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Textilindustrie Brutaler Prozeß

Wenn sonntags nicht gearbeitet werden dürfe, drohen Textilunternehmer, würden sie ihre Produktion ins Ausland verlagern.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Die Auftragslage ist gut, seine 500 Beschäftigten hält Firmenchef Christian Heinrich Sandler für »hoch qualifiziert und motiviert«, die Maschinen laufen an sechs Tagen in der Woche rund um die Uhr.

Dennoch spielt Sandler mit dem Gedanken, seine Produktion ins italienische Verona zu verlagern. In seinem Vliesstoffwerk im fränkischen Schwarzenbach stehen sonntags die Maschinen still, und das mißfällt dem Seniorchef.

»Wir sind die einzigen in Europa«, klagt Sandler über das Los der deutschen Textilindustrie, »die sonntags nicht arbeiten dürfen - nach einem Gesetz, das 130 Jahre alt ist.« Wenn das nicht bald geändert werde, so drohen viele Textilfabrikanten, müßten sie künftig im Ausland fertigen lassen.

Auch Harald Frowein, Mitinhaber der Wuppertaler Weberei Frowein & Co., hat schon über eine Produktion im EG-Ausland nachgedacht, in Belgien oder Holland. Bei Frowein bedient ein einziger Facharbeiter Maschinen, die bis zu fünf Millionen Mark kosten. Daß die teuren Automaten hierzulande nur an sechs Tagen in der Woche betrieben werden dürfen, ist für Harald Frowein »ein erheblicher Nachteil«.

Weit mehr als über Lohnkosten, Umweltauflagen und Steuern lamentieren die deutschen Textilunternehmer über das Verbot der Sonntagsarbeit. Weil in Spinnereien und Webereien jeder Arbeitsplatz im Schnitt eine Million Mark kostet (Industrie-Durchschnitt: gut 150 000 Mark), müßten die Maschinen auch sonntags laufen.

Dauerbetrieb ohne sonntägliche Pause ist bislang nur im Ausland möglich. In der Bundesrepublik dürfen die Web- und Spinn-Automaten nicht mehr als exakt 6624 Stunden jährlich im Einsatz sein. In Frankreich und Italien sind sie es 7776 Stunden, in Belgien 7800 und in Großbritannien gar 7992 Stunden.

Daß die Deutschen ihren Maschinenpark nicht voll auslasten dürfen, sei »ein staatlich verordneter Wettbewerbsnachteil«, sagt Konrad Neundörfer, Hauptgeschäftsführer des Dachverbands Gesamttextil. Das könne nicht so bleiben, denn die deutschen Weber und Spinner seien »tagtäglich genötigt, mit einer beinharten Auslandskonkurrenz fertig zu werden«.

Offenkundig ist ihnen das bislang ganz gut gelungen, auch ohne Sonntagsarbeit. Kein anderes Land exportiert mehr Textilien als die Bundesrepublik. Stoffe, Gewebe und Garne im Wert von 9,8 Milliarden Dollar schicken die Deutschen ins Ausland; die Italiener, weltweit die Nummer zwei, kommen auf 7,3 Milliarden Dollar.

In einem »brutalen Prozeß der Strukturanpassung« (Neundörfer) hat sich die frühere Krisenbranche Textilindustrie gesundgeschrumpft. Viele Firmen mußten aufgeben, die Zahl der Beschäftigten hat sich in den letzten 15 Jahren glatt halbiert - auf nunmehr 218 000.

Anders als die Bekleidungsfabrikanten, die wegen der hohen Lohnkosten schon seit langem zu einem guten Teil im Ausland arbeiten lassen, blieben die Textilunternehmer im Lande. In dieser Branche sind qualifizierte Bedienungsmannschaften und schnelle Reparaturen der komplizierten Automaten wichtiger als die Löhne.

Das werde sich ändern, drohen die Textilfabrikanten, wenn weiterhin für den Sonntag staatlich verordneter Müßiggang gelte. Gesamttextil-Geschäftsführer Ernst-Heinrich Stahr: »Wenn wir in einem Hochlohn-Land bleiben sollen, dann müssen wir die technischen Möglichkeiten voll ausreizen.« Die Gewerkschaft Textil-Bekleidung sperrt sich bislang gegen Sonntagsarbeit. »So dramatisch ist das nicht zu sehen«, meint Gewerkschaftssprecher Werner Mahlau. Die Arbeitnehmervertreter wittern ein Erpressungsmanöver.

Viele Betriebe, erläutert Mahlau, würden die gesetzlich zulässigen Maschinen-Laufzeiten nicht einmal voll ausnutzen.

Und bevor die Unternehmer ihre Belegschaft sonntags antreten lassen, sollten sie »erst den dreiwöchigen Betriebsurlaub abschaffen, dann hätten sie schon 432 Arbeitsstunden mehr«.

Gemeinsam mit den Gewerkschaften sperren sich - wie immer bei dem Thema - die Kirchen gegen die Sonntagsarbeit. »Der Tag des Herrn«, lehnt der Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt das Ansinnen der Fabrikanten ab, sei ein »Tag der Arbeitsruhe, der Familie und der Lebensqualität des Menschen«.

Die Absage der Kirchen hat die Textilbranche enttäuscht. Ernst-Heinrich Stahr: »Wenn aus Kostengründen eine Produktion aufgegeben wird und die Leute ihren Arbeitsplatz verlieren, wird demonstriert - und vorneweg marschiert dann der Pfarrer.«

Bei Sandler in Schwarzenbach sieht es danach vorerst nicht aus. Im nächsten Jahr wird Christian Heinrich Sandler erst mal zehn Millionen Mark in ein neues Werk stecken; es ist die letzte Möglichkeit, die Investitionszulage am Zonenrand mitzunehmen. Verona muß wohl noch etwas warten. f

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