Henrik Müller

Brexit und die Wirtschaft Der Abstieg hat begonnen

Großbritannien spürt die Folgen des anstehenden EU-Ausstiegs. Die Wirtschaft lahmt, die Preise steigen. Lässt sich der Brexit doch noch rückgängig machen?
EU-Flagge vor dem Westminster Palace in London

EU-Flagge vor dem Westminster Palace in London

Foto: DANIEL LEAL-OLIVAS/ AFP

Im Englischen gibt es ein paar deutsche Lehnwörter, die ein nicht eben schmeichelhaftes Licht auf uns werfen. Schadenfreude gehört dazu. Ebenso Katzenjammer. Und natürlich Angst. All diese Worte sind fehl am Platz, wenn es um den Brexit geht.

Der britische Ausstieg aus der EU ist eine Tragödie. Ein politisches Schockereignis, das eigentlich nie hätte stattfinden dürfen. Doch so wird es wohl geschehen: Mit knapper Mehrheit per Volksabstimmung bei geringer Wahlbeteiligung entschieden, ist Britannien auf dem Weg, die EU zu verlassen. Etwa die Hälfte der Verhandlungsfrist ist bereits verstrichen. Was am Ende dabei herauskommt, ist offen.

Nach wie vor ist ein harter Brexit möglich, also ein Ausstieg Britanniens ohne Abkommen mit der EU - womöglich in heftigem Streit, mit offenen Rechnungen und zerbrochenem Porzellan. Aber immerhin: In der abgelaufenen Woche sind die Chancen auf eine freundschaftliche Trennung gestiegen. Der EU-Gipfel hat die Weichen gestellt, sodass die zweite Phase der Brexit-Verhandlungen beginnen kann.

Anderthalb Jahre sind seit dem Brexit-Referendum vergangen. Und allmählich wird sichtbar, dass die Ausstiegsgegner mit ihren Warnungen so falsch nicht lagen. Das wiederum könnte den Fortgang der Verhandlungen beeinflussen. Die Frage ist allerdings, wer in in den Augen der britischen Öffentlichkeit die Schuld zugewiesen bekommt, falls die Sache schiefgehen sollte - die EU-Freunde oder die Brexit-Befürworter.

The long way down

Die Stimmung in der Wirtschaft jedenfalls trübt sich zusehends ein. Kein anderes großes westliches Land leidet unter einer derart flauen wirtschaftlichen Entwicklung. Die Wachstumsrate wird sich gegenüber dem Vor-Referendum-Jahr 2015 im kommenden Jahr halbieren, prognostiziert die OECD. Lediglich um 1,2 Prozent soll die Wirtschaft 2018 zulegen - einen Prozentpunkt weniger als die Eurozone (achten Sie Dienstag auf den Ifo-Index für Deutschland).

Der Abstieg hat begonnen. Noch spüren die Briten davon wenig. Aber das wird sich bald ändern.

Im Sommer war die Stimmung auf noch äußerst aufgeräumt. 92 Prozent der Briten sagten, sie seien mit ihrem Leben zufrieden. 80 Prozent gaben an, ihre finanzielle Lage sei gut. So zeigt es die letzte Eurobarometer-Umfrage.

Doch nun zieht die Inflation an. Das Pfund schwächelt. Die Kaufkraft der Bürger stagniert; sie schränken sich ein, die Einzelhandelsumsätze sind zuletzt geschrumpft. Die Arbeitslosigkeit droht zu steigen. Die Unternehmen halten sich bei Investitionen zurück - wer weiß, ob man künftig noch in die kontinentalen Wirtschaftsstrukturen eingebunden sein wird.

(Etwas Ähnliches geschieht derzeit übrigens in Katalonien, wo Donnerstag gewählt wird und sich der Konflikt um eine mögliche Abspaltung von Spanien - und damit auch von der EU - verschärfen könnte. Seit Oktober haben angeblich bereits rund 3000 Unternehmen ihren Firmensitz aus der Region heraus verlagert.)

Was die Lage besonders wacklig macht: Großbritannien ist hoch verschuldet. Die Privatbürger schieben Verbindlichkeiten in Höhe von schwindelerregenden 140 Prozent ihrer verfügbaren Einkommen vor sich her. Die gesamte britische Wirtschaft lebt davon, dass sie Kapital aus dem Ausland importiert; in der Leistungsbilanz klafft eine stattliche Lücke von viereinhalb Prozent der Wirtschaftsleistung. Das heißt: Der Wohlstand des Vereinigten Königreichs basiert zum großen Teil auf dem Vertrauen ausländischer Investoren.

Dieses Vertrauen aber dürfte massiv leiden, wenn ein harter Brexit - ohne offenen Zugang zum EU-Binnenmarkt - Realität würde. Mark Carney, der Chef der britischen Notenbank, hatte vor dem Referendum auf das Risiko einer britischen Finanzkrise hingewiesen - und wurde vom Brexiteer-Lager wüst beschimpft. Von Scaremongering (Bangemachen) war die Rede.

Wenn sich nun herausstellt, dass die Bangemacher recht hatten, ändert sich dann der politische Kurs in London womöglich? Macht Großbritannien sogar einen Rückzieher vom Rückzug - und stoppt das ganze Manöver? Bislang sieht es nicht danach aus.

Wir müssen leider draußen bleiben

Im Prinzip gibt es zwei Optionen für ein geordnetes künftiges Verhältnis zwischen Britannien und dem Kontinent. Entweder ein Freihandelsabkommen nach dem Vorbild des europäischen Abkommens mit Kanada (Ceta). Oder ein enges Assoziierungsabkommen, wie es Norwegen mit der EU geschlossen hat.

Im ersten Fall ginge es vor allem um Industrieprodukte; der Finanzsektor wäre ausgespart, wodurch Europas Finanzplatz Nummer eins, die Londoner City, von der Rest-EU abgeschnitten würde. Im zweiten Fall hätte auch der Finanzsektor quasi ungehinderten Zugang zum Binnenmarkt. Dafür aber müsste das Königreich weiterhin den Zuzug von EU-Bürgern akzeptieren - was die Brexit-Befürworter auf die Palme bringen würde, denen es ja besonders am Herzen liegt, Zuwanderer draußen zu halten.

Kurz gesagt: Die Kanada-Option ist wirtschaftlich risikoreich, weil sie einen der wichtigsten Sektoren Britanniens von seinem Heimatmarkt abschnitte. Die Norwegen-Option wiederum ist politisch widersinnig: Faktisch EU-Mitglied zu bleiben, nun aber nicht mehr in Brüssel mitbestimmen zu dürfen - das mag, wie die Dinge liegen, ökonomisch richtig sein, aber es ist bei Licht betrachtet natürlich nonsense.

Wetten Sie nicht auf den britischen Common Sense

Rational betrachtet hätte die Brexit-Entscheidung nie stattfinden dürfen. Sich auf ein Mega-Experiment mit derart existenzgefährdenden Unwägbarkeiten einzulassen, ist nicht das Resultat einer vernünftigen Abwägung, sondern eher eine gefühls- und affektgeladene Trotzreaktion.

Die eingetrübte Wirtschaftslage könnte die Stimmung in den kommenden Jahren in Richtung eines EU-freundlichen Abkommens drehen. Ein Irrtum würde korrigiert, weil man zwischenzeitlich neue Informationen gewonnen hat. Das wäre vernünftig. Aber es ist keineswegs sicher.

Möglich, dass eine heftige Wirtschaftskrise in Großbritannien das Klima derart vergiften würde, dass eine sachliche Diskussion gar nicht mehr möglich ist. Die Schuld würde dann wohl der EU zugeschoben. Etwa so: Mit ihrer harten Verhandlungsführung missachte Brüssel das Selbstbestimmungsrecht des britischen Volks (oder wie auch immer es aus dem Brexiteer-Lager tönen würde). Weitere Eskalation nicht ausgeschlossen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

Berlin - GroKo, KoKo, MinRe? - Deutschland ohne Regierung. Präsidium und Bundesvorstand der CDU tagen. Kommt es doch noch zur Großen Koalition? Oder zu einer irgendwie gearteten Tolerierung einer Unions-Minderheitsregierung?

Brüssel - Zwischen Klimaschutz, Sonne und Atom - Treffen der EU-Energieminister. Themen unter anderen: Regeln für einen gemeinsamen EU-Energiemarkt und die Förderung erneuerbarer Energien.

DIENSTAG München - Stimmungshoch - Neue Daten vom Ifo-Geschäftsklimaindex, dem wichtigsten Frühindikator für die deutsche Konjunktur.

Düsseldorf - Wurst Case - Verhandlungen vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Preisabsprachen unter Wurstherstellern. Einige Unternehmen wehren sich juristisch gegen die vom Kartellamt verhängten Strafen.

MITTWOCH

Stockholm - Weiter auf Billiggeldkurs - Zinsentscheid der Schwedischen Reichsbank. Im boomenden Schweden ist der Leitzins negativ. Als kleine, offene Volkswirtschaft kann sich das Land kaum von den Entscheidungen in Frankfurt oder Washington abkoppeln.

DONNERSTAG Barcelona - Abschied von Spanien? - Neuwahlen in Katalonien. Die Zentralregierung in Madrid hatte den Urnengang angesetzt, nachdem sie die separatistische Regierung in Barcelona abgesetzt hatte.

FREITAG Nürnberg - Nach dem Weihnachtsgeschäft - Die GfK veröffentlicht ihre aktuelle Untersuchung zum Konsumklima in Deutschland.