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GETREIDE Brotkorb der Welt

Nach dem Öl-Kartell im Mittleren Osten droht ein weit mächtigeres Monopol im Westen: Der globale Nahrungsmittel-Nachschub wird zunehmend abhängiger von den Getreide-Ernten in den USA.
aus DER SPIEGEL 53/1975

Die Vereinigten Staaten »könnten ein Maß an Macht« erhalten, »das sie nie zuvor besessen hatten -- möglicherweise eine größere wirtschaftliche und politische Vorherrschaft als die in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg«.

Die neue US-Dominanz -- vor über einem Jahr in einer CIA-Studie erstmals angekündigt -- reift im größten Getreide-Anbaugebiet der Erde, dem Weizengürtel im mittleren Westen der USA, heran. Von Ernte zu Ernte wächst das Heer von Hunderten von Millionen Menschen in aller Welt, deren Nahrungsmittelbedarf nur durch Getreide-Importe aus den Vereinigten Staaten gedeckt werden kann.

So ist das Ausmaß von Hungerkatastrophen in Afrika oder Südostasien nur durch massive Nahrungsmittelhilfen aus den USA zu verringern, ernährt sich bereits jeder zehnte Sowjet-Bürger von US-Getreide. Auch ist der hohe Kalorienverbrauch wohlgenährter EG-Einwohner nur durch Agrar-Einkäufe jenseits des Atlantiks möglich.

Schon stellen Amerikas Getreidehändler 75 Prozent des für den Export verfügbaren Getreides auf der Welt bereit. In den Kornsilos der USA lagert fast ein Drittel der 100 Millionen Tonnen globaler Kornreserven.

»Food power« -- die Macht, die Amerika durch die fast monopolartige Kontrolle der Welt-Getreidemärkte erhält -- gilt als die neue Wunderwaffe. Und mit jeder verlorenen Getreide-Produktionsschlacht in der Sowjet-Union, jeder Dürrekatastrophe in Afrika, jeder Überschwemmung auf dem indischen Subkontinent rückt die CIA-Vision immer näher an die wirtschaftlich-politische Realität heran.

Ist »food power«, fragte das US-Magazin »Business Week«, Amerikas »letzte Waffe in der Weltpolitik«? Für Washingtons Landwirtschaftsminister Earl L. Butz ist die Antwort klar. »Nahrungsmittel sind eine Waffe«, hatte der energische Agrar-Chef schon Ende 1974 festgestellt, »diese gehört jetzt zu den Hauptinstrumenten in unserem Verhandlungskasten.«

Auf einer November-Reise durch Europa und den Nahen Osten sah Butz seine Auffassung voll bestätigt. »Der rumänische Landwirtschaftsminister sagte mir«, berichtete er nach der Tour, »daß wir etwas Mächtigeres als die Atombombe hätten -- Soja.«

Bei dem ersten großen Versuch der Ford-Administration, die Getreide-Exportkraft der USA gezielt für andere Zwecke einzusetzen, hatte die neue Waffe jedoch noch Ladehemmung. Als Washingtons Unterhändler im Sommer von Moskau verlangten, für US-Weizen Sowjet-Öl unter Weltmarktpreis zu erhalten, kam nur ein separater Getreide-Pakt zustande.

Mit der Verpflichtung der Russen. ab Oktober 1976 fünf Jahre lang dem US-Getreidehandel sechs bis acht Millionen Tonnen Korn jährlich abzunehmen, gelang es den Amerikanern immerhin, die Sowjets bei künftigen Einfuhren stärker anzubinden. Denn zehn Jahre lang hatten die Sowjet-Beschaffer nach eigenen Mißernten den Weltgetreidemarkt durch plötzliche Korneinkäufe durcheinandergewirbelt.

Bei dem »großen Kornraub« von 1972 etwa hatten die Russen 19 Millionen Tonnen Getreide in den USA geordert. Aufgrund der zunächst heimlichen Sowjet-Käufe schossen die US-Lebensmittelpreise in den nächsten zwei Jahren um 14 Prozent empor.

Der Nachkriegs-Trend wachsender globaler Abhängigkeit von nordamerikanischen Agrar-Ausfuhren hat sich in den vergangenen fünf Jahren vor allem durch den Wandel der Sowjet-Union vom Netto-Exporteur zum größten Korn-Importeur der Welt verstärkt. Hauptursache dieser Entwicklung war das Bemühen der Kreml-Führer, ihre Genossen durch eine bessere Fleischversorgung an westliche Ernährungs-Standards heranzuführen.

Die heimische Futtergetreide-Produktion freilich reichte nicht aus, so viele Hühner« Schweine und Rinder durchzufüttern wie geplant. Trotz des erhöhten Fleisch-Angebots mußten die Russen ihre Mägen nach wie vor weit mehr mit Brot als mit Steaks oder Hähnchen füllen: Während die Amerikaner im Schnitt nur 50 Kilo Brot pro Jahr essen und die Westdeutschen 60 Kilo, bringen es die Sowjet-Bürger auf etwa 150 Kilo.

Noch vor dem Zweiten Weltkrieg war in allen geographischen Groß-Regionen der Erde mit Ausnahme Westeuropas mehr Getreide angebaut worden, als dort verbraucht wurde. Inzwischen aber führen von den 115 Ländern, für die verläßliche Außenhandels-Statistiken verfügbar sind, nur einige Staaten wie Frankreich, Australien und Argentinien mehr Korn aus als ein. Zu den Staaten, die sogar mehr als die Hälfte ihres Getreide-Bedarfs importieren müssen, zählen etwa Japan, Belgien, Senegal, Libyen, Saudi-Arabien, Venezuela, Libanon, Algerien und die Schweiz.

»Es geht uns wie einem General, der sieht, wie die Schlacht zu seinen Ungunsten verläuft, frische Reserven ins Feld führt und feststellen muß, daß sie unverändert gegen ihn läuft«, beschrieb Lester R. Brown, Präsident einer US-Forschungsorganisation, die weltweit wachsenden Nahrungsmittel-Lücken.

Frühere Überschuß-Regionen wie Lateinamerika und Südasien waren vor allem wegen zu raschen Bevölkerungswachstums ins Nahrungsmittel-Defizit abgeglitten. Während beispielsweise Nord- und Lateinamerika vor 25 Jahren mit je 160 Millionen Menschen noch die gleiche Bevölkerungszahl hatten, leben inzwischen im Süden des Doppelkontinents rund 80 Millionen Menschen mehr als im Norden.

So entwickelten sich die USA und Kanada immer stärker zum »Brotkorb der Welt« (Brown): Von 56 Millionen Tonnen im Jahre 1970 haben die beiden Länder ihre Getreide-Ausfuhren auf geschätzte 94 Millionen Tonnen im laufenden Haushaltsjahr 75/76 erhöht. Mit zwölf Milliarden Dollar Exporterlösen ist Korn weitaus wichtigster Devisenbringer der USA: Es übertrifft sogar die gesamten Rüstungsexporte noch um 1,5 Milliarden Dollar.

»Die USA haben die größte zusammenhängende Landmasse fruchtbaren Bodens, günstigen Klimas und entsprechenden Niederschlags auf der Welt«, erklärt Landwirtschaftsminister Butz die Weizen-, Mais- und Reisschwemme seines Landes. Etwa 60 Prozent des Weizens und Reises, etwa die Hälfte der Sojabohnen, ein Viertel der Hirse und über 20 Prozent des Maises stehen nach Deckung des Inlandsbedarfs für die Fütterung der übrigen Welt bereit.

»Langfristig wird Agrarmacht wichtiger als Petromacht sein«, behauptet Butz. »Der für sich allein genommen wichtigste Weg, durch den wir mit zwei Dritteln der Menschheit verbunden sind, sind Nahrungsmittel.«

Strittig ist in den USA denn auch nicht, »ob Lebensmittel Macht darstellen, sondern nur wie diese Macht gebraucht werden soll« (Agrar-Experte Brown). Washingtons Regenten -- von Präsident Ford über Außenminister Kissinger bis zu Agrarchef Butz -- haben da keine Skrupel. Sie sehen die Agrar-Exportpolitik als »lebenswichtigen Teil unserer Diplomatie« (Ford).

Schon bei Kissingers Nahost-Verhandlungen hatten die Sowjets nicht stören können, erklärt zum Beispiel Butz, weil sie wegen ihres hohen Getreidebedarfs »wußten, daß es keine Zeit für Späße gab«.

Amerikas Getreidefarmer und -händler dagegen sind über die neue politische Dimension ihres Geschäfts nicht sehr glücklich. Sie wollen -- unabhängig von politischen Nebenzwecken -- an den verkaufen, der die höchsten Preise bietet.

Auch etliche Politiker und Agrar-Experten lehnen den gezielten Gebrauch der Weizen-Waffe ab. Ihr Einsatz sei schon aus moralischen Gründen nicht zu vertreten. Sie werde rasch weltweiten Widerstand mobilisieren. »Getreide ist nicht gerade das gleiche im Welthandel wie Nähmaschinen«, warnte vorsorglich EG-Agrarkommissar Lardinois.

»Es ist viel besser«, lobte hingegen Amerikas Butz das neue Machtinstrument, »statt Gewehrkugeln Scheffel von Getreide auszutauschen.«

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