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US-Wahlkampf Brieftasche denkt anders

Mit seinem revidierten Wirtschaftsprogramm stieß der demokratische Präsidentschafts-Kandidat McGovern nicht nur auf die Kritik der Reichen. Auch Bezieher niedriger Einkommen lehnen die Umverteilungsplane ab.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Die einen erinnert er »ein bißchen an Hitler«, so Walter J. Campbell. Chefredakteur der »Industry Week"' die anderen an »einen Amateur, den jemand an die Steuersäule einer Boeing 747 gesetzt hat«, so Gary E. MacDougal, Aufsichtsratsvorsitzender der Mark Controls Corp. in Chicago. Wieder andere befürchten, »er werde die Nation um hundert Jahre zurückversetzen« (so Raymond A. Weigel, Aufsichtsratsvorsitzender der Kysor Industrial Corp.).

Seit der demokratische Präsidentschaftskandidat George McGovern Anfang dieses Jahres erstmals ein Wirtschaftsprogramm vorlegte, muß er sich derartige Kommentare aus dem Big Business gefallen lassen. Seinen -- inzwischen wieder zurückgezogenen -- Vorschlag, die Armut im Lande durch eine gesetzlich garantierte Mindestrente von jährlich 1000 Dollar für jeden Amerikaner zu beseitigen, nannte etwa Roger W. Gunder, Aufsichtsrat der Stauffer Chemical Co. in New York, »absolut verrückt«.

Konservative Kritiker des demokratischen Senators aus South Dakota warnten, McGovern wolle die USA in einen Sozialstaat kommunistischer Prägung verwandeln. »Die neuen Populisten«. mahnte etwa die First National City Bank, »sollten von den enttäuschten Marxisten in Osteuropa lernen.« Doch unerschrocken wie einst Katholik John F. Kennedy sich einer Methodistenversammlung in texas stellte, betrat McGovern am letzten Dienstag im August den exklusiven Klub der New York Society of Security Analysts an der Wallstreet. Hier, im »heiligsten Tempel des amerikanischen Kapitalismus« ("Newsweek"), verkündete er ein modifiziertes Wirtschaftsprogramm -- und erntete abermals Kritik.

in der Tat ist auch das neue Programm McGoverns,

* Erhöhung der Staatseinnahmen um insgesamt 22 Milliarden Dollar durch Streichung von bisher gewährten Steuervergünstigungen innerhalb der nächsten drei Jahre, > Streichung des Militärbudgets um 30 Milliarden Dollar in derselben Zeit und

* Schaffung einer neuen Nationalen Einkommenssicherung, die mehr Jobs im öffentlichen Dienst sowie ein garantiertes Einkommen für Familien ohne Einkommen vorsieht, wenig geeignet, dem Senator die Sympathien der amerikanischen Reichen und Unternehmer einzutragen.

»Dies ist kein gutes Programm«, urteilte nach der Wallstreet-Rede des Kandidaten der Chrysler-Chef Lynn Townsend, »ich glaube nicht, daß es irgendwie bedeutsam wäre.« Forrest N. Shumway, Präsident der Signal Companies in Los Angeles, meinte abschätzig: »Es kann nicht funktionieren, ohne daß das Land zerstört wird.« Und Alan Riedel, Vizepräsident der Cooper Industries in Houston, Texas, überlegte: »Meint er wirklich, was er sagt? Wenn nein, ist er ein großer Schwindler. Wenn ja, dann bin ich ehrlich besorgt.«

* Drawing by Donald Reilly. © The New Yorker Magazine.

Die Besorgnis ist, zumindest aus der Sicht der Unternehmens-Bosse, verständlich. Denn auch in seinem modifizierten Programm fordert McGovern nichts anderes als den Abbau all jener Privilegien, die sich Amerikas Bosse und Reiche in jahrzehntelangem Lobby-Kampf auf Kosten der Lohnsteuerzahler erstritten hatten. So will McGovern unter anderem

* die Kapitalertragsteuer von bisher 25 Prozent bis 1975 auf 48 Prozent (den von McGovern gewünschten Höchstsatz der Einkommensteuer) hinaufschleusen,

* bisher gewährte Steuervergünstigungen für Investitionen möglicherweise um die Hälfte kürzen,

* die gewaltigen Steuervorteile der Ölindustrie und anderer Branchen wesentlich kappen und

* Gewinne aus Exportgeschäften wie alle anderen Gewinne besteuern. Mit der These »Geld, das durch Geld verdient wird, muß ebenso hoch besteuert werden wie Geld, das durch Arbeit verdient wird«, versucht McGovern, sich die Zustimmung der breiten Öffentlichkeit zu sichern. Doch ob ihm dies gelingt, ist fraglich.

Zwar wertete die liberale Ostküstenpresse McGoverns neues Wirtschaftsprogramm als empfindliche Waffe gegen Nixons nebulöse Steuerreform. »Was ist so radikal«. fragte etwa die »Washington Post«, »wenn gleiche Maßstäbe für jedermanns Einkommen angelegt werden?«

Aber gerade die Schicht, von der sich McGovern entscheidende Stimmen erhofft, blieb skeptisch. Umfragen in Arbeiterkreisen und bei Vertretern der sogenannten unteren Mittelklasse brachten Erstaunliches zutage: Obwohl längst nicht vermögend, hängen diese US-Bürger dem amerikanischen Traum der unbeschränkten Möglichkeiten nach: Wenn es schon den Eltern nicht gelingt, reich zu werden, dann vielleicht den Kindern.

Um dieser potentiell reichen Kinder willen sind die Habenichtse nicht bereit. so fanden Interviewer heraus, einem Mann zur Macht zu verhelfen, der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, hohe Einkommen höher zu besteuern.

Und was gar die Wohlfahrt angeht. so ergaben die Umfragen weiter, machten jene Wählerschichten, auf die McGovern mit seinem Sozial- und Steuerprogramm zielt, einen feinen Unterschied zwischen den angeblich wenigen, die wirklich arbeiten wollen und nur vorübergehend keinen Job finden können, und denen, die ihrer Ansicht nach gar nicht arbeiten wollen.

So könnte es passieren, daß McGoverns Programm, das die Armen und weniger Begüterten begünstigen soll, am Wahltag gerade von vielen aus McGoverns Zielgruppe nicht honoriert wird -- mit einer Begründung, die sich nur in Nuancen von der Ablehnung durch das Wallstreet-Establishment unterscheidet.

»Obwohl mein Herz für McGovern schlägt«, so hatte John Westergaard, Präsident der Wallstreet-Firma Equity Research Associates, nach der Rede des Senators gesagt, »ist meine Brieftasche anderer Ansicht.«

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