Zur Ausgabe
Artikel 33 / 85

Wein Brüsseler Spitzen

Das neue deutsche Weingesetz vom Juli 1971 muß schon wieder geändert werden. Die EWG-Kommission fordert mehr Schutz für die Verbraucher.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Werner Tyrell, Präsident des Deutschen Weinbauverbandes, dem von der EWG-Kommission selten Gutes widerfährt, ging in Brüssel ein alter Wunsch in Erfüllung. Deshalb ist er Europas Weinkommissaren, die »Wahrheit und Klarheit« -- Tyrells Kredo -- jetzt zum EWG-Gesetz erheben wollen. gram: Das könne er, grollte der Winzerchef, so beim Wort genommen. »unter keinen Umständen« hinnehmen.

Eine neue Verordnung. die das Bezeichnungsrecht mit strengen Gütenormen koppelt, soll, so hieß es im Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften. für eine »zutreffende und genaue Unterrichtung« der Weinkäufer und die »einwandfreie Qualität der Erzeugnisse« sorgen. Aber an Mosel und Rhein, wo die nasse Zunft auf »Qualität und Spezialität« (Weinwerbung) schwört, breitete Freude sich nicht aus: Denn der EWG-Ukas verbietet, Mixturen von Weinen verschiedener Herkunft, Jahrgänge und Rebsorten unter hochtrabenden Lagenamen teuer zu veräußern.

Damit werde, betrübte sich Präses Tyrell ("Es gilt zu kämpfen"), das deutsche Weinrecht »europäisch aus den Angeln gehoben«. Die Brüsseler Spitzen, erkannte er richtig, gelten dem Weingesetz vom Juli 1971, dessen Macher sich rühmten, dem »Schutz des Verbrauchers vor Irreführung und Täuschung« (Bundestagsprotokoll) zu dienen. Schon vorher hatte Werner Tyrell, wenn auch vergebens, gegen die EWG-Tafelweinordnung gewettert. Danach dürfen in der Zone A Mosel, Pfälzer und Luxemburger, in der Zone B Badener und Elsässer miteinander verschnitten werden, eines Gebietsnamens freilich (zum Beispiel »Mosel") wird der Mix aber nur teilhaftig, wenn an fremden Kreszenzen nicht mehr als 15 Prozent beigemischt wurden.

»Ein solcher Verschnitt ist kompromißlos als schädlich und unannehmbar zu verwerfen, weil er die Eigenart eines jeden Weines zerstört«, zeterte der Weinbauverband. »Verschnitt degradiert den Wein zu einem Industrieprodukt, zu einem Rohstoff.«

In schöner Konsequenz stoppte der Bonner Gesetzgeber, dem welsche Zugaben ein ärgeres Greuel dünkten als Zuckerwasser im deutschen Qualitätswein, solche losen Praktiken, indem er jedes Gemisch zu heimatlosem Konsumwein degradierte. »Eine geographische Bezeichnung«, so gebietet Paragraph 20 rigoros, »darf nur dann gebraucht werden, wenn der Wein aus diesem Raum stammt.«

Doch löbliches Streben nach »Verbraucherschutz« (Tyrell) war es weniger, was die Gesetzesküfer beschwingte. vielmehr hatten die rheinischen Puristen das harsche Mischverdikt allein für den Auslandswein zurechtgeschnitzt, um die stetig steigenden Einfuhren ein wenig abzubremsen. Heimische Edeltröpfchen hingegen bedürfen eines solchen Reinheitsgebotes nicht.

Deutscher Wein, laut Werbeslogan »einzig unter den Weinen«, wurde durch das Gesetz erst schön. Denn das »herrlichste und großartigste Weingesetz aller Zeiten«, wie sich die »Allgemeine Deutsche Weinfachzeitung« über die vollmundigen Lobpreisungen erheiterte, ist »vorrangig ein Gesetz für die wirtschaftlichen Interessen der Weinwirtschaft«, dessen »Qualitätsklassifizierung genau dort, wo sehr viel von Qualität die Rede ist, gerade keine überzeugende Garantie dafür bietet«.

Rheinland-Pfalz beispielsweise, das größte Weinland, fixierte für den Sonnenjahrgang 1971 die Mindest-Mostgewichte derart niedrig, daß auch letzte Schmalspurweine noch das Prädikat »Kabinett« ereilt. Sogenannte kleine Spätlesen, früher mit 85 Grad Öchsle wegen Untergewichts disqualifiziert. können an der Mosel gar zur »Auslese« hochstilisiert werden.

Beim deutschen Wein (Slogan: »Geprüfte Qualität") kommt laut Weinwerbung »der Herkunft«, also der Lage. »besondere Bedeutung zu«. Das ist es. »was deutsche Weine einzig macht": »Das eigenartig wundersame Zusammenspiel von Klima, Boden und Rebsorte.«

So wundersam ist dieses Spiel, daß deutschen Qualitätsweinen, von denen »jeder ein Individuum« ist, kraft Gesetzes selbst ein 25prozentiger Verschnitt frommt. Das von der EWG für Tafelwein verordnete Limit von 15 Prozent dagegen führt »zwangsläufig zu einer Aufhebung der speziellen Geschmackswerte« und zu einer »uniformen Gestaltung von Weinen« (so der Mainzer Ministerialdirigent Dr. Fritz Renz).

Tatsächlich gestattet das neue deutsche Weinrecht noch eine weit höhere Verschnittquote als die amtlichen 25 Prozent, da es zwar Zusätze von fremden Lagen begrenzt, nicht aber das Vermischen verschiedener Jahrgänge und Rebsorten, die auf derselben Lage wuchsen. Ein Rezept aus der Tyrell-Postille »Der Deutsche Weinbau": Man nehme 250 Liter 1971er Riesling namenlos aus dem Bereich Bingen, schütte die gleiche Menge des Qualitätsweins 1971er Niersteiner Spiegelberg Riesling dazu, ferner aus derselben Lage weitere je 250 Liter 1971er Silvaner und 1970er Riesling und etikettiere diesen Eintopf als 1971er Niersteiner Spiegelberg Riesling. Von der Kreszenz Spiegelberg Riesling 71 wäre nach diesem hypothetischen Beispiel in der Flasche nur noch 25 Prozent enthalten. Eine solche Verschnittquote von 75 Prozent wäre nach deutschem Recht nicht verboten.

15 Prozent fremde Zusätze seien auch für deutschen Qualitätswein genug. meint jetzt die EWG: Wird beispielsweise in einen Riesling mehr als dieses Quantum Silvaner gekippt, darf der Winzer auf dem Etikett keine von beiden Rebsorten angeben. Ebenso soll laut EWG-Vorlage das Lagenamensrecht gehandhabt werden: Die Niersteiner »Weinbau«-Kreszenz hieße dann, aus zwei rheinhessischen Bereichen (Nierstein und Bingen) gemixt, schlicht »Rheinhessen« ohne nähere Lagebezeichnung.

Dies sei »ein vernichtender Schlag gegen unsere Herkunftsweine"« wehklagte der Bundesverband des Weinhandels -- jene Vereinigung, der es zu verdanken ist, daß das Krabbenkonservierungsmittel Sorbinsäure »nicht nur für Tafelweine, sondern auch für Qualitätsweine und Prädikatsweine zugelassen wurde« (Geschäftsbericht).

Und Dr. Franz Werner Michel vom Stabilisierungfonds für Wein erkundigte sich erschrocken, »ob man tatsächlich jegliche Individualität niederwalzen will«, und stellte sich die EWG so vor: »Was innerhalb eines Landes zwischen den Kirchtürmen geschieht, braucht Brüssel nicht zu regeln.«

Zur Ausgabe
Artikel 33 / 85
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.