Boomland Indien "Volk mit den schlauesten Leuten"

Die indische Wirtschaft entwickelt sich prächtig und kein anderes Unternehmen profitiert davon so stark wie der Megakonzern Tata Sons. SPIEGEL ONLINE sprach mit Top-Manager Ramabadran Gopalakrishnan über Outsourcing und die Chancen Indiens, an die Weltspitze zu gelangen.


Tata-Manager Gopalakrishnan: "Inder haben die Chance, an die Spitze zu kommen"

Tata-Manager Gopalakrishnan: "Inder haben die Chance, an die Spitze zu kommen"

SPIEGEL ONLINE: Herr Gopalakrishnan, sind die Mitarbeiter von indischen Firmen mit mehr Begeisterung bei der Sache als Arbeitnehmer in Deutschland?

Ramabadran Gopalakrishnan: So hart würde ich das nicht formulieren. Aber es liegt wohl in der Natur des Menschen, sich nicht mehr so sehr anzustrengen, sobald das Leben komfortabler geworden ist. Die erste Generation von Unternehmern ist immer sehr hungrig, ihre Söhne schon nicht mehr so sehr und die dritte Generation ist dann wirklich in Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten. In Deutschland ist die erste Nachkriegsgeneration aus dem aktiven Arbeitsleben ausgeschieden, die Flower-Power-Generation ist schon recht alt, und der wirtschaftliche Erfolg der jungen Generation ist keinesfalls gesichert.

SPIEGEL ONLINE: Eine Sorge in Deutschland und den USA ist das so genannte "Offshore-Outsourcing". Denken Sie, diese Sorge ist berechtigt?

Gopalakrishnan: Es wäre verrückt, diese Sorge für nicht berechtigt zu halten, sie ist vollkommen verständlich. Aber Offshoring ist eine sehr alte Sache. Adidas beispielsweise lässt seit Jahren den größten Teil ihrer Schuhe außerhalb Deutschlands fertigen. Die Verlagerung von IT Services mag etwas neuer sein, und wie immer gibt es am Anfang eines solchen Prozesses Ängste und Sorgen. Doch auf lange Sicht zeigt sich, dass Länder wie die USA oder Deutschland mehr Güter und Dienstleistungen nach Indien exportieren als andersherum.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie die Wahlkampagne von John Kerry, der Unternehmenschefs als Verräter bezeichnet, wenn sie Jobs ins Ausland verlagern?

Gopalakrishnan: Herr Kerry möchte eine Wahl gewinnen und dafür muss man einiges tun. Sollte er Präsident werden, dann wird er sich sicherlich verantwortungsvoller äußern, als er das jetzt tut. In jedem Wahlkampf nehmen Leute extreme Positionen ein, um auf sich aufmerksam zu machen. Danach ändert sich Manches von selbst.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Software-Tochter TCS baut ein Unternehmen in Ungarn auf, Ihr schärfster Konkurrent Infosys fasst in Deutschland Fuß. Sind das Ausnahmen oder erste Anzeichen für eine Schubumkehr?

Gopalakrishnan: Ich denke, es geht hier nicht um Trends. Offshoring ist nichts anderes als eine Form von Handel. Vasco da Gama betrieb "Offshoring" wenn Sie so wollen, als er mit einem Schiff nach Indien fuhr, es mit Gütern füllte und diese dann in Spanien verkaufte. Offshoring ist wie Atmen. Nur dann, wenn es mir wehtut, mache ich viel Lärm. Und das passiert von Zeit zu Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Aber die jetzige Angst ist doch ein wenig konkreter: Inder schicken nicht nur ein paar Waren nach Europa, sie machen den Top-Leuten im IT-Business den Job streitig.

Gopalakrishnan: Lassen Sie uns ein paar Dinge klarstellen. Jedes Land, das jetzt anfängt, Güter und Dienstleistungen für andere bereitzustellen, fängt am unteren Ende an und arbeitet sich langsam nach oben. So ist es beispielsweise bei Schuhen gegangen: Zuerst nur das Leder, dann nur die Sohle, dann die Schnürsenkel und erst danach den ganzen Schuh. Es gab Zeiten, da konnte Indien nicht ein Auto exportieren, noch nicht einmal eine Bremstrommel. Heute exportiert Indien 100.000 Autos. Das gleiche geschieht im IT-Bereich. Zuerst konnten wir nur einfache Dienstleistungen anbieten, heute verkaufen wir ganze Programme. Das nächste wird sein, dass wir Software unter einer eigenen Marke anbieten, und so wird es weitergehen.

SPIEGEL ONLINE: Bis an die Spitze?

Gopalakrishnan: In angemessener Zeit, ja. Aber ich lasse mich nicht auf Schätzungen ein, wie lange das dauern wird. An der Spitze wird der Wettbewerb immer härter. Inder haben die Chance, an die Spitze zu kommen, aber das wird ein sehr schwieriger Weg.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie so sicher, dass sich Indien in der hart umkämpfen Software-Branche durchsetzen kann?

Gopalakrishnan: Im Silicon Valley arbeiten derzeit etwa 120.000 Software-Experten, in Bangalore sind es schon 140.000, also bereits 20.000 mehr. Und das Ende des Wachstums in Bangalore ist noch lange nicht absehbar. Aber es wird bald auch gar nicht mehr darum gehen, wer wem den Job stiehlt. Vielmehr wird entscheidend sein, welches Unternehmen wie viel Gewinn aus seinen weltweiten Partnerschaften ziehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist dabei das Kostenargument?

Gopalakrishnan: Bisher hatte Indien tatsächlich den Ruf, Waren und Dienstleistungen billiger anbieten zu können als andere. Aber das ändert sich. Sowohl in der Forschung wie auch im Management finden Sie immer mehr Inder, die sich an die Spitze vorgearbeitet haben. Gehen Sie zu Banken wie Standard Chartered, der Citibank oder zu Merrill Lynch. Sie sehen überall Inder in Top-Positionen. Gehen Sie zur Nasa oder nach Harvard, jeder zehnte dort ist Inder.

SPIEGEL ONLINE: Die USA haben Microsoft und Intel, Deutschland hat BMW und DaimlerChrysler. Was, denken Sie, wird das Symbol der Stärke für die indische Wirtschaft sein?

Gopalakrishnan: Ich denke, dass wir in Indien jetzt schon den Ruf haben, viele sehr gute IT-Leute zu haben. Manche Leute denken sogar, dass bereits eine Milliarde Menschen in unserem Land mit Computern umgehen können, was längst nicht wahr ist. Aber vielleicht ist Indien irgendwann einmal das Volk mit den schlauesten Leuten. Das wäre kein schlechtes Image.

Das Interview führte Carsten Matthäus



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