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GELDANLAGE Bowie für Börsianer

Er verkauft seine Kreativität per Anleihe - und kassiert damit 55 Millionen Dollar. Das Modell Bowie könnte im Showgeschäft Schule machen.
aus DER SPIEGEL 8/1997

Der Pop-Avantgardist verdrehte nur verwundert die Augen und fragte: »Was?« Er hatte schon viele Identitäten probiert: als bisexueller »Ziggy Stardust«, als »Major Tom« und dekadent-dürrer »Thin White Duke«. David Bowie liebt es, »mit unerprobten, obskuren Methoden zu experimentieren«.

Aber die neue Rolle, die ihm sein Business-Berater Bill Zysblat auf den Leib schneidern wollte, übertraf selbst die Vorstellungen des exzentrischen Verwandlungskünstlers: Bowie, das Börsenobjekt.

Der Popstar willigte schließlich ein: »Wenn das vorher noch niemand gemacht hat«, sagte er, »dann probieren wir's.« An der Wall Street ließ der bleiche Brite kurz nach seinem 50. Geburtstag und dem Erscheinen seines neuen Werks »Earthling« eine Anleihe plazieren, die sich auf die künftigen Einnahmen aus seinen alten, bis 1993 erschienenen Platten stützt. »Ich hatte Angst«, gesteht Berater Zysblat. Aber es sollte sich lohnen.

»Ich wünschte, alle unsere Klienten wären so innovativ«, jubelt David Pullmann, Vizepräsident des New Yorker Investmenthauses Fahnestock & Co. Ein Jahr lang bereitete Pullmann den Coup vor, innerhalb weniger Tage kassierte er für Bowie 55 Millionen Dollar.

»Es gibt Leute, die unglaublich viel Geld machen. Diesmal bin ich es«, so Bowie, der seine Geschäftstüchtigkeit vorher nur in kleineren Raten beweisen konnte: 1992 verkaufte er seine Hochzeit mit dem Model Iman Abdulmajid an das britische Bilderblatt hello - zum Entsetzen seiner Fans, die ihren alten Koks-Gott langsam zu einem nadelgestreiften Geschäftsmann und Klatschspalten-Heros verkommen sahen.

Die Transaktion war auch nicht für verträumte Bowie-Bewunderer gedacht, die sich ihre Anleihe wie ein Autogramm übers Bett hängen können, sondern für kühl kalkulierende Großanleger. Überraschenderweise kaufte der amerikanische Versicherungskonzern Prudential das ganze Paket, das bei zehnjähriger Laufzeit einen Nominalzins von 7,9 Prozent garantiert - knapp ein Fünftel mehr als bei vergleichbaren amerikanischen Staatsanleihen.

»Das wird im Showbusiness auf jeden Fall Nachahmer finden«, freut sich Heiko Thieme, deutscher Fonds-Manager in New York, der Bowies Performance »mit Schmunzeln« verfolgt: »Jetzt ist auch die Kunstbranche vom allgemeinen Börsenfieber angesteckt worden«, glaubt der Anlagestratege. »In der Finanzwelt sind der Phantasie eben keine Grenzen gesetzt.«

Und auch Thomas Stein vom Plattenriesen BMG Ariola, bei dem Bowie bislang unter Vertrag stand, sagt: »Das ist eine neue, intelligente Form des alten Lizenzgeschäfts.« Mitte des Jahres will der Künstler trotz des Lobs für 30 Millionen Dollar zum Konkurrenten EMI wechseln.

»Er hat bewiesen, daß er nicht nur musikalisch kreativ ist«, sagt Heinz Canibol. Der Geschäftsführer der deutschen Plattenfirma Universal glaubt allerdings nicht, daß hiesige Künstler wie Herbert Grönemeyer oder Marius Müller-Westernhagen nun ebenfalls an die Börse stürzen werden: »Das ist nur was für große internationale Stars.«

Vor allem in den USA erfreut sich das Anleihengeschäft stetig wachsender Beliebtheit. Mit der Zauberformel »Asset Backed Securities« (ABS) werden dort Wertpapiere gehandelt, die sich aus den stetig fließenden Zahlungsströmen längst abgeschlossener Geschäfte speisen.

Der Vorteil für den Investor: Er kassiert feste Zinssätze, die oft über dem Marktniveau liegen. Schön für den ABS-Initiator: Er bekommt sofort die Einnahmen eines Jahrzehnts.

Ford, General Motors oder Chrysler öffneten sich mit ABS-gesicherten Projekten neue Einnahmequellen. An der Wall Street schwoll das ABS-Geschäft in wenigen Jahren auf etwa 160 Milliarden Dollar an.

Auch der Handel mit Musikrechten ist nicht neu, aber seit jeher lukrativ: Michael Jackson kaufte 1985 für 48 Millionen Dollar den ganzen Fundus alter Beatles-Songs. Nur zehn Jahre später brachte ihm das Rechtepaket bereits 95 Millionen ein.

Einzigartig ist bislang die Kombination, daß ein Musiker seine Songs beleihen läßt. Möglich wurde das bei Bowie, weil er die Rechte an seinen rund 250 Songs ("Let's Dance«, »China Girl") in den vergangenen 25 Jahren stets für sich behalten hat.

Zwar verspürt er seit 1990 kaum noch Lust, auf der Bühne die alten Hits zu singen: »Ich mag Künstler nicht, die nur durch ihr altes Material wandern.« Trotzdem brachten ihm Plattenverkäufe und Abspielgebühren jedes Jahr Millioneneinnahmen.

Wozu er das Geld nun auf einen Schlag braucht, will er nicht verraten: »Das ist ein außerordentlich innovatives Ding. Aber ich werd's nicht erklären.« Es könne ja sein, sagt sein Berater Zysblat, daß der Popstar schon bald seinen Hauptwohnsitz im Steuerparadies Irland aufgibt. Dann hätte er vorher noch mal richtig abgeräumt und könnte mit den 55 Millionen problemlos in jedes Hochsteuerland der Welt umziehen. Die Anleihe wäre damit Teil eines cleveren Steuersparmodells.

Die renommierte New Yorker Kreditbewertungsagentur Moody's belohnte soviel Kreativität mit einem »Triple A«. Diese Höchstnote wurde der pannenerprobten Deutschen Bank Ende vergangenen Jahres abgesprochen.

Wer den Schaden hat, bekommt den Spott gratis dazu. »Daß ein Künstler besser bewertet wird«, sagt Fonds-Fachmann Thieme, »sollte die Deutsche Bank nachdenklich stimmen.«

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