Mögliche Sklavenarbeit Brasilianische Staatsanwälte rechnen mit Entschädigung von VW für »Schuldknechtschaft«

Eine Volkswagen-Tochter soll Arbeiter in Brasilien in den Siebziger- und Achtzigerjahren wie Sklaven gehalten haben. Die Vorwürfe könnten den Konzern Image und Geld kosten.
Frisch produzierte VW-Autos auf dem Weg durch Brasilien

Frisch produzierte VW-Autos auf dem Weg durch Brasilien

Foto: Mauricio Lima / AFP

In der brasilianischen Hauptstadt Brasilia hat eine Anhörung zu möglicher Sklavenarbeit durch eine Tochterfirma von Volkswagen begonnen, die den Wolfsburger Konzern teuer zu stehen kommen könnte. Die Staatsanwälte, die die Zwangsarbeitsvorwürfe gegen Volkswagen während der Diktatur in Brasilien untersucht haben, rechnen mit einer Entschädigungszahlung des deutschen Konzerns. »Wir sind zuversichtlich, dass wir am Ende des Verfahrens eine angemessene Wiedergutmachung für die schweren Menschenrechtsverletzungen, die auf der Ranch stattgefunden haben, erhalten werden«, sagte Staatsanwalt Rafael Garcia am Dienstag nach der ersten Anhörung vor einem Arbeitsgericht in Brasilia.

Die Vorgänge sollen sich auf einer Amazonasfarm eines Tochterunternehmens von Volkswagen do Brasil in den Siebziger- und Achtzigerjahren zugetragen haben. Die Ermittler hätten den Konzernvertretern bei der Anhörung hinter verschlossenen Türen ein 90-seitiges Dossier mit Zeugenaussagen vorgelegt, so Garcia. Die Beweise »belegen, dass die Arbeiter in einer sklavenähnlichen Situation waren«, sagte der Staatsanwalt, der Volkswagen als »direkt verantwortlich« für die Menschenrechtsverletzungen ansieht. »Das, was auf der Fazenda passiert ist, stellt schwere Menschenrechtsverletzungen dar, auch weil Sklavenarbeit eingesetzt wurde«, hieß es aus der Staatsanwaltschaft. »Nachdem sie Eigentum von Volkswagen war, ist das Unternehmen auch dafür verantwortlich.«

Es solle nun auch um eine etwaige Wiedergutmachung für die Arbeiter auf der Farm und für die brasilianische Gesellschaft gehen. Volkswagen habe um eine Frist für eine Stellungnahme gebeten und wolle sich im September schriftlich äußern. »Wir können versichern, dass wir die geschilderten Vorgänge auf der Fazenda Rio Cristalino sehr ernst nehmen«, hatte ein VW-Sprecher vor Kurzem gesagt.

Bei den Opfern handele es sich laut der Staatsanwaltschaft um Menschen, die als Tagelöhner und Leiharbeiter für Abholzungsarbeiten auf einem Grundstück angeheuert worden waren, das später eine der größten Rinderfarmen im Amazonasgebiet werden sollte – betrieben im Auftrag eines Tochterunternehmens des Wolfsburger Konzerns.

»Ein Arbeiter versuchte zu fliehen, wurde aber gefangen genommen.«

Laut den Zeugenaussagen waren bewaffnete Wachen damit beauftragt, Tausende von Arbeitern zu bewachen. »Ein Arbeiter versuchte zu fliehen, wurde aber gefangen genommen. Um ihn zu bestrafen, entführten sie seine Frau und vergewaltigten sie«, heißt es in dem Untersuchungsbericht. »Einem anderen Arbeiter, der zu fliehen versuchte, wurde ins Bein geschossen. Ein weiterer wurde nackt gefesselt.«

Die Arbeiter wurden demnach in »Schuldknechtschaft« gehalten, ihren gesamten Lohn mussten sie für den Kauf von Lebensmitteln zu überhöhten Preisen ausgeben. Einige starben ohne Zugang zu medizinischer Versorgung an Malaria. Laut dem Bericht wurden die Verbrechen von VW-Managern, darunter auch mindestens einem Deutschen, beaufsichtigt.

Der katholische Priester Ricardo Rezende hatte seit 1977 Beweise für die Gräueltaten gesammelt und sie vor drei Jahren schließlich der Staatsanwaltschaft übergeben. »Man kann das Leid eines Menschen, der gefoltert wird, nicht durch Reparationszahlungen beheben«, sagte der 70-jährige Priester der Nachrichtenagentur AFP. »Aber es kann eine symbolische Wiedergutmachung geben. Und ich denke, das ist notwendig.«

Bei der »Fazenda Volkswagen« handelte es sich dem Ermittler zufolge um eine der größten Unternehmungen im ländlichen Amazonasgebiet, der Autokonzern wollte damals in das Fleischgeschäft einsteigen. Die Farm war rund 1390 Quadratkilometer groß und hatte etwa 300 Arbeiter. Sie wurde in den Siebzigerjahren gegründet und von der brasilianischen Militärdiktatur unterstützt. Die für die Rodung zuständigen Leiharbeiter, auf die sich der Vorwurf der Sklavenarbeit vor allem bezieht, waren nicht direkt bei dem Tochterunternehmen angestellt.

Bei dem Ermittlungsverfahren handelt es sich nicht um die ersten Vorwürfe gegen VW in Brasilien. Im Juli 2017 belegten Recherchen von NDR, SWR und »SZ«, dass sich der Konzern zu Zeiten der Diktatur aktiv an der Verfolgung und Unterdrückung von Regimegegnern auf dem Werksgelände bei São Paulo beteiligt hatte. Im Jahr 2020 zahlte VW 36 Millionen Real (5,5 Millionen Euro) als Entschädigung an Familienangehörige von Mitarbeitern, die während der Militärdiktatur gefoltert und getötet worden waren.

kig/dpa/AFP
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