Chefökonomin des britischen Industrieverbands "Der Hard Brexit ist nicht vom Tisch"

In wenigen Tagen tritt Großbritannien aus der EU aus. Die Wirtschaft hat sich damit arrangiert, sagt die Chefvolkswirtin des britischen Industrieverbands - doch noch kann einiges schiefgehen.
Ein Interview von Stefan Kaiser und Michael Sauga
Metropole London: "Für die britische Wirtschaft ist wichtig, dass es einen möglichst sanften Übergang gibt"

Metropole London: "Für die britische Wirtschaft ist wichtig, dass es einen möglichst sanften Übergang gibt"

Foto: TOLGA AKMEN/ AFP

Lange hat sich die britische Wirtschaft gegen den Austritt aus der EU gestemmt. Doch nun, wo der Brexit bevorsteht, wollen die Unternehmen die Schäden möglichst gering halten, erklärt Rain Newton-Smith, Chefvolkswirtin des britischen Industrieverbands CBI im SPIEGEL-Interview.

Bei den anstehenden Gesprächen mit Brüssel über ein neues Handelsabkommen müsse Premierminister Boris Johnson "für einen möglichst sanften Übergang sorgen", sagt Newton-Smith.

Zur Person
Foto: CBI

Rain Newton-Smith ist Chefökonomin des britischen Industrieverbands CBI, der 190.000 britische Firmen vertritt.

SPIEGEL: Frau Newton-Smith, Großbritannien wird in wenigen Tagen die EU verlassen. Sind Sie sicher, dass es diesmal wirklich passiert?

Newton-Smith: Es sieht danach aus. Die Wirtschaft ist darüber nicht begeistert, aber jetzt müssen wir nach vorn schauen. Wir brauchen ein Handelsabkommen mit der EU, das für alle Regionen und Branchen funktioniert. Großbritannien ist ein gespaltenes Land. Es muss einen neuen Platz in der EU und der Welt finden.

SPIEGEL: Premierminister Johnson will das Abkommen bis Ende des Jahres aushandeln. Wird das nicht ein wenig knapp?

Newton-Smith: Das wird schwer, aber wir gehen mal davon aus, dass die Regierung meint, was sie sagt. Vielleicht wird bis zum Ende des Jahres nur der grobe Rahmen stehen, und viele Details werden später verhandelt. Für die britische Wirtschaft ist wichtig, dass es einen möglichst sanften Übergang gibt.

SPIEGEL: Wenn das nicht gelingt, kann es immer noch zu einem ungeregelten, chaotischen Austritt Großbritanniens aus der EU kommen, jenem Hard Brexit, vor dem alle Angst haben. Wie wahrscheinlich ist das?

Newton Smith: Wir vertrauen darauf, dass beide Seiten den Deal wollen; aber es stimmt: Der Hard Brexit ist nicht vom Tisch. Wenn es dazu käme, wäre das allerdings eine Katastrophe, für Großbritannien wie für Europa.

SPIEGEL: Was ist wichtiger, ein schnelles oder ein gründliches Abkommen?

Newton-Smith: Natürlich wäre ein gründlicher Vertrag besser. Aber wir kennen die politischen Realitäten. Die neue Regierung ist entschlossen, das Land schnell aus der EU zu führen. Sie hat eine große Mehrheit. Vielleicht wird bis zum Ende des Jahres deshalb nur der grobe Rahmen stehen, und viele Details werden später ausgehandelt. Uns ist wichtig, dass der Vertrag ein ausreichendes Fundament für weitere Verhandlungen bietet.

SPIEGEL: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat klargestellt, dass es keinen freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen oder Kapital mit der EU geben wird, wenn nicht auch Arbeitskräfte unbehindert einwandern können. Wird Johnson da mitspielen?

Newton-Smith: Die britische Regierung will sich nicht so eng an die EU binden, wie es etwa Norwegen oder die Schweiz getan haben. Johnson will eine eigene Einwanderungspolitik betreiben, und das wird sich auf den britischen Zugang zum europäischen Binnenmarkt auswirken. Die britische Wirtschaft plädiert allerdings dafür, Arbeitskräfte möglichst ungehindert ins Land zu lassen - und zwar nicht nur Akademiker.

SPIEGEL: Was bedeutet Johnsons Verhandlungslinie für die britische Wirtschaft?

Newton-Smith: Der Premierminister hat erklärt, dass Großbritannien sowohl den gemeinsamen Binnenmarkt wie die Zollunion verlassen wird. Das bedeutet, dass sich die britische Wirtschaft bei Dienstleistungen wie Industriegütern auf Spannungen im Warenaustausch mit der EU einstellen muss. Es wäre schon ein großer Schritt, wenn sich beide Seiten darauf verständigen könnten, keine Zölle zu erheben. Bei den gemeinsamen Regeln für Industriegüter dagegen werden sich Abstriche kaum vermeiden lassen.

SPIEGEL: Die Brexiteers sprechen gern vom "Singapur an der Themse". Dahinter steht die Idee, dass Großbritannien in großem Stil Steuern und Vorschriften reduziert und so den EU-Ländern Konkurrenz macht. Was halten Sie davon?

Newton-Smith: Die britische Industrie treibt diese Ideen nicht voran. Es mag Bereiche geben, in denen es Großbritannien nutzt, wenn es einen anderen Weg einschlägt. Aber das sollte nach wirtschaftlichen, nicht nach politischen Kriterien entschieden werden. Und schon gar nicht sollten wir abweichen um des Abweichens willen, sondern nur dort, wo es sinnvoll ist. Auf der anderen Seite haben wir ein großes Interesse an enger Kooperation mit der EU, zum Beispiel bei der Harmonisierung von Umweltstandards oder der Entwicklung eines gemeinsamen Emissionshandelssystems für CO2.

SPIEGEL: US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, dass er einen "großartigen Handelsdeal" mit seinem "Freund Boris" aushandeln will. Ist das ein Angebot oder eine Drohung?

Newton-Smith: Ein Handelsvertrag mit den USA ist natürlich eine Chance für Großbritannien, gerade für den Austausch von Dienstleistungen. Aber wir müssen die Augen dabei offenhalten. Und es darf nicht auf Kosten unserer Beziehungen zur EU gehen. Wir brauchen beides. Und ich hoffe, wir werden trotzdem klarmachen, dass Großbritannien an den Multilateralismus glaubt. Wir setzen auf internationale Regeln und Institutionen wie die Welthandelsorganisation oder die OECD.

SPIEGEL: Das ist aber nicht das, was Trump will.

Newton-Smith: Ich hoffe, dass wir einen sehr anderen Ansatz als Trump verfolgen. Das ist meine Botschaft an die Welt: Großbritannien ist sehr anders als die USA.