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Hollywood Brot und Butter

Nach Jahren der Stagnation erlebt die Film-Metropole Hollywood jetzt einen neuen Boom. Den Aufschwung brachten Großaufträge der amerikanischen TV-Gesellschaften.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Film-Aufträge gaben Robert Hagel, Chef der Hollywood-Produktionsgesellschaft Burbank Studios, seinen Glauben wieder. »Heiliger Jehova«. schrie er unlängst. »ich lerne wieder beten, denn in all unseren Studios wird wieder gearbeitet.«

In den Burbank-Hallen, wie in allen anderen Filmwerkstätten Hollywoods, die seit Jahren leerstanden und dem Verfall preisgegeben waren, drängen sich heute Akteure, Komparsen und Techniker wie in den besten Zeiten des Kintopps.

Den Aufschwung verdankt die Film-Metropole dem Medium, das bisher ihr schärfster Konkurrent war: Zur Zeit drehen Hollywoods Filmschaffende an mehr als 150 Werken im Auftrag der US-Fernsehgesellschaften. »Das Fernsehen«, so stellte ein Manager der Filmgesellschaft Warner Bros, fest, »bedeutet Brot und Butter für uns.«

Noch vor kurzem schien Hollywood vielen Branchenkennern -- trotz der Erfolge einzelner Filme -- eine sterbende Metropole. Denn während des letzten Jahrzehnts hatten sich die Zeichen des Niedergangs gehäuft. Zahlreiche kleine Filmfirmen machten Bankrott, große Gesellschaften wie Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) verramschten ihre Requisiten -- Gewänder, antike Rüstungen, Mississippi-Dampfer.

Die Misere war Folge eines falschen Konzepts. Zu spät hatten Hollywoods Filmgewaltige, wie etwa Darryl F. Zanuck. der Chef der 2Oth Century-Fox. erkannt, daß zeitgemäße und anspruchsvolle Filme vor allem die Jugendlichen -- heute die Hauptkinogänger -- mehr ansprechen als teure Leinwandschinken. So spielten etwa aufwendige Fox-Filmspektakel wie »Doctor Dolittle«. »Star« und »Hello, Dolly"« die zusammen über 300 Millionen Mark kosteten, nur die Hälfte des Aufwands ein. Ein vergleichsweise billiger, aber originell-witziger Film wie die Lazarett-Komödie »M*A*S*H« (Herstellungskosten: zehn Millionen Mark) brachte dagegen schon im ersten Jahr 80 Millionen Mark.

»Als wir anfingen«, gestand Warner-Bros.- Manager Richard Lederer. »mehr Ideen und weniger Geld zu investieren -- hatten wir Erfolg.« Der für 1,5 Millionen Dollar gedrehte Warner-Film »Summer of »42« spielte 18 Millionen Dollar ein. Universal Pictures erwartet von dem Zwei- Millionen-Dollar-Hitchcock-Film »Frenzy« Erlöse in Höhe von über zwölf Millionen Dollar.

Solch gelegentliche, mit wenig Aufwand gedrehte Erfolgsfilme vermochten jedoch die Krise in der Filmstadt nicht zu beheben. Noch bis vor kurzem hatten sich beispielsweise die Universal-Herren über Wasser gehalten. indem sie Studios und Bühnenbauten -- etwa das Haus aus dem Hitchcock-Film »Psycho« -- gegen eine Eintrittsgebühr von vier Dollar pro Person zu Besichtigung freigaben.

Heute mangelt es Universal an Arbeitsräumen. Die Gesellschaft mietete sogar vor kurzem ein 500-Zimmer-Hotel. um zusätzliche Räume zu gewinnen, bis ein neuer riesiger Gebäude komplex fertiggestellt ist.

Zu dem neuen Boom kam es, weil Amerikas Fernseh-Manager sich wachsender Unzufriedenheit der TV-Kunden ausgesetzt sahen. Denn bisher mußten die Fernsehzuschauer im Sommer regelmäßig mit Wiederholungen des Winterprogramms vorliebnehmen.

Um sich weiterhin eine hohe Sehbeteiligung zu sichern, mußten die Fernsehgesellschaften dazu übergehen, Filme für die Sommermonate drehen zu lassen. »Hollywood«, so stellte ein Manager der TV-Gesellschaft NBC fest, »bot uns ideale technische Voraussetzungen.«

Die Fernsehproduktionen verhalfen tausend arbeitslosen Film-Akteuren zu neuen Jobs. Im vergangenen Jahr wurden nur noch 18 Prozent der Einkommen aller Hollywoodschauspieler (zusammen 114 Millionen Dollar) durch die Arbeit für Kinofilme verdient.

Hollywoods Fernseh-Boom verlockte immer mehr branchenfremde Unternehmen zu Investitionen in der kalifornischen Film-Metropole. So finanzierte etwa der Nahrungsmittelkonzern Quaker Oats Company mehrere Fernseh-Serien und gab für drei Millionen Dollar ein Musical in Auftrag. Der Elektro-Gigant General Electric gründete eine eigene Produktionsgesellschaft namens Tomorrow Entertainment (Unterhaltung von morgen).

Auch der Spielzeug-Konzern Mattel und das Parfüm-Unternehmen Fabergé wollen TV-Serien produzieren lassen. Andere Hollywood-Investoren, wie der Zigaretten. und Hotelkonzern Loew's, setzen sogar wieder auf die Zukunft der Leinwandspektakel. »Das Kino«, so meinte Loew's-Präsident Preston Robert Tisch »hat das Fernsehen überwunden«

Während immer mehr Branchen Außenseiter am Business in Hollywood teilhaben wollen, trauen alteingesessene Flimmerfirmen dem Boom nicht so recht. So wollen beispielsweise MGM-Manager das Leinwandunternehmen durch neue Säulen abstützen. Für 54 Millionen Dollar läßt die Gesellschaft drei Kreuzfahrt-Schiffe bauen. Neunzig Millionen Dollar will MGM in den »größten Hotelbau der Welt« in Las Vegas stecken.

Meinte ein MGM-Manager. » Nach allem, was wir hinter uns haben, ist Vorsicht noch die beste Strategie.«

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