Boykott Tausende Landwirte schütten Milch weg

Die Bauern machen ernst: Im Kampf um höhere Preise stellen Landwirte in Bayern, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern die Milchlieferungen ein. Bauern-Funktionäre prophezeien verheerende Folgen - die Molkerei-Wirtschaft setzt auf Konfrontation.


München - Literweise Milch schüttet man nicht einfach so weg - das koste "große Überwindung", sagt Bernhard Heger, Mitglied des Bundesbeirats im Bundesverband der Deutschen Milchviehhalter: "Es fällt jedem Bauern verdammt schwer." Doch seiner Meinung nach haben die Bauern gerade keine Wahl, als die gemolkene Milch zu verfüttern oder in die Gülle zu mischen und später als Dünger auf den Feldern zu verteilen.

Ein Milchbauer lässt frisch gemolkene Milch aus einem 2000 Liter fassenden Tank laufen: Teile der Milch werden mit Gülle vermischt und als Dünger verwendet
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Ein Milchbauer lässt frisch gemolkene Milch aus einem 2000 Liter fassenden Tank laufen: Teile der Milch werden mit Gülle vermischt und als Dünger verwendet

Nach einem Aufruf des Verbands haben heute in Bayern zahlreiche Milchbauern einen Lieferboykott gestartet. "Die Aktion der Bauern ist überwältigend", sagt Heger. "Vom Ausmaß der Solidarität bin ich wirklich begeistert", betont der Kreisvorsitzende im Landkreis Weilheim-Schongau seien "weit über 90 Prozent" der rund 950 Mitgliedsbetriebe betroffen.

Auch in Rheinland-Pfalz fing um Mitternacht der Lieferboykott an, wie der Chef des rheinland-pfälzischen Landesvorstandes des Verbandes, Oliver Grommes, erklärte. Schon nachts hätten mehrere Milchlaster die Bauernhöfe ohne Ladung wieder verlassen müssen.

"Unser unbefristeter Streik wird verheerende Auswirkungen haben", sagt Grommes. Rund 50 Prozent der gesamten Milchmenge werde vom rheinland-pfälzischen Markt genommen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern wurde von Lieferstopps berichtet.

"Dass es 90.000 Bauern werden, halte ich für einen Witz"

Die zentrale Forderung des BDM ist ein Basispreis von 43 Cent pro Liter. Der Vorsitzende des Bundesverbands der Deutschen Milchviehhalter, Romuald Schaber, sagte, er rechne mit einer bundesweiten Beteiligung von rund 80 Prozent. Bald würden vor allem frische Produkte wie Milch und Joghurt knapp in den Supermarktregalen.

In der Molkerei-Industrie will man sich allerdings nicht einschüchtern lassen. Der Geschäftsführer des Milchindustrieverbands (MIV), Michael Brandl, entgegnete mit Blick auf das Ausmaß der Protestaktion: "Dass es 90.000 Bauern werden, halte ich für einen Witz". Es werde nicht zu Engpässen bei der Milchversorgung kommen. Die Molkereien könnten zur Not auf dem europäischen Markt einkaufen.

Tatsächlich beteiligen sich nicht alle Bauern an der Protestaktion: Sachsen-Anhalts Milchbauern etwa setzen auf Verhandlungen. "Boykotts sind nicht das Mittel unserer Wahl", sagte Vizehauptgeschäftsführerin Susanne Brandt in Magdeburg und verwies auf einen entsprechenden Vorstandsbeschluss vom April, der unverändert gelte.

Der Verband setze weiterhin auf andere Protestaktionen und auf Gespräche mit den Molkereien, um höhere Erzeugerpreise durchzusetzen. Gleichwohl sei das bislang nicht gelungen. "Wir haben daher vollstes Verständnis für die Landwirte, die sich aus der Not heraus an dem Lieferboykott beteiligen", sagt Brandt.

Unterstützung für die Aktion kommt auch von Seiten der Politik: Bayerns Landwirtschaftsminister Josef Millier etwa erklärte am Dienstag: "Wir werden die Milcherzeugung in Bayern nur dann aufrechterhalten können, wenn unsere Milchbauern mit ihrer Arbeit auch ein ausreichendes Einkommen erwirtschaften können." Am Montag hatte bereits Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) den Bauern seine "volle politische Unterstützung im Kampf um diesen fairen Preis" zugesagt.

ase/ddp/dpa

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