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09. Dezember 2007, 13:48 Uhr

Briefgewerbe

Ein paar Cent für einen Brief

Von Anne Huschka, Amsterdam

Sie laufen für einen Hungerlohn, ihre Arbeit gilt als Schundjob: Mit rauen Methoden beutet die Deutsche Post die Zusteller bei ihrer niederländischen Tochter Selekt Mail aus. Der Bericht einer Mitarbeiterin offenbart eine Strategie, die den Bekundungen der Post in Deutschland komplett zuwiderläuft.

Amsterdam - "Wenn ich selbst wichtige Post verschicken muss? Das würde ich immer mit TNT machen", sagt Femke Gerritsen* und lässt sich in einen zerschlissenen Ledersessel fallen. "Bei uns tragen einige seltsame Menschen die Post aus." Gerritsen arbeitet für Selekt Mail, ein Unternehmen in den Niederlanden, an dem die Deutsche Post mehrheitlich beteiligt ist und das unter dem Logo der Post-Pakettochter DHL firmiert. Zweimal pro Woche holt sie kistenweise Briefe im Briefdepot ab, sortiert sie und trägt sie aus. Doch am Monatsende hat sie wenig davon.

Website der Post-Tochter Selekt Mail: Mitarbeiter schätzen die Arbeit trotz schlechter Bezahlung

Website der Post-Tochter Selekt Mail: Mitarbeiter schätzen die Arbeit trotz schlechter Bezahlung

Nur wenige Buchstaben machen den großen Unterschied aus. Wer "postbode" (Postbote) ist, verdient bis zu 15 Euro pro Stunde, inklusive der Sozialleistungen sind es bis zu 23 Euro. Wer hingegen "postbezorger" (Postzusteller) ist, muss sich mit einem Stücklohn von fünf bis sechs Cent zufrieden geben. "Im Schnitt 20 Prozent günstiger als TNT" seien seine Dienste, wirbt Selekt Mail auf der Unternehmenshomepage. Das ehemalige Staatsunternehmen TNT beschäftigt viele Postboten. Selekt Mail arbeitet ebenso wie Wettbewerber Sandd mit Postzustellern.

Postzustellerin Gerritsen hat ihre letzten Vergütungsabrechnungen auf den Tisch gelegt. "Das ist so ein kompliziertes Berechnungssystem, ich kann das nie genau nachvollziehen", sagt sie. Selekt Mail hat drei Vergütungsgruppen: innerstädtisch, Randgebiete und Land. In der Stadt liegen die Briefkästen dicht beieinander, auf dem Land sind die Wege länger. Wer in der Stadt arbeitet, bekommt weniger als ein Landzusteller.

Gerritsen ist für zwei Zustellbezirke mit insgesamt etwa 2000 Briefkästen zuständig. Es gibt eine "Startvergütung" von drei bis fünf Euro pro Gebiet. Wenn aber mehr als 20 Prozent der Briefkästen im eigenen Bezirk Post bekommen, entfällt diese Vergütung. Pro Brief bis 500 Gramm gibt es zwischen sechs und neun Cent. Wenn zwei oder mehr Briefe an eine Adresse zugestellt werden, wird der Betrag gekürzt. Wer die unsortierte Post selbst am Depot abholt, bekommt zwischen zwei und vier Euro extra. Verschiedene Gewichtseinteilungen komplizieren das System. Doch der Lohnzettel zeigt: Netto hat Gerritsen pro Brief 5,1 Cent bekommen, weniger als 250 Euro insgesamt - im Monat. Selbst für vier, fünf Stunden Arbeit am Tag wäre das wenig.

Bezahlung unterm niederländischen Mindestlohn

Montags und mittwochs holt sie die Post vom Depot ab, die Briefe müssen sortiert und innerhalb von zwei Tagen zugestellt werden. Samstags wird keine Selekt Mail-Post zugestellt. Ihre Arbeitsstunden zählt die über 60-Jährige nicht genau nach, aber sie ist jeden Tag für Selekt Mail auf den Beinen. "Ich bin halt so ein Ehrenamtsmensch", sagt sie und deutet auf ihren Wohnzimmerteppich: "Wenn ich da sitze und die Briefe sortiere, kann ich ja nebenher noch fernsehen". Das Sortieren und Zuordnen zu ihrer Route werden gar nicht bezahlt. "Dabei dauert das manchmal länger als das Austragen", ist ihre Erfahrung. Viele ihrer Kollegen würden gleichzeitig für Sandd und Selekt Mail arbeiten. "Das ist ja auch das schöne an der Arbeit: Man ist frei wie ein Vogel."

Gerritsen ist frei in ihrer Arbeitseinteilung, aber auch frei von vielen Rechten. Agnes Jongerius, Vorsitzende der Gewerkschaftszentrale FNV Bondgenoten, drückt es so aus: "Pulpbaantjes" (Schundjobs) seien die Stellen, die die neuen Wettbewerber auf dem niederländischen Postmarkt anbieten.

Eigentlich haben die Niederlande einen der höchsten Mindestlöhne Europas. 1317 Euro brutto stehen jedem über 23 Jahre für eine Vollzeitstelle zu, 8,70 Euro pro Stunde. 40 Prozent der Zusteller bekommen aber nur einen Stundenlohn zwischen drei und fünf Euro. FNV Bondgenoten hat deshalb diesen Monat ein "Schwarzbuch über die Wirklichkeit der niederländischen Postzusteller" herausgegeben. Das Fazit: Die Zusteller arbeiten ohne jede soziale Absicherung für einen Hungerlohn. Sie fühlen sich unterbezahlt und trotzdem arbeiten die meisten gerne.

*Name geändert

Selekt Mail zahlt höhere Prämie fürs Werben neuer Zusteller

Das sieht auch Gerritsen so: "Ich bin draußen an der frischen Luft, bewege mich regelmäßig, halte hier und da einen kleinen Klön." Manchmal werde sie allerdings gefragt, warum sie diesen Job mache. Andere Menschen würden sie einfach nur abschätzig angucken. "Für das Selbstbewusstsein macht man diesen Job nicht. Ich stehe da aber drüber", sagt sie. Bei Krankheit wird sie nicht bezahlt, aber Femke war in über sieben Jahren noch nie krank. "Als ich mal krank war, bin ich halt ein bisschen langsamer gelaufen."

So ausdauernd ist längst nicht jeder. Selekt Mail kämpft, um genug Zusteller zu finden. Die Prämie für das Werben eines neuen Zustellers ist vor einem Monat von 30 auf 75 Euro angehoben worden. Gerritsen hat noch keine Prämie bekommen: "Wenn ich jemandem vorschlage, für Selekt Mail zu arbeiten, winken alle ab. Teilweise werden Zeitarbeitskräfte angeheuert, die dann besser bezahlt werden als ich", erzählt sie. Immer mal wieder wird sie gefragt, die Neuen einzuarbeiten. Unbezahlt, versteht sich.

Zustellerin muss sich telefonisch abmelden

Die Arbeitskleidung muss anteilig selbst bezahlt werden, 44 Euro für Hose und Jacke. Die Packtasche kostet fünf Euro Leihgebühr. Das Mofa oder Fahrrad muss der Postzusteller selbst mitbringen. Manchmal gibt es ein Reparaturset, aber der Rest ist Eigenleistung. Auch eine betriebliche Unfallversicherung gibt es nicht. Femke hat sich privat abgesichert.

Die hohe Fluktuation scheint besondere Kontrolle nötig zu machen. Wenn alle Briefe zugestellt sind, muss Gerritsen ihren Arbeitgeber anrufen, um sich "abzumelden". Immer wieder werden anschließend Kontrollanrufe bei den Postempfängern gemacht. Ist das Ergebnis zufrieden stellend, bekommt der Zusteller einen grünen Brief mit Dankesworten. "Außerdem kann man einen 25 Euro-Buchgutschein gewinnen", sagt Gerritsen. Fällt die Untersuchung negativ aus, erhält Gerritsen einen Mahnbrief mit roten Lettern auf weißem Papier.

Auch das interne Mitarbeiter-Informationsblatt "In de Bus" (Im Briefkasten) will für bessere "Zustellqualität" sorgen und setzt bisweilen auf Abschreckung. Die Ausgabe, die sich mit der Zustellung der sensiblen Briefe der Steuerbehörde beschäftigt, warnt auf der zweiten Seite: "Auf das Post-Wegwerfen folgt eine Anzeige". Außerdem wird geraten, die Post des eigenen Bezirks in Notfällen nur von vertrauenswürdigen Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten austragen zu lassen.

Der Streit um den niederländischen Postmarkt wird nicht abnehmen. Nach der deutschen Mindestlohn-Entscheidung für Postzusteller hat die niederländische zweite Kammer die zum 1. Januar geplante weitere Liberalisierung des niederländischen Marktes vorerst verschoben. Wenn die Freigabe für Briefe unter 50 Gramm jedoch kommt, könnten Sandd und Selekt Mail einen Marktanteil von 25 Prozent erreichen, schreibt der Gewerkschaftsverband FNV Bondgenoten.

Doch auch der frühere Monopolist TNT schläft nicht. Mit "Netwerk VSP" hat der ehemalige Staatskonzern den dritten großen Wettbewerber auf den Billig-Postmarkt gebracht.

*Name geändert

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