Staudammunglück Brasilianische Richterin wirft TÜV Süd Versagen vor

In Brasilien ist das erste Urteil nach dem Staudammunglück ein herber Schlag für den TÜV Süd. Nach SPIEGEL-Informationen bezeichnete die Richterin den Einsturz des Erddamms als "nicht unvorhersehbar".
Bei dem Dammbruch zerstörte Brücke

Bei dem Dammbruch zerstörte Brücke

Foto: Andre Penner/ dpa

In einem ersten Urteil nach dem Staudammunglück von Brumadinho, bei dem im Januar mindestens 240 Menschen ums Leben kamen, erhebt ein Gericht des Bundesstaats Minas Gerais schwere Vorwürfe gegen den TÜV Süd. Die brasilianische Tochter des Unternehmens hatte den Katastrophendamm in Minas Gerais als sicher zertifiziert. Doch die Richterin urteilt, der Einsturz des Erddamms sei "nicht unvorhersehbar" gewesen.

Die kritische Situation sei von Vertretern der Betreiberfirma Vale und "besonders des Unternehmens TÜV Süd" schon mehr als ein Jahr vor dem Einsturz diskutiert worden, heißt es im Text des Urteils vom 9. Mai. Trotz der bekannten Gefahr, dass sich das Erdreich verflüssigen könnte, hätten die Verantwortlichen beschlossen, den Betrieb aufrechtzuerhalten, anstatt Maßnahmen zur Stabilisierung des Bauwerks zu ergreifen und dadurch Todesopfer zu verhindern.

Zudem legt das Urteil nahe, dass der für die Brasilianer zuständige Manager M. in der Münchner TÜV-Zentrale von den Problemen mit dem Damm frühzeitig Bescheid wusste - und womöglich sogar die Entscheidung traf, dem Damm die Sicherheitsbescheinigung zu erteilen. Dies geht aus einem internen Mailwechsel zwischen den brasilianischen Prüfern hervor, aus dem in der Urteilsbegründung zitiert wird. Nachdem mehrere Prüfer gefordert hatten, man müsse M. über die Zertifizierung für den Damm entscheiden lassen, schrieb einer von ihnen am 15. Mai 2018: "Ich habe mit M. geredet. (…) Er schlug vor, ein Treffen über B1 (den Katastrophendamm, d. Red.) am Donnerstag Nachmittag abzuhalten."

TÜV Süd will sich derzeit nicht äußern

Mit dem jüngsten Urteil entzog das Gericht dem TÜV Süd die Lizenz zur Zertifizierung von Staudämmen in Brasilien und arrestierte das Firmenvermögen in Höhe von umgerechnet etwa 13 Millionen Euro für eventuelle Schadenersatzforderungen. Der TÜV Süd will sich mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht zu dem Urteil äußern. Man werde aber weiter mit den Strafverfolgungsbehörden kooperieren. Das Münchner Prüfunternehmen hatte im Februar von sich aus erklärt, es sei zweifelhaft, ob das brasilianische System zur Prüfung der Stabilität von Dämmen zuverlässig sei. Man werde in Brasilien daher vorerst keine weiteren Zertifikate und Berichte für Vale ausstellen, "bis eine gründliche Prüfung des Systems abgeschlossen ist".

Im März warnte der TÜV Süd dann die brasilianischen Behörden und den Bergbaukonzern Vale vor neuen Desastern. Acht weitere Vale-Dämme gelten auf Basis einer vorläufigen Untersuchung als "besorgniserregend", sieben davon sogar als "besonders besorgniserregend", hieß es in einem Schreiben vom 12. März. Bei einem dieser Dämme, dem "Sul Superior" der Mine Gongo Soco im Bundesstaat Minas Gerais, wuchs zuletzt die Sorge vor einem Dammbruch. Bislang ist eine neuerliche Katastrophe aber ausgeblieben.

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