hersteller wie Sony Ericsson arbeiten bereits an weiteren Google-Handys - HTC stellte bei der Handymesse in Barcelona das neue Modell "HTC Magic" vor.

Der Suchmaschinenriese hat auf die neue Online-Shop-Offensive von Nokia und Microsoft bereits reagiert: Rühmte sich Google bis Mitte Februar noch damit, sämtliche Dienste im "Android Marketplace" umsonst anzubieten, können Programmierer in den USA inzwischen Geld für ihre Dienste verlangen. Auch in Deutschland soll das bald möglich sein. Angesichts der wachsenden Webshop-Konkurrenz blieb Google kaum eine Wahl, um für Programmierer attraktiv zu bleiben.

Während sich die großen Player gerade mit ihren Shops im mobilen Netz positionieren, sprechen Branchenkenner schon vom nächsten Hype. Sie schätzen, dass die Mobilsoftware-Shops in wenigen Jahren wieder obsolet sein werden - spätestens wenn schnelle Mobilfunkstandards flächendeckend verfügbar sind und das Internet auf dem Handy ebenso dargestellt werden kann wie heute auf PC oder Laptop.

Dann nämlich könnten kleine Programme, die aktuell in den Mobilfunk-Stores verkauft werden, direkt im Browser dargestellt werden. Aufwendigere Software dagegen lässt sich bei entsprechend schneller Mobilverbindung auf einen zentralen Server auslagern - und dann von einem beliebigen Endgerät aus ansteuern. Bereits heute experimentieren alle großen IT-Player mit solchen "Cloud Computing"-Konzepten (siehe Infobox).

Der aktuelle Hype um mobile Applikationen dürfte so gesehen ein kurzer sein, aus Marketing-Perspektive ergibt er dennoch Sinn. Denn er ist ein weiterer Schritt in den nächsten, wirklich großen Zukunftsmarkt: das mobile Internet.

Laut Paul Huppertz, Spezialist für Cloud Computing beim IT-Beratungsunternehmen Avanade, bereiten sich die Mobilfunk-Riesen bereits auf den nächsten Goldrausch vor - und stecken mit ersten mobilen Diensten schon mal die Claims für das kommende Jahrzehnt ab. Tatsächlich gehen derzeit schon 41 Prozent der Mobilfunk-Nutzer in Europa und 71 Prozent in den USA davon aus, dass sie demnächst täglich unterwegs Daten-Dienste nutzen werden. Das ergab eine Umfrage des Marktforschers Nielsen und des Telekommunikations-Dienstleisters Tellabs - und iPhone-Anwender nutzen der Erhebung zufolge besonders intensiv das mobile Internet.

"Anbieter wollen das mobile Netz schon jetzt nachhaltig mit den eigenen Brands, Logos und Diensten besetzen", sagt Huppertz. "Alle großen Player im Markt der mobilen Sprach- und Datenkommunikation, von Nokia über Google bis Microsoft, ringen darum, die potentiellen Konsumenten durch attraktive Angebote in ihre jeweilige Wolke zu ziehen."



insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
ThorMieNator, 20.01.2009
1.
Zitat von sysopWollen Sie auch vom Handy aus online gehen können? Oder tun Sie das bereits? Sind mobile Datendienste überflüssig - oder nur noch zu teuer?
Ich kann mit meinem Handy online gehen, mach das aber so gut wie nie, denn es ist erstens zu teuer und zweitens unnötig, da ich eh den ganzen Tag am Computer sitze. Und um auf "die Wolke" zu sprechen zu kommen. Das ALLERLETZTE was ich tun werde, ist meine privaten Daten auf einem Server von Microsoft, Apple oder Google zu verwalten. Eher installier ich mir freiwillig den Bundestrojaner. Das wäre dann das vorletzte, was ich täte...
Fackus, 20.01.2009
2. :-)))))
Na klar: Ich lege alle meine Daten auf einen zentralen Server :-))))))))) Das ist ungefähr so sinnvoll, wie meine Geldbörse auf die Strasse zu legen, damit ich sie daheim nicht mehr vergessen kann und immer drauf Zugriff habe. Aber aller Vernunft zum Trotz - derlei Hirnlosigkeit wird sich durchsetzen - 'is ja modern und innovativ'! Mit mir nicht. Und jeder, der seine paar grauen Zellen noch nicht versoffen hat, sollte das auch so halten. Im Gegenteil: Für die wichtigen Daten ist es sinnvoll, einen absolut eigenständigen, netzlosen Rechner zu benutzen. Das schützt vor Viren, Datenklau und sonstigem Ungemach.
Crom 20.01.2009
3.
Zitat von FackusNa klar: Ich lege alle meine Daten auf einen zentralen Server :-))))))))) Das ist ungefähr so sinnvoll, wie meine Geldbörse auf die Strasse zu legen, damit ich sie daheim nicht mehr vergessen kann und immer drauf Zugriff habe. Aber aller Vernunft zum Trotz - derlei Hirnlosigkeit wird sich durchsetzen - 'is ja modern und innovativ'! Mit mir nicht. Und jeder, der seine paar grauen Zellen noch nicht versoffen hat, sollte das auch so halten. Im Gegenteil: Für die wichtigen Daten ist es sinnvoll, einen absolut eigenständigen, netzlosen Rechner zu benutzen. Das schützt vor Viren, Datenklau und sonstigem Ungemach.
Wie kommen denn die wichtigen daten auf diesen netlosen Rechner? Etwa per USB-Stick ... die sind ebenso Viren anfällig wie andere Medien.
MiepMiep 20.01.2009
4.
Zitat von ThorMieNatorIch kann mit meinem Handy online gehen, mach das aber so gut wie nie, denn es ist erstens zu teuer und zweitens unnötig, da ich eh den ganzen Tag am Computer sitze. Und um auf "die Wolke" zu sprechen zu kommen. Das ALLERLETZTE was ich tun werde, ist meine privaten Daten auf einem Server von Microsoft, Apple oder Google zu verwalten. Eher installier ich mir freiwillig den Bundestrojaner. Das wäre dann das vorletzte, was ich täte...
Bravo! Geht mir exakt genauso. Auch Leute, denen ich davon erzählt habe, schüttelten sofort den Kopf - Privates (ob Daten oder Funktionen) komplett ins Nirwana auslagern, kam ihnen mehr als fraglich vor. Und außerdem: Wozu diese "Wolke"? Egal, wo ich bin, ich habe schon jetzt Dank halbwegs intelligenter Datenverwaltung immer Zugriff auf alles, was ich brauche. Das kann jeder schon jetzt so organisieren, dass das so genannte "Mobile Internet" ganz ohne zentralistische ApplicationProvider Wirklichkeit wird. Aber es wird wohl kommen, so überflüssig und potentiell gefährlich es auch sein mag... Scheiß Marktmacht!
Sonny998 20.01.2009
5.
Zitat von sysopWollen Sie auch vom Handy aus online gehen können? Oder tun Sie das bereits? Sind mobile Datendienste überflüssig - oder nur noch zu teuer?
Selbstverständlich will ich auf die Informationen, die ich für mich als wichtig erachte, auch mobil zugreifen. Die Frage erinnert mich ein wenig an "ist ein mobiles Telefon sinnvoll?" vor ca. 15 Jahren. Warum sollte der Zugriff auf Informationen welcher Art auch immer, an einen bestimmten Standort gebunden sein? Das selbe gilt natürlich auch für elektronische Kommunikation. Grüße
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