Folgen des Brexit-Referendums Der englische Patient

Als die Briten vor einem Jahr für den EU-Ausstieg stimmten, versprachen die einen glorreiche Zeiten, während die anderen den Untergang prophezeiten. Wer hat bisher recht behalten?

Westminster Bridge in London
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Westminster Bridge in London

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Auf den ersten Blick steht die Wirtschaft Großbritanniens blendend da: Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für 2017 mit einem realen Wirtschaftswachstum von zwei Prozent - weltweit liegt das Land damit auf Platz zwei, direkt hinter den USA. Tatsächlich ist die befürchtete Rezession nach dem Referendum ausgeblieben - eher scheint das Gegenteil der Fall.

Nachdem die Briten am 23. Juni 2016 mit knappen 51,98 Prozent für den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union (EU) stimmten, sackte der Wechselkurs des britischen Pfunds abrupt ab. Für die Verbraucher war das eine schlechte Nachricht, Reisen wurden schlagartig teurer, Importe kosteten mehr, Preise wurden angehoben. Für die Wirtschaft aber war der Kursverfall wie kräftiger Rückenwind.

Umgekehrt wurden nämlich britische Waren für das Ausland um zwanzig Prozent günstiger. In der Folge steigerten britische Unternehmen ihre Exporte von Juni 2016 bis März 2017 um fast zehn Prozent auf einen absoluten Rekordwert.

Die Beschäftigungsquote war seit Beginn der Statistiken in den Siebzigerjahren noch nie so hoch wie jetzt, die Arbeitslosenquote fiel Anfang des Jahres auf 4,6 Prozent - den niedrigsten Stand seit mehr als 40 Jahren.

Kurzer Aufschwung vor langer Talfahrt?

Ist also alles gut und der Brexit kein Problem? Auf den zweiten Blick werden die unterschwelligen Probleme Großbritanniens und seiner Wirtschaft sichtbar. Im schlimmsten Fall könnte es für Unternehmen und Bürger nach dem Brexit richtig bergab gehen. Steht das Land erst außerhalb der EU, könnte es - je nach Verhandlungsergebnis - mit dem Außenhandel schwieriger werden. Es wäre ein gravierender Einschnitt für Großbritannien, das mehr als die Hälfte seiner Waren aus den EU-Mitgliedstaaten einführt und fast ebenso viel dorthin exportiert.

Auch auf ausländische Arbeitskräfte sind die Unternehmen angewiesen: Die Baubranche klagt bereit jetzt, dass ihr die Arbeiter ausgehen. Auf manchen Baustellen kommen drei Viertel der Mitarbeiter aus Osteuropa - aber es werden immer weniger.

Die als feindselig empfundene Stimmung hat viele Arbeiter vertrieben - nach Deutschland, Schweden oder in die Niederlande. Die Ankündigungen der Regierung, den Zuzug von Ausländern zu begrenzen, zeigt offenbar Wirkung. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl derer, die aus Großbritannien wegzogen, um 40.000, während 43.000 weniger Menschen zum Leben und Arbeiten in das Land kamen.

Die erwartete Verlegung von Mitarbeitern, vor allem in der Finanzbranche, hat dagegen bisher noch nicht stattgefunden. Zwar sondieren die Unternehmen bereits Büroräume, beispielsweise in Frankfurt, Mietverträge hat bisher aber wohl kaum ein Unternehmen unterschrieben.

Auch sonst machen sich erste Schwächezeichen bemerkbar. Die britische Wirtschaft wächst zunehmend langsamer, im ersten Quartal 2017 nur noch um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Stattdessen klettert die Inflation. Lag sie vor dem Brexit-Referendum noch bei 0,7 Prozent, stieg sie im April auf 2,6 Prozent. Weil die Lohnerhöhungen damit nicht Schritt halten, sinken auch die verfügbaren Einkommen - und gefährden den Aufschwung, der vor allem von den Konsumausgaben getragen wird.

Parallel sinkt die Sparquote, und die Verschuldung der privaten Haushalte nimmt zu, vor allem durch Konsumentenkredite. Sollte sich die Bank of England gezwungen sehen, wegen der steigenden Inflation die Zinsen zu erhöhen, könnte das in eine Abwärtsspirale führen.

Die britische Wirtschaft hat tief liegende Probleme

Einige Optimisten gehen zwar davon aus, dass der Brexit langfristig ein Erfolg wird, kurzfristig aber müssen sich Bürger und Unternehmen mit Sicherheit auf Turbulenzen einstellen - und das für die kommenden zwei Jahre der Austrittsverhandlungen.

Schwer zu glauben, dass die Regierung die grundlegenden Probleme des Landes anpacken wird - egal, ob die Tories von Theresa May die Parlamentswahlen gewinnen oder die Labour-Partei mit Jeremy Corbyn. Denn einige Kennzahlen sehen im internationalen Vergleich nicht gut aus: Die Produktivität ist schwach, Unternehmen und Staat investieren weniger als vergleichbare Länder, auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind niedrig, Schulwesen und Berufsausbildung gelten als vergleichsweise schlecht.

Auch der Staatshaushalt ist alles andere als solide: Einige Ressorts mussten in der Vergangenheit Ausgabenkürzungen von bis zu 30 Prozent umsetzen und trotzdem rechnen selbst optimistische Ökonomen damit, dass der Haushalt frühestens 2023 saniert ist. Immerhin hat es die Regierung geschafft, das Haushaltsdefizit von stolzen zehn Prozent vor rund zehn Jahren auf gut drei Prozent zurückzufahren. Die Staatsverschuldung liegt aber immer noch bei 90 Prozent der Wirtschaftsleistung - ein beunruhigend hoher Wert. Einzig eine hohe Inflation könnte die Staatsfinanzen entlasten. Verlierer wären dann aber die Bürger, deren Einkommen weiter an Wert verlören.


Zusammengefasst: Ein Jahr nach dem Brexit-Referendum steht Großbritanniens Wirtschaft noch gut da: Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Beschäftigungsquote hoch, die Exportwirtschaft boomt. Viele Zeichen stehen aber auf Sturm: Das Wachstum schwächelt, die Inflation steigt schneller als die Löhne und der Staatshaushalt ist nicht solide. Nach dem Brexit wird es für das Land mindestens turbulent.

insgesamt 65 Beiträge
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sotomajor 08.06.2017
1. England vs Deutschland
Um England mache ich mir keine Sorgen, aber um Deutschland. Dieses Lobbyistenkartell und allen voran ihre Politiker, sie gehen schon offen gegen die Demokratie. Alles was einst versprochen wurde, sie haben es schon über den Haufen gezogen. Heute haften wir in dritter Generation noch, für die Schulden anderer Länder, wir haben Minuszinsen für den kleinen Sparer und es gibt noch nicht einmal Konsequenzen für dieses Kartell der schlechtesten Politiker aller Zeiten! Ich glaube auch wir sind nicht mehr weit entfernt von einem Bürgerkrieg gegen diese Regierungen.
Atheist_Crusader 08.06.2017
2.
Es kann noch niemand Recht haben, weil der Brexit noch gar nicht stattgefunden hat. Was bisher geschehen ist war überwiegend a.) in Vorbereitung auf den Brexit oder b.) als Folge der begleitenden politischen Veränderungen. Und am wahrscheinlichsten ist ohnehin, dass Niemand komplett Recht behalten wird. Goldene Zeiten gibt es todsicher nicht, aber es wird sich auch Niemand in ein Flüchtlingsboot nach Europa setzen. Ich persönlich vermute, dass die Wirtschaft im Ganzen auf lange Sicht nicht viel verlieren wird - aber diese Zahlen werdne dann getragen von sehr realen Verlusten für die unteren Einkommensschichten. Und sonst so? Wenig ermutigend. Xenophobie und der Wunsch nach überzogener Sicherheit sind keine tolle Kombination, insbesondere bei zunehmender politischer Isolation. Hoffen wir mal, dass es nicht orwellsche Ausmaße annimmt.
RioTokio 08.06.2017
3.
Immerhin haben sich die Briten von den hohen Risiken der Finanzhaftung und des zunehmenden Finanztransfers von Nord - nach Süd der Euroländer (und indikrekt der EU) befreit. Da warten ganz andere Probleme auf Deutschland. Die Enteignung privater Vermögen durch Wertverfall der Währung wird es womöglich nun auch in England geben.. Deutschland ist da schon lange betroffen. Im Gegensatz zu den Engländern, die ihr Schicksal nun selbst in der Hand haben, bestimmt bei uns die EZB über die Währung. Da hat Deutschland eine Stimme und so viel Gewicht wie Griechenland oder Malta und der Chef der EZB bestimmt maßgeblich den Weg, der Italiener, Ex-Goldman Sach Banker und Ex- Chef der italienischen Notenbank Draghi. Erscheit auch nicht optimal. Den oberflächlichen push einer billigen Währung für die Wirtschaft erfahren wir auch schon lange. In der Folge sind auch unsere Firmen billig zu haben - das freut ausländische Käufer, siehe KUKA. Zudem schreiben die EURO Partner ihre Einkäufe bei uns auf dem virtuellen Target-Konto gut. Weitere Unsicherheiten. Alles in allem steht England also recht gut und vor allem selbstbestimmt da - im Vergleich zu Deutschland.
albatross507 08.06.2017
4. Vorläufig
Bisher geht es ja nur um die vergleichsweise geringen Folgen des Referendums. Der Brexit selbst hat noch gar nicht begonnen. Erst dann ist die britische Wirtschaft isoliert: Preise von Importen gehen nach oben, Exporte in EU-Länder werden teurer. Die Inflation steigt, der Realwert des Pfund sinkt. Verlierer ist der stolze Brexit-Wähler.
Neophyte 08.06.2017
5. Der Ausblick für GB ist düster, dabei ist noch gar kein Brexit passiert
Das (noch) Vereinte Königreich ist noch in der EU und genießt alle Vorzüge der Mitgliedschaft. Trotzdem sind schon Auswirkungen spürbar, die NHS (der britische Gesundheitsdienst) klagt über fehlende (EU) Doktoren und Krankenschwestern, das Pfund sinkt, der politische Einfluss in der Welt schwindet, das Kreditrating sinkt, die Kaufkraft sinkt,... der richtige Absturz folgt aber erst nach dem Austritt in 2 Jahren, wenn wieder Grenzzölle erhoben werden und vor allem die EU-Clearing-Branche mit etwa 100.000 Jobs das Land Richtung Kontinent verlässt!
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