Lieferengpässe nach Brexit Großbritannien verschiebt geplante Einfuhrkontrollen für EU-Waren

Weil Produkte in britischen Regalen durch Lieferengpässe knapp werden, steuert London um. Die geplanten vollständigen Grenzkontrollen werden verschoben, vor allem für Lebensmittel und Tierprodukte.
Brexit-Wirkung: Supermarktregale in Battersea, Südlondon

Brexit-Wirkung: Supermarktregale in Battersea, Südlondon

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Kirsty O'connor / dpa

Engpässe in der Versorgung haben in Großbritanniens Politik zu einem Umdenken mit Blick auf verschärfte Kontrollen an den Grenzen geführt. Wegen der Folgen von Brexit und Coronapandemie auf Lieferketten und Unternehmen verschiebt die britische Regierung die Kontrollen auf Einfuhren aus der EU erneut um mehrere Monate. Dabei geht es darum zu prüfen, ob Lebensmittelstandards eingehalten werden. »Die Pandemie hatte langfristigere Auswirkungen auf Unternehmen, sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der EU, als viele Beobachter noch im März erwartet haben«, sagte der britische Brexit-Beauftragte David Frost.

Eigentlich sollten die britischen Grenzkontrollen vom 1. Januar 2022 an greifen, ein Jahr nach dem Austritt Großbritanniens aus EU-Zollunion und Binnenmarkt. Ab 1. Oktober war bereits die komplette Kontrolle von Einfuhren in Bereichen wie Nahrungsmitteln und Tierprodukten geplant. Vollständige Zollerklärungen sollen wie geplant zum Januar in Kraft treten. Doch die Überprüfung von Nahrungsmitteln und Tierprodukten, die dem Schutz vor Krankheiten dienen soll, wird den Angaben zufolge von Januar auf Juli kommenden Jahres verschoben. Auch Vorgaben für Sicherheitserklärungen sollen auf Juli 2022 verschoben werden.

Problematische Versorgungsengpässe

Die EU nimmt ihrerseits schon seit Januar Waren aus Großbritannien genau unter die Lupe. Dies, die Coronapandemie, Bürokratie und neue Einwanderungsregeln haben in Großbritannien zu Lieferproblemen geführt. Durch die Pandemie und den Austritt aus dem EU-Binnenmarkt  gibt es im Vereinigten Königreich einen Mangel an Lkw-Fahrern, was insbesondere im Nahrungsmittelsektor zu Engpässen und daher Verzögerungen bei der Versorgung führt. Vor allem der Handel mit frischen Lebensmitteln ist infolgedessen und wegen steigender Transportkosten unter Druck geraten.

»Wir möchten, dass sich Unternehmen auf die Erholung von der Pandemie konzentrieren, anstatt sich mit neuen Anforderungen an der Grenze auseinandersetzen zu müssen«, sagte Frost. »Aus diesem Grund haben wir einen pragmatischen neuen Zeitplan für die Einführung vollständiger Grenzkontrollen festgelegt.« Erst vor Kurzem hatte Großbritannien einseitig die Anwendung von Brexit-Regeln für den Handel zwischen Nordirland und dem Rest des Landes aufgeschoben.

Wirtschaftsvertreter reagierten irritiert. So kritisierte der Verband der Lebensmittel- und Getränkehersteller FDF die kurzfristige Ankündigung. Unternehmen hätten viel Geld ausgegeben, um pünktlich zum 1. Oktober gerüstet zu sein und würden nun »bestraft«.

Großbritannien hat auch die vollständige Umsetzung von Regeln infolge des Brexits für den Handel vom Festland nach Nordirland verschoben. London ist in Gesprächen mit Brüssel über die Umsetzung des Nordirland-Protokolls. Dieses sieht vor, dass zwischen der britischen Provinz Nordirland und dem EU-Mitglied Irland keine Zollkontrollen eingeführt werden. Stattdessen soll zwischen Großbritannien und Nordirland kontrolliert werden.

kig/afp/dpa-AFX
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