Osteuropäer in Großbritannien "Wenn ich zurück nach Polen muss, dann gehe ich halt"

Der Brexit-Wahlkampf hat die Stimmung gegen EU-Ausländer in Großbritannien aufgeheizt. Insbesondere Polen werden offen beschimpft, viele fürchten, dass sie das Land verlassen müssen.

Polnischer Supermarkt in London
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Polnischer Supermarkt in London

Aus London berichtet


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Der schnelle Überblick
    Das ist passiert:
  • • 51,9 Prozent der britischen Wähler haben für den Austritt des Landes aus der Europäischen Union gestimmt. Die Wahlbeteiligung lag bei mehr als 70 Prozent.

  • • Premier David Cameron hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt.

  • • Politiker aus Schottland und Nordirland wollen in der EU bleiben.

  • • Das Pfund verliert dramatisch an Wert, Aktienkurse weltweit stürzten ab.

• Rechtspopulisten in ganz Europa freuen sich und fordern nun ebenfalls Volksabstimmungen über die EU.

Beim Supermarkt Polonez Delicatessen in London hängt das "Remain"-Schild noch im Fenster. Neben Werbung für polnische Suppen ist die Aufforderung, für die EU zu stimmen, mit kleinen Knetpunkten angeklebt. Dabei ist das Referendum längst vorbei. Und aus Remain wurde nichts. Eine knappe Mehrheit der Briten hat für den Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt. Drinnen räumt eine junge Verkäuferin Joghurt ins Kühlregal. Sie zuckt mit den Schultern. "Wir werden sehen", sagt sie. "Wenn ich zurück nach Polen muss, gehe ich halt." Aber bis dahin werde sie abwarten. Es habe sich faktisch noch nichts verändert.

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Heft 26/2016
Es lebe Europa?

Rund 2,1 Millionen EU-Ausländer arbeiten in Großbritannien, mehr als 750.000 davon sind Polen. Sie konnten einfach hierher kommen, weil in der EU jeder Arbeitnehmer arbeiten kann, wo er möchte. Nun macht sich Unsicherheit breit. Was passiert nach dem Brexit-Votum?

Die Verkäuferin kam vor zwei Jahren aus Polen nach London. Zwei Jahre nur. Die Zahl ist wichtig. Sie könnte am Ende entscheidend sein. Wer fünf Jahre im Vereinigten Königreich arbeitet, kann die britische Staatsbürgerschaft beantragen und muss, sofern er sie bekommt, keine Abschiebung mehr fürchten.

Das weiß auch der 31-jährige Taxifahrer Krystian. Mit schweren Tüten in beiden Händen kommt er vom Einkaufen. "Ich bin schon sieben Jahre hier, ich bin sicher", sagt Krystian. Er kann sich auch nicht vorstellen, dass die Briten die anderen Osteuropäer plötzlich vor die Tür setzen. "Wer hierher kommt, arbeitet hart", sagt er.

Die Einwanderung aus Osteuropa war eines der zentralen Themen im Brexit-Wahlkampf. Viele Brexit-Befürworter geben den EU-Ausländern die Schuld an Problemen im Gesundheitssystem, hohen Mieten und niedrigen Löhnen für Geringqualifizierte. Sie haben für den Austritt aus der EU gestimmt, weil sie das Recht auf Freizügigkeit abschaffen wollen.

Premier David Cameron hat mehrfach betont, für EU-Bürger ändere sich zunächst nichts. Selbst Boris Johnson, Anführer des Brexit-Lagers und möglicher Nachfolger Camerons, versichert, EU-Ausländer hätten nichts zu befürchten. Wie eine langfristige Lösung aussehen könnte, ist aber unklar.

Können alle EU-Ausländer bleiben, die bis zum formalen EU-Austritt im Land sind? Das könnte kurzfristig den Zuzug sogar noch erhöhen, weil die Menschen noch schnell vor Grenzschluss würden kommen wollen. Oder wird das Bleiberecht an die Qualifikation gekoppelt? Dann ist die Frage, wer künftig die Arbeit der geringqualifizierten EU-Ausländer übernehmen soll.

"Solange ich hier eine Arbeit habe, bleibe ich"

Viele der Polen in Großbritannien arbeiten in der Landwirtschaft, zum Beispiel in der Gegend rund um Boston im Osten Englands. Die Gegend ist die Gemüsefabrik des Landes. Hier wächst alles von Kartoffeln über Blumenkohl bis Erbsen. Und nirgendwo war die Zustimmung für den Brexit so hoch wie hier: Fast 76 Prozent stimmten dafür. Der Anteil der Bevölkerung aus den neuen EU-Ländern hat sich in Boston zwischen 2001 und 2011 verfünffacht. Diese Immigration hat die Stadt gespalten.

Brexit-Hochburg Boston
Nirgendwo war die Zustimmung für den Brexit so hoch wie in Boston im Osten Englands. Die Stadt ist zerrissen zwischen zwei Bevölkerungsgruppen: Den alten englischen Bürgern und den EU-Migranten aus Osteuropa.

Trotz dieser Spannungen will der gebürtige Pole Peter bleiben. "Solange ich hier eine Arbeit habe, bleibe ich", sagt der 28-Jährige. Er ist seit neun Jahren da, könnte also die britische Staatsbürgerschaft beantragen. Seine Frau und sein Sohn leben ebenfalls in Boston.

Ganz allein und erst seit sechs Monaten in London ist der Rumäne Giorge. Er arbeitet auf dem Bau. "Ich bin hier, um Geld zu verdienen", sagt er. Seinen Verdienst schicke er zurück zu seiner Familie nach Rumänien. "Aber jetzt ist das Pfund gefallen. Das ist nicht gut."

Giorge findet, dass zu viele Osteuropäer nach London kommen. "Die betteln für eine Arbeit", sagt er. "Sie bekommen am Tag nur 30 oder 40 Pfund." Das wäre illegal. Der nationale Mindestlohn liegt zwischen 6,70 Pfund und 7,20 Pfund pro Stunde - das macht mehr als 50 Pfund am Tag. Aber viele arbeiten wohl schwarz, um überhaupt einen Job zu bekommen.

Seit dem Brexit-Votum wird die Stimmung in vielen Gegenden ungemütlicher. Die Berichte über ausländerfeindliche Zwischenfälle mehren sich. Am Wochenende wurde das polnische Kulturzentrum Posk in London von Unbekannten mit dem Schriftzug "Go home" besprüht - "Geht nach Hause".

In der Grafschaft Cambridgeshire wurden laut "Evening Standard" Zettel mit der Aufschrift "Kein polnisches Ungeziefer mehr" in Briefkästen von Einwandererfamilien gesteckt. Auch in sozialen Netzwerken schildern Nutzer, wie insbesondere Osteuropäer offen angefeindet werden.

Premier Cameron hat die ausländerfeindlichen Übergriffe scharf verurteilt. Auch Londons Bürgermeister Sadiq Khan kündigte eine Null-Toleranz-Politik gegenüber rassistischen Äußerungen an. "Es ist wichtig, dass wir uns einem Anstieg dieser Hass-Verbrechen entgegenstellen", sagte Khan laut einer Mitteilung.

Nach dem Brexit-Votum geht es nicht nur um die wirtschaftliche Zukunft von Osteuropäern - sondern auch um den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf der Insel.


Zusammenfassung: Viele Polen und andere Osteuropäer in Großbritannien sind verunsichert. Nach dem Austrittsvotum ist unklar, wer auf Dauer im Land wird bleiben dürfen. Auch rassistische Übergriffe nehmen zu.

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