Branche in der Krise Experten sehen jeden zehnten Autobauer-Job bedroht

Der Konjunkturabschwung trifft die Autobauer mit voller Wucht. Die Nachfrage bricht rapide ein, die Produktion wird gedrosselt. Experten vermuten, dass das nur der Anfang ist: Sie zeichnen für 2009 ein düsteres Bild - und fürchten um jeden zehnten Job in Deutschlands Vorzeigebranche.

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Hamburg - Es gibt Autobauer bei denen bekommt man zum Neuwagenkauf eine Werksbesichtigung geschenkt. Man sieht bei solchen Führungen hohe Hallen, vollgepackt mit surrenden Robotern. Ihre Metallarme fräsen, bohren, schrauben an blankem Metall herum. Man sieht Monteure mit dicken Oberarmen und großen Händen, die, in noch größeren Handschuhen steckend, chromglänzende Teile montieren.

BMW-Werk in Leipzig: Vier Tage keine Produktion
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BMW-Werk in Leipzig: Vier Tage keine Produktion

Wer zurzeit ein neues Auto kauft - und das tun laut Absatzstatistik immer weniger Menschen -, könnte Pech haben mit einer solchen Besichtigung. Immer stärker schlägt die Absatzkrise auf die Autobauer durch, immer neue Produktionsstopps werden bekannt gegeben (siehe Kasten). Es sind Hiobsbotschaften wie vom Fließband. Sie betreffen Zehntausende Arbeiter.

Im Gesamtjahr 2008 wird der Weltautomarkt Berechnungen zufolge um vier bis fünf Prozent schrumpfen. Seit 1948 hat es einen solchen Rückgang nur ein einziges Mal gegeben: 1993 war das, zur Zeit der letzten großen Konsumrezession.

2009, prognostizieren Branchenkenner, könnte das Jahr sein, in dem dieser Negativrekord gebrochen wird. Wer dann ein Auto kauft, könnte an vielen Orten eine Geisterwerkstatt besichtigen, eine, in der es sich noch nicht einmal lohnt, dass der letzte das Licht ausknipst, da Roboter auch im Dunkeln arbeiten.

Fragt man Gewerkschaftler, scheint diese Zeit noch weit entfernt zu sein. Alle beschwichtigen: "Wir haben gerade eine Boom-Phase hinter uns", sagt eine Stuttgarter IG-Metall-Sprecherin. "Logisch, dass sich die bisherige Überproduktion nicht ewig fortsetzen konnte." In Niedersachsen, bei der VW betreuenden IG-Metall, ist trotz herruntergefahrener Produktion immer noch von "Sonderkonjunktur" die Rede. "Es gibt kein Krisenszenario", sagt ein Sprecher. "Im Gegenteil: Im Moment fahren wir Zusatzschichten."

Beängstigender Nachfrageeinbruch

Fragt man dagegen Experten, klingt das ganz anders. "Die Nachfrage ist im vierten Quartal eingebrochen", sagt Jürgen Pieper, Autoexperte beim Bankhaus Metzler. Die Produktionskürzungen dürften seinen Schätzungen zufolge schon 2008 stärker ausfallen als bisher angekündigt. Für realistisch halte er, dass Hersteller wie Ford Chart zeigen, Opel, Daimler Chart zeigen und BMW Chart zeigen jeweils zwischen 50.000 und 100.000 Fahrzeuge weniger produzieren als ursprünglich geplant.

Die Finanzkrise habe die Konsumlust der Deutschen weiter gebremst, sagt Wolfgang Meinig von der Bamberger Forschungsstelle Automobilwirtschaft (FAW). Kunden finanzieren Neuwagen oft über Kredite. Wenn die aber immer teurer werden, weil die Banken selbst immer mehr Zinsen für geliehenes Geld zahlen müssen, und wenn Konsumenten von Banken immer strenger geprüft werden, ehe sie Kredite erhalten - dann investieren in der Folge weniger in ein neues Auto.

Obendrein würden Kunden durch hohe Benzinpreise und die CO2-Regelungen der EU verschreckt. "Alles zusammen ist wirklich Gift", sagt Meinig. "Zurzeit kauft sich der Durchschnittsdeutsche nur noch alle neun Jahre einen Neuwagen - das ist der größte Zeitabstand der Nachkriegszeit."

Produktionsstopps schaffen trügerische Sicherheit

Dass in den Werkshallen zurzeit die Produktion zurückgefahren wird, befürwortet Pieper: Andernfalls drohten die deutschen Autobauer in eine ähnliche Abwärtsspirale zu geraten wie ihre US-Kollegen. "Dort lief die Produktion weiter auf Hochtouren, als die Nachfrage einbrach", sagt er. In der Folge entstand ein Überangebot, Autobauer und -verkäufer gaben hohe Rabatte auf Neuwagen - und machten so die Preise auf Jahre kaputt. "Produktionsstopps sind da der bessere Weg."

Allerdings, gibt sein Kollege Meinig zu bedenken, sind sie auch kein Allheilmittel: "Moderne Produktionsstätten sind erst ab einer Auslastung von 80 Prozent rentabel", sagt er. "Alles darunter verursacht Fixkosten in Millionenhöhe - selbst dann noch, wenn die Fließbänder abgeschaltet werden."

Die Konzerne hätten in den vergangenen Dekaden das Wachstum um jeden Preis forciert, den Ausbau des eigenen Marktanteils, moniert er. Daraus sei ein enormer Produktionsdruck entstanden. "Jetzt rächt sich diese Strategie", sagt Meinig. "Durch die kostenfressenden Fertigungsstätten können die Autokonzerne Produktionsausfälle umso schwerer verkraften. Geraten sie in die Schieflage, werden Umstrukturierungen und Job-Kahlschläge umso schneller fällig."

Auch Festangestellte müssen um ihren Job bangen

Immerhin: Jobs sind wohl vorerst nicht gefährdet. Die diesjährigen Produktionsausfälle dürften die Arbeiter größtenteils noch über den Abbau von Überstunden abfedern können. In den vergangenen drei Jahren war die Auftragslage gut, gleichzeitig wurden kaum neue Arbeiter eingestellt, so dass die Arbeitszeitkonten vieler Arbeiter recht gut gefüllt sein dürften. Mitarbeiter, die weniger Überstunden zum Abbummeln haben, haben außerdem die Option, negative Überstunden anzusammeln: Soll-Stunden, die sie später abarbeiten. Oder sie können ihren restlichen Urlaub nehmen, um Gehaltsausfällen vorzubeugen.

Eine aussagekräftige Kriseneinschätzung der Branche erwartet Pieper für Januar 2009. Dann werde sich zeigen, inwieweit die großen Konzerne noch auf ein schnelles Ende der Krise hoffen. "Geben sie bereits im Januar Stellenstreichungen bekannt, bedeutet das, sie rechnen mit einem desolaten Jahr. Halten sie sich bis März mit solchen Ansagen zurück, deutet das darauf hin, dass noch immer Hoffnung besteht, dass sich die Auftragslage nach dem traditionell mauen ersten Quartal bessert."

Kommt es aber zu Job-Streichungen, wird es nicht nur um die Leiharbeiter gehen. Bei den großen deutschen Autobauern beträgt der durchschnittliche Leiharbeiteranteil gerade fünf Prozent. Versprechen, den Nachfrageeinbruch durch auslaufende Leiharbeiterverträge auszugleichen, findet Pieper daher "unrealistisch". Das sei "hauptsächlich Beschwichtigungsstrategie. Das wird sich nicht aufrecht erhalten lassen, wenn der Markt im kommenden Jahr einbricht".

Jeder zehnte Job ist bedroht

Darauf aber deutet vieles hin: das abkühlende Konsumklima, der drohende Anstieg der Arbeitslosigkeit, das steigende Zinsniveau für Kredite. Für das nächste Jahr erwartet Pieper deshalb einen neuen Negativrekord. "Finanzkrise und Klimadebatte haben einen noch nie dagewesenen Nachfrageeinbruch verursacht", sagt er. "2009 könnte der Weltautomarkt um zehn bis 15 Prozent schrumpfen." Sein Kollege Meinig sieht das ebenso: "Wenn der Weltautomarkt 2009 um fünf Prozent schrumpft, haben die Hersteller wirklich Glück gehabt", sagt er.

Eine so harte Rezession aber könnten Audi, BMW & Co. wohl nicht ohne Jobabbau verkraften. "Ich halte es für realistisch, dass 2009 in der Autoproduktion bis zu zehn Prozent aller Jobs verloren gehen", sagt Meinig. Pieper schätzt sogar, dass zehn bis 15 Prozent der Jobs bedroht sind. Zumindest dann, wenn die Auto-Rezession auf absehbare Zeit anhält. Und das wird sie - vermutet Meining: "Es gibt überhaupt kein einziges Signal dafür, dass die Krise 2009 zu Ende geht."

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