Fintech-Branche Wenn das Handy zur Bankfiliale wird

Kleine Finanzfirmen machen den etablierten Geldhäusern das Geschäft streitig. Nun hat sich erstmals eine Mini-Bank mit einem großen Finanzkonzern und dem Mobilfunkriesen O2 zusammengetan - und bläst zum Großangriff.
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Foto: obs/Telefónica Deutschland

Diese Woche hat der erste große Angriff der Fintech-Branche auf die Kundenbasis klassischer Banken begonnen. Die französische Großbank BPCE will den deutschen Fintechpionier Fidor Bank übernehmen. BPCE ist ein Zusammenschluss französischer Sparkassen und Volksbanken, und mit 35 Millionen Kunden und einem Marktanteil von 20 Prozent die Nummer zwei in Frankreich. "Wir werden unser Bankkonzept weiter nach Europa treiben", jubelt Fidor-Chef Matthias Kröner.

Fidor hatte erst vor wenigen Wochen einen spektakulären Schritt nach vorn gemacht: In Kooperation mit dem Mobilfunkriesen O2 (Telefonica) brachte das Unternehmen eine Banking App namens "O2 Banking" an den Start , nach eigenen Angaben "das erste komplett mobile Bankkonto" eines Mobilfunkanbieters. Und O2 hat in Deutschland Kontakt zu mehr als 40 Millionen Kunden.

Die Konstellation französische Großbank, deutscher Fintechpionier und riesige Telekomfirma ist deshalb brisant und neu, weil den europäischen Fintechs normalerweise zwei kritische Dinge zum schnellen Erfolg fehlen: erstens die ganz große Kundenbasis, und zweitens das ganz große finanzielle Polster. Beide Probleme konnte Fidor jetzt spektakulär lösen. Die Frage ist nun, ob es in dieser Konstellation die nötige Innovationskraft bewahren kann.

Was bedeutet das für den normalen Kunden? Mehr Bequemlichkeit und mehr Auswahl. Die neue Banking-App von O2 und Fidor kann zu einem ernsthaften Konkurrenzprodukt für Großbanken werden, die aktuell an eigenen App-Lösungen arbeiten und das mobile Bankgeschäft voranbringen wollen. Ein großer Telekom-Dienstleister mit seiner Kundenorientierung hat sich gute Voraussetzungen für schnelles Wachstum im Banksektor geschaffen. Welche Auswirkungen die Übernahme auf Fidors andere Bankprodukte wie das eigene Girokonto oder Kreditkarten hat, wird man abwarten müssen .

Eine Generation jüngerer Kunden, für die das Smartphone ständiger Begleiter ist und die es völlig normal finden, mit dem Smartphone ihr gesamtes Leben zu regeln, kann jetzt auch die wichtigsten regelmäßigen Geldgeschäfte auf dem Handy abwickeln. Das geht natürlich im Prinzip auch mit einer App der DAB-Bank oder der Sparkasse.

Die Bequemlichkeit und Nutzerfreundlichkeit, die für einen Erfolg im Smartphone-Geschäft oft entscheidend sind, halten Schritt für Schritt auch bei der Nutzung des Girokontos Einzug. Und es kommt immer ein neues Feature hinzu wie das Überweisen per Handy mit den Kontaktdaten statt mit den Kontodaten, wie es beispielsweise mit der App von Number26 möglich ist.

Ein Hinweis auf weitere Konsequenzen sei aber noch erlaubt: Wenn das Smartphone zur Bank in der Hosentasche wird, muss das für die Nutzer Auswirkungen auf den sicheren Umgang mit dem Handy haben. Virensoftware und eine App, die die Passwörter managt, gehören künftig genauso zur Grundausstattung wie die Absicherungsmechanismen der Konto-App selbst. Und verlieren sollte man sein Handy natürlich nicht mehr.

Ach ja, und O2 muss natürlich noch dringend neben der Bequemlichkeit der neuen Anwendung auch an der eigenen Kundenorientierung arbeiten. Skandälchen wie die überhöhten Roaminggebühren , die die Telefongesellschaft in dieser Saison ihren Kunden berechnet, sollte sich eine Smartphone-Bank nicht leisten .


Zum Autor
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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

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