Branche im Umbruch Google verschärft Kampf um die IT-Herrschaft

Erst der Machtkampf mit Microsoft - jetzt das Zerwürfnis mit Apple: Google kämpft immer aggressiver um die Herrschaft im IT-Königreich. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie sich die Kräfteverhältnisse verschieben - und die gesamte Branche verändern.

Hamburg - Der Kampf der Tech-Giganten hat sich in der vergangenen Woche deutlich verschärft: Letzten Mittwoch übernahm Microsoft Yahoos Suchmaschinentechnologie und wird damit voraussichtlich im Frühjahr 2010 schlagartig zum Schwergewicht in Googles Kerngeschäftsfeld.

Der Suchmaschinenriese startete seinerseits einen neuen Angriff in Microsofts Revier , indem er in einer frechen Werbekampagne Nutzer der Büro-Software Office abwirbt. Am Dienstag schmiss Apple dann auch noch Google-Chef Eric Schmidt aus seinem Verwaltungsrat - und begann spätestens damit offiziell den Kampf der zwei Konzerne um die Vorherrschaft auf dem rapide wachsenden Smartphone-Markt.

Google-Logo: Massive Expansion in zentrale Märkte

Google-Logo: Massive Expansion in zentrale Märkte

Foto: ddp

Offiziell ist damit nun noch etwas anderes: Google fühlt sich offenbar stark genug, seine beiden Erzrivalen gleichzeitig zu attackieren - obendrein mit derselben Strategie: Der Konzern stärkt die Unabhängigkeit des Internets von bestimmten Endgeräten. Betriebssysteme, Büroanwendungen, Software - immer mehr Funktionen bietet Google für Browser an. Der Suchmaschinenriese unterhöhlt damit die Geschäftsmodelle seiner Hauptkonkurrenten und verschiebt die Kräfteverhältnisse zu seinen Gunsten.

Vor allem Microsoft gerät durch den Aufschwung des Internets unter Druck. Die "Business Week"  spekuliert bereits, dass die große Rivalität, die den Fortschritt der IT-Industrie dieses Jahrzehnt bestimmt, Google versus Apple ist, und nicht mehr, wie zuvor, Microsoft gegen Google oder, noch länger davor, Microsoft gegen Apple. Dazu passt auch, dass Amerikas oberste Wettbewerbshüterin Christine A. Varney  Googles kartellrechtliches Gefahrenpotential inzwischen unverhohlen mit dem von Microsoft Mitte der neunziger Jahre vergleicht.

Microsoft aber hat den Machtkampf noch lange nicht verloren, und gerade in den vergangenen Monaten mit frischen Produktideen frische Kraft geschöpft, um bei der Neuordnung des Hightech-Markts mitzumischen.

SPIEGEL ONLINE analysiert den Software-, Suchmaschinen- und Smartphone-Markt - und skizziert, wie der Machtkampf zwischen Google, Microsoft und Apple diese Segmente verändert.

Betriebssystem- und Software-Markt - Googles Attacke auf Microsoft

Im Geschäft mit Betriebssystemen und Bürosoftware genießt Microsoft seit langem die unangefochtene Vorherrschaft. Der Anteil am Betriebssystemmarkt liegt laut der Marktforschungsfirma Net Applications bei fast neunzig Prozent, bei der Büro-Software wird er auf über achtzig Prozent geschätzt.

"Betriebssysteme und Büro-Software sind Marktsegmente, die stark von sogenannten Netzwerkeffekten abhängen", sagt Tobias Just, Leiter der Rechercheabteilung der Deutschen Bank, ohne konkret auf Microsoft Bezug zu nehmen. Die Stellung des dominierenden Konzerns gegenüber den Geräteherstellern und Anwendern kann hier außerordentlich hoch ausfallen. Innovationen haben es in diesen Bereichen dann auch schwerer."

Es gebe aber eine Möglichkeit, diese Barrieren ein Stück weit aufzuheben: Sinken die Anschaffungskosten für Software und Betriebssysteme, erhöhe sich die Frequenz, in der Kunden neue Produkte kaufen. Damit aber stiegen auch die Chancen, mit neuen Produkten zu punkten.

Entsprechend versucht Google, Microsofts Geschäftsfundament mit kostenloser Büro-Software und einem Gratis-Betriebssystem zu unterhöhlen. Zudem forciert der Suchmaschinenkonzern massiv die Verlagerung von Betriebssystemen und Programmen vom Endgerät ins Internet - in die sogenannte Datenwolke. Nutzer können so über das Netz zusammen am selben Dokument arbeiten und ortsunabhängig ihre Voreinstellungen im Betriebssystem nutzen. Der Suchmaschinenkonzern macht dafür derzeit massiv Reklame. Denn je stärker dieses Konzept bei der Kundschaft Akzeptanz findet, desto größer werden Googles Wettbewerbschancen.

"Auch wenn Microsoft noch immer unangefochtener Marktführer ist, Google erhöht derzeit deutlich den Druck", sagt IT-Experte Thomas Liskamm von der Dresdner Bank. Tatsächlich folgt Microsoft Google bereits in die Wolke - und will Programme wie Word 2010 erstmals auch in abgespeckter Form kostenlos anbieten.

Steigt aber die Akzeptanz für das Arbeiten in der Wolke, kann Google Microsoft auch in seinem umsatzstärksten Geschäftsbereich gefährlich werden: "Im Firmenkundengeschäft, das ein sehr großes Segment ist, dürften sich Office-Lösungen durchsetzen, die computerübergreifende Zusammenarbeit im sicheren, nach außen geschlossenen Intranet ermöglichen", sagt Liskamm.

Genau diese Dienste aber forciert neben Microsoft auch Google immer stärker.

Suchmaschinenmarkt - Microsofts Attacke auf Google

Auf dem Suchmaschinenmarkt verteidigt Google selbst eine monopolähnliche Stellung. Studien der Marktforschungsfirma Net Applications zufolge bedient der Konzern mehr als 80 Prozent der weltweiten Suchanfragen. Und nach eigenen Angaben verdiente er 2008 mehr als 21 Milliarden Dollar mit Online-Werbung - das entspricht mehr als 40 Prozent des gesamten weltweiten Online-Werbemarkts.

Allerdings ist Googles Kerngeschäftsbereich wesentlich anfälliger für Wettbewerb als der von Microsoft. "Auf dem Suchmaschinenmarkt gibt es keine Netzwerkeffekte", erläutert Tobias Just, Leiter der Branchenrechercheabteilung der Deutschen Bank. "Letztlich entscheidet jeden Tag die Qualität der Suchergebnisse über die Produktzufriedenheit. Da dem Nutzer für diese Dienste keine direkten Kosten entstehen, kann der Wettbewerb grundsätzlich dynamisch sein."

Dass Google den Online-Werbemarkt dennoch bislang unangefochten anführt, liegt an der enormen Reichweite, die der Konzern seinen Kunden bietet. Jetzt aber versucht Microsoft, Googles Vormachtstellung durch eine Allianz mit Yahoo ins Wanken zu bringen. Sofern Wettbewerbshüter der Kooperation zustimmen, würde das Microsofts Marktanteil im Suchmaschinensektor auf knapp 20 Prozent katapultieren.

IT-Experte Thomas Liskamm von der Dresdner Bank hält es für realistisch, dass die Partnerschaft zwischen Microsoft und Yahoo von den Kartellrechtlern genehmigt wird. Erst durch sie entstünde schließlich ein Player, der Google überhaupt Paroli bieten könnte.

Kommt "Microhoo" tatsächlich, könnten Googles Gewinne aus der Online-Werbung zurückgehen. "Bei Microsoft und Yahoo dagegen könnten sich die Margen unter Umständen verbessern", sagt Liskamm. Im Verbund mit Yahoo würde die Marktmacht deutlich wachsen - und somit der Nachdruck, die eigenen Konditionen im Anzeigengeschäft durchzusetzen. Auch qualitativ könnte Google unter Druck geraten. Microsofts Suchmaschine Bing, die Yahoo künftig mitnutzen soll, gilt vielen Kritikern als nutzerfreundliche Alternative zu Google.

Smartphones und mobiles Internet - Googles Angriff auf Apple

Der Smartphone-Sektor gilt vielen Experten als der wichtigste Wachstumsmarkt der kommenden Dekade. Die "Business Week"  bezeichnet ihn als neuen Kampfplatz, auf dem über die Zukunft des Tech-Königreichs entschieden werden könnte.

Tatsächlich gilt der Markt als äußerst attraktiv. "Sowohl für die großen Innovatoren als auch für die rasch folgenden Kopisten aus Fernost sind noch hohe Margen möglich", sagt Tobias Just, Leiter der Rechercheabteilung der Deutschen Bank.

Der Kampf ums mobile Internet ist indes noch härter als der um den Suchmaschinen- oder Software-Markt. Denn die Markteintrittsbarrieren für Innovationen sind noch sehr niedrig, und da die großen Telekommunikationskonzerne die Endgeräte massiv subventionieren, wechseln Nutzer oft und schnell ihre Handys.

Apple und Google leisten sich ein entsprechend erbittertes Gefecht. Am Dienstag, kurz nach dem Rücktritt von Google-Chef Eric Schmidt aus Apples Verwaltungsrat, bekundete Apple-Chef Steve Jobs offiziell die Rivalität der beiden Tech-Riesen. Google betätige sich mit neuen Produkten zunehmend im Kerngeschäft von Apple, sagte Jobs. Schmidts "Effektivität" im Gremium sei daher "geschrumpft".

Tatsächlich entwickelt sich die Rivalität zwischen Apple und Google im Mobilsektor immer stärker zum Richtungsstreit. Die Konzerne polarisieren den Markt mit zwei gegensätzlichen Strategien.

Apple setzt auf Kontrolle: Das Unternehmen stellt ein eigenes mobiles Endgerät her, entwickelt sein eigenes mobiles Betriebssystem und unterfüttert dieses mit von Nutzern programmierten Anwendungen, die es äußerst erfolgreich über den eigenen Online-Shop vertreibt. Bei der Selektion dieser Programme regiert Apple bisweilen diktatorisch durch .

Google dagegen setzt auf dieselbe Strategie wie gegen Microsoft: Der Konzern baut mit Android ein kostenloses Betriebssystem, mit dem zahlreiche Endgerätehersteller ihre neuen Smartphones bestücken können. Auf Apples Online-Programmladen reagiert Google in bewährter Manier. Der Suchmaschinenriese stärkt das Internet, er verlagert möglichst viele Anwendungen in den Browser. Das hat den Vorteil, dass ein und derselbe Dienst auf vielen Smartphones funktioniert - und den Nachteil, dass die Anwendungen nicht auf allen Telefonen gleich gut funktionieren.

Microsoft spielt im mobilen Netz dagegen eine weniger große Rolle - sein aktuelles Smartphone-Betriebssystem gilt in der IT-Szene als veraltet. Allerdings wird damit gerechnet, dass der Software-Riese seine Aktivitäten im Mobilfunksektor bald ausweitet. Windows Mobile 7, die lange erwartete, nächste Version seines Smartphone-Betriebssystems wird für Anfang 2010 erwartet.

IT-Experten zufolge gerät Apple so im eigenen Revier zusehends unter Druck. "Mit dem iPhone hat das Unternehmen eine neue Nische im Handset-Markt aufgestoßen", sagt Thomas Liskamm, IT-Analyst von der Dresdner Bank. Inzwischen aber verschärfe sich der Wettbewerb, da zahlreiche andere Gerätehersteller Konkurrenzprodukte herausbringen - oftmals mit Hilfe von Googles Handy-Betriebssystem Android.

Apple bleibt laut Liskamm nur eins: "Das Unternehmen wird den Markt weiter mit Innovationen überraschen und vorantreiben müssen, um nicht zwischen zwei großen Playern zerrieben zu werden."

Die Wettbewerbshüter - Googles neuer mächtiger Gegner

Derzeit attackiert Google seine beiden Hauptgegner Apple und Microsoft äußerst aggressiv. Experten zufolge ruft der Suchmaschinenriese damit immer mehr einen neuen, mächtigen Gegner auf den Plan: die amerikanischen Kartellrechtler. Kann die Konkurrenz Googles Expansion nicht stoppen, könnten sie es tun - notfalls mit Wettbewerbsklagen.

"Googles größte Herausforderung ist mitunter die eigene Größe", sagt Thomas Liskamm, IT-Analyst von der Dresdner Bank. "Das Unternehmen mischt in immer mehr Märkten mit Gratisangeboten mit, die durch die Einnahmen aus der Suchmaschinenwerbung quersubventioniert werden." Dem Konzern drohten dadurch künftig "unbequeme Auseinandersetzungen" mit den Kartellrechtlern.

Schon jetzt steht Google unter Druck. 2008 etwa untersagte das US-Justizministerium eine Kooperation mit Yahoo im Bereich der Suchmaschinenwerbung, da diese Googles monopolähnliche Stellung weiter zementiert hätte. Aktuell hat Google wegen seines Projekts, Tausende Bücher einzuscannen, erneut die amerikanischen Kartellhüter im Haus.

Auch der Rücktritt von Eric Schmidt aus dem Apple-Verwaltungsrat ist zum Teil auf Behördendruck zurückzuführen: Die Federal Trade Commission (FTC) hatte erwogen zu überprüfen, ob Schmidts Doppelrolle kein Verstoß gegen die Section 8 des Clayton-Antitrust-Gesetzes darstelle. Das besagt, dass Unternehmen mit gemeinsamen Mitgliedern in den Kontrollgremien ihren Informationsaustausch beschränken müssen.

Gary Reback, Anwalt der Kanzlei Carr & Ferrell, die in den neunziger Jahren das US-Justizministerium bei Schritten gegen Microsoft unterstützte, sagte der "New York Times" diesen Dienstag, Schmidts Rücktritt zeige, dass Google die sich verschärfenden Kontrollen der Kartellwächter offenbar sehr ernst nehme.

Und dafür gibt es einen guten Grund: Laut einem Bericht der Technologiezeitschrift "Wired" , ist Amerikas oberste Wettbewerbshüterin Christine A. Varney  offenbar dabei, ein politisches Klima zu erzeugen, in dem massive Kartellrechtsverfahren gegen Google durchsetzbar wären.

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