Griechen zum Brexit-Votum "Macht es wie Tsipras"

Ein Referendum, das Europa in die Krise stürzt? Hatten wir doch schon - 2015 in Griechenland. Dort bewundern die einen nun den Mut der Briten, die anderen empfehlen ihnen das eigene Land als Vorbild.

Syriza-Anhänger am Tag des griechischen Referendums 2015
DPA

Syriza-Anhänger am Tag des griechischen Referendums 2015

Von , Thessaloniki


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"Ich bewundere die Briten", sagt Apostolos Tsias, während er einen Bratspieß in seinem kleinen Gyros-Laden präpariert. "Anders als die Griechen befreien sie sich aus dem großen Deutschland, zu dem die EU geworden ist. Und sie befreien sich von Berlins destruktiver Politik."

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Heft 26/2016
Es lebe Europa?

Tsias, 53, hofft, dass das Referendum der Briten zu jenem kataklysmischen Ereignis wird, das sich die Griechen im vergangenen Jahr selbst erhofft hatten. Am 5. Juli 2015 hatten es mehr als 61 Prozent der griechischen Wähler in einem Referendum abgelehnt, dass Griechenland neue Sparauflagen der internationalen Geldgeber erfüllen sollte. Auch Tsias stimmte damals nach der Vorgabe ab, die Premierminister Alexis Tsipras ausgegeben hatte - mit Nein.

Tsias glaubte, wie viele Griechen, dass das Nein zur Austerität den Ausstieg aus der Eurozone nach sich ziehen würde, auch wenn die Griechen offiziell nicht darüber abstimmten. Tsias jedenfalls war bereit für den Grexit.

Brexit-Anhänger in London
AFP

Brexit-Anhänger in London

Sein Premierminister war es nicht. Eine Woche nach dem Referendum kehrte Tsipras demoralisiert von einem Brüsseler Marathongipfel zurück und verkündete ein neues, dreijähriges Rettungsprogramm - inklusive neuer Sparauflagen, Steuererhöhungen und unpopulärer Reformen. Inklusive allem also, das die Griechen gerade mehrheitlich abgelehnt hatten.

"Bend it like Tsipras"

Viele, die mit Nein gestimmt hatten, fühlten sich verraten. Jene Griechen, die mit Ja gestimmt hatten, waren erleichtert. "Ich danke Gott, dass Tsipras Griechenland in der Eurozone gehalten hat", sagt Panos Nikolaides, ein 72jähriger pensionierter Staatsbeamter.

Manche Griechen sehen Tsipras Volte nun als mögliche Inspiration für die Briten, um eine Existenzkrise in Europa abzuwenden: Noch-Premier David Cameron solle das Brexit-Referendum einfach ignorieren, schlagen sie vor. So wie es Tsipras getan hat. Rein rechtlich ginge das sogar: Das Votum der Briten hat für Parlament und Regierung nur beratenden Charakter.

"Wenn ich einen Vorschlag an unsere britischen Freunde machen darf", heißt es in einer Kolumne in der konservativen Tageszeitung "Kathimerini", dann würde dieser lauten: "Bend it like Tsipras." Der Autor spielt - ausgerechnet - auf den britischen Film "Bend it like Beckham" an.

Es gibt zwischen den zwei Referenden einige Parallelen: Auch die Griechen waren 2015 vor verheerenden wirtschaftlichen Konsequenzen gewarnt worden. Die großen Parteien, viele internationale Organisationen, die EU-Kommission, die meisten griechischen TV-Sender - alle betonten die Risiken für Griechenlands Banken und Konjunktur. Das Referendum über neue Sparmaßnahmen sei in Wahrheit eine Abstimmung über den Verbleib in der Eurozone, mahnte Deutschlands Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD). Die Griechen entschlossen sich, ebenso wie die Briten, all das zu ignorieren.

Hoffnung auf ein neues Referendum

Es gibt zwischen den zwei Referenden aber auch Unterschiede. Elpida, eine 22-jährige Studentin der Geisteswissenschaften aus Thessaloniki, sagt, sie habe damals beim Referendum mit Nein gestimmt, so wie viele aus ihrer Generation. 80 Prozent der Griechen unter 35 hatten beim Referendum das Wort "ochi" angekreuzt - ganz im Gegensatz zu den jungen Briten, bei denen die meisten für einen Verbleib in der EU stimmten.

Anders als die Briten leiden junge Griechen aber auch unter einer extreme hohen Arbeitslosenquote von 52 Prozent und einem Mindestlohn von 429 Euro pro Monat. Elpida sagt, sie sei eine zuversichtliche Person, ganz wie ihr Name es andeute: Elpida ist das griechische Wort für Hoffnung. Elpida hofft, dass die Griechen nun eine zweite Chance bekommen, aus der Eurozone auszutreten. Und aus der Europäischen Union gleich mit.

In Athen jedoch gibt es keine solchen Pläne. Die einzigen Parteien, die den Brexit begrüßen und nun einen Umbruch in Europa fordern, sind die rechtspopulistische Goldene Morgenröte und die linksextreme AAE. Tsipras' Regierung dagegen ist fest in Europa verankert. Eine Abkehr von der EU sei keine Lösung, sagte Arbeitsminister Giorgos Katrougalos SPIEGEL ONLINE. "Ich bedauere den Brexit. Wir sollten stattdessen dafür kämpfen, die EU zu reformieren."

Reformbedarf sehen die Griechen zum Beispiel beim Thema Sparen. Manche hoffen, dass der Brexit die deutsche Regierung von ihrem Austeritätskurs abbringen könnte. "Die EU muss sich verändern - oder sie wird sich auflösen", meint der EU-Abgeordnete Dimitris Papadimoulis von der Syriza-Partei. "Europa braucht Wachstum", sagt er. "Keine hartnäckigen Sparmaßnahmen und immer mehr Ungleichheit."

Zusammengefasst: In Griechenland hatte die Mehrheit der Bürger 2015 gegen neue Sparmaßnahmen gestimmt. Hätte Premier Alexis Tsipras diese Politik verfolgt, hätte der Austritt aus der Eurozone gedroht. Letztlich ignorierte der Regierungschef das Referendum. Nun empfehlen manche Kommentatoren den Briten, es Tsipras gleichzutun.

Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Schultz



insgesamt 148 Beiträge
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Seite 1
panzerknacker51 27.06.2016
1. Schon toll,
... wie hier Äpfel mit Birnen verglichen werden.
wmaus 27.06.2016
2. Laßt uns einfach jede Wahl ignorieren!
Ist das jetzt das neue Demokratieverständnis? Ergebnisse werden nur noch akzeptiert, wenn sie in den Kram passen? Ansonsten wiederholen wir jede Wahl einfach so lange, bis das Ergebnis wieder ins eigene Weltbild paßt? Die Briten hatten ihr Referendum und die Mehrheit war für einen Austritt - Punkt und Ende der Diskussion. Und mit der Tatsache, daß es ein Referendum gab, haben die Briten mehr echte Demokratie gelebt als in Deutschland überhaupt vorstellbar ist. Kein Wunder, daß die vermeintliche Bildungselite hier Angst vor Referenden und Volksabstimmungen hat -- dann wäre in der Vergangenheit nämlich so manche Entscheidung nämlich anders getroffen worden und Berlin wäre möglicherweise nicht Hauptstadt, wir hätten vielleicht keinen Euro, möglicherweise gäbe es immer noch eine DDR und vielleicht wären wir noch nicht einmal Mitglied der EU. Vielleicht wäre auch alles trotzdem so gekommen. Wissen werden wir es nie, denn wichtige Entscheidungen werden hier ja nicht direkt vom Volk gefällt, wie das in einer Demokratie eigentlich sein sollte. (Siehe Schweiz.)
wirdsdenngehn 27.06.2016
3. Hauptsache der Mensch ist mit irgendwas beschäftigt,
und merkt das die gedrückte Flucht-Taste vor allem wohl eine Quittung für die immer undurchsichtiger werdende Brüsseler Politik, die Machtherrlichkeit einer Bürokratie, deren Entscheidungsprozesse sich der Öffentlichkeit mehr und mehr entziehen, ist!! Trotzdem ist der Promille Wunsch nach Raus aus der EU noch kein Garant dafür, daß die Little Britains auch wirklich draussen sind? Im Brüsseler Dschungel finden sich nur noch Bestechungsexperten-Experten zurecht, und wenn die selbst gemachten Regeln nicht mehr passen, werden sie kurzerhand ausgesetzt oder stillschweigend übergangen. Beispiele gefällig? In diesem Sinne
INGXXL 27.06.2016
4. Ich nehme an
Das die Britische Regierung so handeln wird. Erstmal bleibt Cameron noch 4 Monate im Amt. Dann gibt es einem Nachfolger, dann eine Abstimmung im Parlament dann Neuwahlen und das Referendum landet in der Mülltonne. Das wars dann.
darkmattenergy 27.06.2016
5. Ignoriert den Willen des lästigen Volkes
Einen derartig Bürgerrechte-feindlichen Appell an die wählerunabhängige politische Elite hätte ich bestenfalls den staatlichen Qualitätsmedien der DDR zugetraut.
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