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Privatisierung Breite Streuung

Bonn will sich von vielen Staatsbetrieben trennen, die Telekom plant den Gang an die Börse.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Neuerdings ist Ministerialdirektor Eckart John von Freyend ein begehrter Mann. Die Manager der großen Investmentbanken bieten dem Bonner Beamten fast täglich ihre Dienste an.

Im Auftrag von Finanzminister Theo Waigel verwaltet John von Freyend rund 350 staatliche und halbstaatliche Unternehmen. Weil die Staatskasse leer ist, wird der Verwalter nun zum Verkäufer: Der Bund will sich von vielen Beteiligungen trennen.

Finanzexperten aus Frankfurt, London und New York wollen bei der Abwicklung der Milliardendeals mithelfen und mitkassieren, die Deutsche Bank ebenso wie die internationalen Investmenthäuser Salomon Brothers und Goldmann Sachs. Auf dem Schreibtisch des Ministerialen stapeln sich deren Konzepte für den Gang an die Börse.

Waigel wird die Hilfe der Banker brauchen. Monatelang prüften seine Beamten, welche Firmenbeteiligung sich zügig in Bares ummünzen läßt. Am Dienstag vergangener Woche legte der Minister seine Liste aller »Verwertungsmöglichkeiten« dem Kabinett zur Abstimmung vor.

Hunderte von Grundstücken sollen sofort verkauft werden, dazu zwei Banken, sechs Wohnungsgesellschaften, zwei regionale Eisenbahnen, eine Wirtschaftsprüfer-Gesellschaft und der Bundesanzeiger-Verlag. Auch das Erholungsheim der Bundeswehr im vornehmen Davos steht auf der Liste.

Innerhalb der nächsten Jahre will sich der Bund von seinen Anteilen an der Rhein-Main-Donau AG und der Lufthansa trennen. Waigel rechnet mit einem Verkaufserlös bis zu zehn Milliarden Mark.

Die Investmentbanker sind jedoch vor allem auf ein Geschäft scharf: auf die profit- und prestigeträchtige Börseneinführung der deutschen Telekom. Rund eine Milliarde Mark an Provision gibt es allein bei diesem Geschäft zu verdienen.

Walfried Kujawski, Sprecher des amerikanischen Bankhauses Merrill Lynch in Deutschland, sieht für eine Aktie der heutigen Kommunikationsbehörde »ein Riesenpotential«. Weltweit entwickelten sich die meisten privatisierten Postbetriebe zu Börsenrennern.

Die Experten schätzen den Wert einer deutschen Telekom AG auf 60 bis 80 Milliarden Mark. Im ersten Schritt, so die Bonner Planung, sollen allerdings nur 49 Prozent des Unternehmens plaziert werden.

Der Finanzminister sieht in dem Wertpapier der Telefonfirma bereits die »Volksaktie der neunziger Jahre«. Die wichtigsten Erkennungszeichen des Jedermann-Papiers sind seine breite Streuung und ein von der Politik verordneter Billigtarif für die Erwerber der ersten Tage. Erst dreimal in der Geschichte der Bundesrepublik hat die Regierung solche Volksaktien emittiert.

Den Anfang machte l959 die Teilprivatisierung der Preussag, zwei Jahre später wurde die Aktie der Volkswagen AG ausgegeben. 1965 streute Bonn die Wertpapiere des Stromriesen Veba unters Volk.

Jedesmal herrschte an den Effektenschaltern der Banken ein großes Geschubse. »Nicht wenige«, berichtete damals der Industrie-Kurier, »leben in der Angst, zu spät zu kommen und nicht mehr berücksichtigt zu werden.«

Um das Geschäft in Schwung zu bringen, hatte Bonn die Parole von der Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand ausgegeben. Die Volksaktie, so die Idee, sollte dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz verpassen und - wie nebenbei - die Kassen der Regierung füllen. Springers Welt enttarnte die Volksaktie schon damals als »Geldbeschaffungstransaktion mit sozialpolitischem Mäntelchen«.

Auch der Regierung des Helmut Kohl geht es vor allem um zusätzliche Einnahmen. Schon vor anderthalb Jahren hatte Waigel eine »Privatisierung ohne Tabus« versprochen. Unter dem Diktat der leeren Kassen kommt sie nun in Gang.

Die Ausgabe der Volksaktie Telekom ist jedoch keine Kopie der Wertpapierverkäufe aus den sechziger Jahren. Mit der Privatisierung, realistisch frühestens im Sommer 1994, steht in Deutschland erstmals eine Behörde zum Verkauf an.

Bisher waren derartige Pläne stets am Widerstand der Sozialdemokraten gescheitert. Kategorisch lehnten alle SPD-Größen die Umwandlung der Behörden Bahn und Post in selbständige Aktiengesellschaften ab; die für eine Verfassungsänderung nötige Zweidrittelmehrheit im Bundestag kam nie zustande.

Die Zeit der Verweigerung scheint vorbei zu sein. Die sozialdemokratische Anti-Position ist unmodern geworden, ökonomisch begründet war sie noch nie. Die Milliardendefizite der Bahn und der chronische Mangel an Eigenkapital bei der Telekom erzwangen den Gesinnungswandel.

Arne Börnsen, postpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und Ex-Manager bei Daimler-Benz in Bremen, stellt erleichtert fest: »Die ideologischen Barrieren der SPD gegen die Privatisierung brechen.«

Die Gründung einer Deutschen Bahn AG, vor kurzem im Kabinett beschlossen, ging dem SPD-Vorsitzenden plötzlich nicht schnell genug. In einem Schreiben an Kanzler Kohl drängte Björn Engholm Anfang Juli auf die »rasche Umsetzung der Strukturreform« und mahnte ausdrücklich die »erforderliche Grundgesetzänderung« an.

Bei der Post sind die Genossen noch nicht ganz so weit. Zwar wollen sie den Behördenstatus beenden und dafür auch das Grundgesetz ändern. An die Stelle der alten Postverwaltung soll nach ihren Plänen aber eine Anstalt öffentlichen Rechts treten.

Das Modell hat für die Sozialdemokraten einen großen Vorteil: Das öffentliche Dienstrecht bliebe unangetastet - sie müßten sich nicht mit der mächtigen Postgewerkschaft anlegen.

Die Anstalt Telekom, so die Vorstellung, soll sich über Genußscheine am Kapitalmarkt finanzieren. Realistisch ist das nicht. Eine interne Studie der Deutschen Bank gibt dem Anstaltsmodell ökonomisch keine Chance.

Der Genußschein ist ein Wertpapier mit festem Zins und ohne Mitspracherecht für seinen Besitzer. Ein solcher »Finanzierungs-Zwitter« sei ohne jede »Rendite-Phantasie«, meinen die Experten der Bank. Bisher werden in Deutschland Genußscheine im Nennwert von nur elf Milliarden Mark gehandelt. Bei dem Geldbedarf der Telekom seien »die Genußschein-Kapitalmärkte hoffnungslos überfordert«.

Die SPD tritt bereits den Rückzug an, die meisten Sozialdemokraten haben sich innerlich längst von ihrem Modell verabschiedet. Peter Glotz, Mitglied im Aufsichtsrat der Telekom, ließ seinen Fraktionschef Hans-Ulrich Klose wissen, daß er nur der AG eine Zukunft gibt. Klose stimmte ihm zu.

Telekom-Vorstandschef Helmut Ricke drängt zur Eile. Für seine gigantischen Ausbaupläne im deutschen Osten braucht er dringend neues Geld. Die gesetzlich vorgeschriebene Eigenkapitalquote von 33 Prozent kann er schon heute nicht mehr vorweisen. »Wenn nichts geschieht«, mahnt er, »werden wir am Ende noch zur zweiten Bundesbahn.«

Mit der Aktiengesellschaft wäre Ricke auch die lästigen Politiker los. Obwohl die Telekom Milliardengewinne erwirtschaftet, bleibt fast nichts in der Kasse.

Automatisch muß der Vorstandschef Jahr für Jahr zehn Prozent vom Umsatz an den Finanzminister überweisen. Zusätzlich zwingt Waigel das profitable Unternehmen, die Verluste beim traditionellen Postdienst und bei der ebenfalls defizitären Postbank auszugleichen. Der entnervte Telekom-Chef: »Wir brauchen dringend die AG.«

Bis er sie bekommt, muß er wohl noch warten. An John von Freyend liegt das nicht. Der Bonner Ministerialdirektor, einst Manager beim Vermögensverwalter Albrecht Graf Matuschka, bereitet ganz diskret die Ausgabe der Telekom-Papiere vor.

Das einstige Postunternehmen soll schließlich an allen großen Börsen der Welt plaziert werden. In drei oder gar in vier Tranchen will Freyend die Aktien verkaufen. »Sobald die politische Entblockierung da ist«, verkündet er, »setze ich die Maschine in Gang.«

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