Brüsseler Betrugsverdacht Alles nur Lüge?

Aus einer EU-finanzierten Behörde sollen Millionen Euro an eine Firma in Mali geflossen und dort teilweise versickert sein. Besonders bizarr: An dem Unternehmen hielt ausgerechnet der Mann Anteile, der erst Chef der Brüsseler Behörde wurde - und dann plötzlich die Lust an seinem Topjob verlor.

Brüssel - Hamed Sow, 1953 im armen westafrikanischen Wüstenstaat Mali geboren, ist ein hochgebildeter Mann: ein Doktor der Ökonomie, mit zwei Uni-Diplomen aus Paris. Er hat für die Weltbank gearbeitet und ab 1992 für das Brüsseler Zentrum für Unternehmensentwicklung, CDE. Dort sitzen EU-Vertreter und Manager aus Entwicklungsländern zusammen und verteilen EU-Steuergelder an Privatfirmen in diesen Ländern - in der Hoffnung, dass die Unternehmer dort mit der millionenschweren Hilfe etwas Sinnvolles tun. Dabei half Monsieur Sow nach Kräften, erst als Abteilungsleiter und ab 2005 als Chef der Brüsseler Geldumschlagstelle.

Auch in seiner Heimat Mali war er nicht unbedeutend. Beim Cocktailempfang zur Feier seines CDE-Spitzenjobs erschien die Prominenz des Landes nahezu komplett, bis hin zum Staatspräsidenten. Zwei Jahre später, 2007, wurde Sow zudem Energieminister in Mali. Über dieses Ministerium laufen große Teile der Entwicklungshilfeströme, die ins Land fließen. Der richtige Job also für Hamed Sow. Das nötige Handwerk zum Umgang mit solchen Summen hatte er in Brüssel gelernt. Heute wird er sogar als möglicher Ministerpräsident gehandelt.

Die schnelle Polit-Karriere daheim folgte freilich auf einen noch schnelleren Karrierebruch in der Fremde. Denn mitten in der fünfjährigen Laufzeit seines Direktoren-Vertrages, im Sommer 2007, brach Sow Hals über Kopf seine Zelte in Brüssel ab.

Ein halbes Jahr zuvor hatte der Leiter der IT-Abteilung der von Sow geleiteten Behörde der EU-Kommission und dem britischen Labour-Europaabgeordneten Brian Simpson einen Stapel brisanter Papiere zukommen lassen: Demnach seien ein Darlehen der Europäischen Investitionsbank über 3,7 Millionen Euro und Zuschüsse der EU von rund 700.000 Euro an eine Firma in Mali zweckentfremdet, das Geld teilweise beiseite geschafft worden.

Alte Maschinen gekauft, restliches Geld behalten

Statt, wie vorgesehen, mit dem Geld neue Textilmaschinen anzuschaffen und damit die Produktion anzukurbeln und die Qualität zu erhöhen, habe man gebrauchte Maschinen billig erworben - und so vom Geld aus Brüssel eine Menge übrigbehalten. Diese Firma, Fitina, habe zu Teilen über Strohmänner Hamed Sow gehört. Der war zu jener Zeit - der Kredit wurde im Jahr 2001 bewilligt - zwar noch nicht Chef, aber mächtiger Abteilungsleiter beim CDE, zuständig just für die Region Afrika.

Andere Belege wecken außerdem den Verdacht, dass Sow zusätzlich eine Art Beratungshonorar von Fitina bekommen habe. Bis zu 400.000 Euro sollen das gewesen sein. Aber bewiesen ist nichts.

Die Sache landete Ende 2006 beim Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung, Olaf. Dessen Fahnder ermittelten erst in aller Stille weiter und stürmten dann, im März 2007, die CDE-Zentrale. Sie beschlagnahmten Berge von Unterlagen und außerdem den Laptop des Chefs.

Plötzlich verlor der Mann aus Mali die Lust an seinem Top-Job: Er verließ Brüssel ziemlich eilig. Mit dem laufenden Verfahren habe das natürlich nichts zu tun. "Schon vor Jahren", erklärte damals ein Sprecher Sows, habe der die Gremien darum gebeten, "seine Karriere im eigenen Land fortsetzen" zu können. Warum, fragt man sich da nur, unterschreibt er dann einen Fünf-Jahres-Vertrag in Brüssel?

Brüsseler Ermittler sehen Verdacht erhärtet

Die Olaf-Leute recherchierten weiter. Der Betrugsverdacht erhärtete sich. Im Dezember 2007 reichten sie ein Dossier an die französische Staatsanwaltschaft weiter. Denn wo das Strafrecht berührt wird, darf Olaf nicht weitermachen. Die Staatsanwälte schalteten die Kripo ein. Deren Untersuchung läuft noch.

Die Olaf-Ermittler haben einen abschließenden EU-internen Bericht über die Vorgänge in Sows-Behörde am 11. April dieses Jahres der EU-Kommission und der Investitionsbank übergeben. Und die versuchen nun beide, das Geld aus Mali irgendwie zurückzubekommen. Die Aussichten darauf seien allerdings nicht gut, sagen ihre eigenen Fachleute.

Hamed Sow hat auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE mit einer fünf Seiten langen, aber teilweise sehr widersprüchlichen Erklärung geantwortet. Darin weist er sämtliche Vorwürfe und jeden Verdacht zurück. Die Textilfirma in Mali habe sich ebenso korrekt verhalten wie er. Und er habe weder an jener noch an überhaupt einer Gesellschaft in Mali je Aktien gehalten.

Alles, was gegen ihn vorgebracht werde, basiere auf den Lügen eines wegen Inkompetenz entlassenen und darüber verbitterten britischen Angestellten.

Terry Battersby, 53, der Mann, der die Sache ans Licht brachte, ist heute in der Tat mächtig verbittert. Denn bevor sein Chef Hamed Sow Brüssel verließ, sagt Battersby, habe der erfahren, von wem die Behörden die heiklen Unterlagen hatten. Als eine seiner letzten Amtshandlungen habe Sow seinen IT-Abteilungsleiter Battersby gefeuert. Nach 16 Jahren beim CDE dürfe er sich nun mit Zeit-Verträgen im Archiv über Wasser halten.

Weder der neue Direktor noch die EU-Kommission finden das offenbar anstößig.