Fotostrecke: Wo Afrika boomt
Boom-Regionen Warum Afrika viel besser ist als sein Ruf
Berlin - Aus Somalia flimmern dramatische Hungerbilder um die Welt. Wieder einmal. Aber anders als bei früheren afrikanischen Hungersnöten können die Somalier diesmal alles live mitverfolgen. Vor zwei Wochen rief die größte Mobilfunkgesellschaft in der "Republik Somaliland" im Norden des Landes ihr erstes 3G-Netzwerk ins Leben.
Die Handynutzer können seitdem auf ihren Smartphones Multimedia-Apps, Video- und Audio-Streaming und anderes herunterladen, verkündete Mohamed Salah Abdi, einer der Manager von Somalilands größtem Mobilfunkunternehmen Telesom. Das Unternehmen hat dort bereits mobiles Telefonbanking und Somalias erstes solarbetriebenes Mobilfunknetz eingerichtet. "Dies ist ein Zeugnis unserer Verpflichtung zur Innovation", sagte Salah Abdi auf der Feier in Somalilands Hauptstadt Hargeisa.
Somalia ist nicht einfach nur Hungerland, sondern auch technisch enorm innovativ. In der umkämpften Hauptstadt Mogadischu ist das Handynetz besser als in Kenias Hauptstadt Nairobi, wo all die Hilfsorganisationen sitzen, die in Somalia jetzt tätig werden wollen. Somalias Piraten und radikale Islamisten sind global hervorragend vernetzt. Früher war das Hauptproblem bei Afrikas Hungerkatastrophen, dass es Wochen, wenn nicht Monate dauerte, bis die Kunde davon um die Welt ging. Heute geht das sofort. Es gibt kein Informationsdefizit mehr, höchstens ein Handlungsdefizit.
Hohes Wirtschaftswachstum
Afrika insgesamt hat sich seit der letzten großen somalischen Hungersnot 1991/92 enorm verändert. Wer heute zum ersten Mal seit fast zwei Jahrzehnten eine afrikanische Hauptstadt besucht, wird sie nicht wiedererkennen:
- Die Hauptstraßen sind überall hoffnungslos verstopft, es fahren längst nicht mehr nur schrottreife Rostlauben, sondern glitzernde moderne geländegängige Protzwagen aus Asien.
- Jeder Erwachsene scheint mindestens ein Handy am Ohr zu haben.
- Moderne Einkaufspassagen und glitzernde Hochhäuser prägen die Innenstädte von Kapstadt bis Kairo, von Dakar bis Addis Abeba.
Afrika ist ein Kontinent im Aufschwung: Afrika wird jünger und städtischer - und selbstbewusster. Denn die städtische Jugend ist Teil der Globalisierung und lebt im Rhythmus der Welt. Eine konsumkräftige afrikanische Mittelklasse, in ihrer Gesamtheit mindestens so groß wie die Indiens, ist entstanden und sorgt dafür, dass sich immer mehr Länder des Kontinents eines nachhaltig hohen Wirtschaftswachstums erfreuen.
Nimmt man den derzeit kriselnden Maghreb sowie das bereits industrialisierte Südafrika heraus und konzentriert sich auf die wirklich armen Länder südlich der Sahara, beträgt das durchschnittliche Wirtschaftswachstum derzeit jährlich zwischen sechs und sieben Prozent. Das ist knapp unter dem Niveau von sieben Prozent, das international als Mindestrate zu einer nachhaltigen Verringerung der Armut gilt. Zahlreiche Länder erzielen auch Wachstumsraten von mehr als zehn Prozent pro Jahr. Und anders als weithin vermutet boomen nicht nur die Ölstaaten. Auch Ruanda, Uganda und Äthiopien gehören zu den Spitzenreitern.
Die neue Mittelschicht beginnt, ihre Länder umzukrempeln. Die Revolutionen in Tunesien und Ägypten werden südlich der Sahara aufmerksam verfolgt: So geht das also, wenn eine aufstrebende, sich rasch modernisierende Gesellschaft sich ihrer verknöcherten Autokraten entledigen will. Von Senegal bis Malawi nehmen sich Protestierende daran ein Beispiel.
Afrikanische Mittelschicht wächst
Und es sind keine Hungeraufstände. Als im April Ugandas Opposition wiederholt auf die Straße ging, um gegen steigende Lebenshaltungskosten zu protestieren, stellte sie ihre Kundgebungen unter das Motto "Walk to Work Campaign" - die Menschen sollten zur Arbeit laufen, um ihren Unmut kundzutun, ohne dass es nach einer ungenehmigten Demonstration aussieht. Das setzt zwei Dinge voraus, die noch vor einer Generation in Afrikas Großstädten nicht gegeben waren: Die Menschen müssen Arbeit haben und normalerweise nicht zu Fuß gehen.
Es ist auch nicht so, dass Afrika einfach von fremden Ausplünderern seiner Rohstoffe beraubt wird und das Geld dafür auf Schweizer Bankkonten versickert. Zunehmend sind es afrikanische Unternehmer selbst, also keine Europäer oder Chinesen, die in Afrika investieren. Vor allem in den Bereichen Telekommunikation, Bankwesen und Infrastruktur entwickeln sie Lösungen, die den Konsum- und Kommunikationsbedürfnissen des zahlungskräftigeren Bevölkerungsteils entgegenkommen. Und sie lassen sich vom Rest der Welt nur ungern reinreden.
Das heißt natürlich nicht, dass es nicht weiterhin schreiendes Elend in Afrika gibt - wie die Hungerbilder aus Somalia und Kenia beweisen. Aber es gibt eben auch obszönen Wohlstand und immer mehr ganz normales gutes Leben. Zunehmend wird nun die neue afrikanische Mittelschicht sich selbst in der Pflicht sehen, etwas zu unternehmen, wenn wieder einmal das Bild vom Elendskontinent Afrika die Wahrnehmung der Welt prägt.
Dass ausländische Wohltäter einfallen müssen, um fernsehwirksam Kinder zu retten, während nur wenige Autostunden entfernt Smartphones auf den Märkten liegen, ist ein Anachronismus und eine Beleidigung für die vielgerühmte afrikanische Solidarität. Die Händler Kenias und Äthiopiens - und eben auch Somalias sowie des abgespaltenen Somalilands - könnten es besser.