Geschasste Finanzchefin der Bundesagentur Schlammschlacht ohne Sieger

Ein beispielloser und intriganter Machtkampf: Der Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit drängt Valerie Holsboer aus dem Amt - die erste und bislang einzige Frau im Vorstand. Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende.

Valerie Holsboer
Daniel Karmann/ DPA

Valerie Holsboer


Wochenlang wurde in aller Öffentlichkeit eine Schlammschlacht um eine Spitzenpersonalie in der größten Behörde Deutschlands ausgetragen. In der Bundesagentur für Arbeit sind fast 100.000 Menschen beschäftigt. Sie verantwortet ein Budget von 35 Milliarden Euro. Ein gigantischer Apparat also, der in Zeiten des Umbruchs, von Digitalisierung, der Mobilitätswende und konjunktureller Schwäche sich eigentlich um das Wohl und die Ängste der Menschen auf dem Arbeitsmarkt stärker denn je kümmern müsste.

Wobei "öffentlich" nur die halbe Wahrheit benennt. Der Machtkampf wurde zwar vor Publikum in den Medien ausgetragen, souffliert wurde er aber anonym von Gegnern und Befürwortern von Valerie Holsboer, die erste und bislang einzige Frau im Vorstand der Behörde. Nun ist der Kampf entschieden. Nach nur zwei Jahren im Amt wird Holsboer abgelöst, obwohl ihr Vertrag noch bis 2022 gelaufen wäre - betrieben ausgerechnet von den Arbeitgebervertretern im Verwaltungsrat, die sie 2017 selber ins Amt gehoben hatten.

Es seien nur fachliche Gründe für die Entscheidung gewesen, hieß es bei diesen, sie sei der Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Das stimme nicht, sagen ihre Befürworter. Das Verschulden Holsboers sei gewesen, dass sie nur nicht willfährig genug die Wünsche der Arbeitgeber umgesetzt habe.

Was auch immer die wahren Gründe gewesen sein mögen - sie spielen längst nur noch eine Nebenrolle, denn diese Auseinandersetzung kennt nur Verlierer:

  • Da ist zuallererst Valerie Holsboer, die sich als Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Systemgastronomie und der Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss einen guten Ruf erarbeitet hat und bereits sechs Jahre im Verwaltungsrat der Bundesagentur gesessen hatte, bevor sie in den Vorstand berufen wurde. Und die nun von anonymen Zeitgenossen mit Vorwürfen öffentlich diskreditiert wurde.

  • Die Arbeitgeber müssen sich fragen lassen, auf welcher Grundlage und wie verantwortlich sie überhaupt Entscheidungen treffen, wenn es um Spitzenämter geht - wenn denn ihre Lesart stimmen sollte.

  • Die Gewerkschaftsvertreter haben all die Zeit geschwiegen, man weiß nicht, wie sie überhaupt zu Holsboer stehen, ob sie die Vorwürfe teilen. Und doch haben sie für ihre Abberufung gestimmt. Offenbar aus einem einzigen Grund: Dass man sich in solchen Gremien nicht in die Personalentscheidungen der anderen Seite einmischt.

Dass jetzt Ruhe in der Bundesagentur für Arbeit einkehrt, ist eine Illusion. Nun werden die Nachhutgefechte über die Deutungshoheit beginnen. Der Machtkampf hat auch Gräben zwischen den Mitarbeitern der Behörde aufgerissen.

Gut möglich, dass sich der Verwaltungsrat mit dieser Entscheidung einen Bärendienst erwiesen hat. Denn es stellt sich die Frage, welchen Sinn die sogenannte Selbstverwaltung einer Behörde macht, wenn das Aufsichtsgremium selber den Ruf des Ladens derart ramponiert.



insgesamt 102 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wrzlbrnft 12.07.2019
1. Das Arbeitsministerium ...
... sollte dieser Entscheidung nicht zustimmen und die AuswechselungÄ aller Auswechselung aller Mitglieder der Arbeitgeber und -nehmer anstreben. Beide sind für ein solches Amt nicht geeignet, es stinkt stark nach korruptem und mafiösem Verhalten.
fin2010 12.07.2019
2. Eine Schande ist es.
Lt. Artikel weiss man nichts Genaues zu den Gründen des Ausscheidens. Dafür leistet sich der Kommentar aber einen Haufen Emotionen und Empörung. Wörüber eigentlich? Der Hauptaufreger scheint das Geschlecht zu sein, nicht die Leistung. Danach zu urteilen also eine Alibidame.
flaps25 12.07.2019
3. Der ganze Laden ist ein einziger...
... Sauhaufen. Institutionalisierte Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft. Die verhöhnt man indem man sie "Kunden" nennt aber wie Dreck behandelt. Man schließt "Eingliederungsvereinbarungen", die in Wahrheit nur einseitige Verpflichtungen zum Nachteil der Menschen sind - um bei Nichtbeachtung Leistungen kürzen zu können. Dass man mit so mit einer in Ungnade gefallenen Mitarbeiterin umgeht passt perfekt zu dieser Organisation.
arr68 12.07.2019
4. und die nächste Agentur/Ministerium,
das durch Sandkastenspiele und Beschäftigung mit sich selbst brilliert, statt ihre Arbeit zu machen.
LorenzSTR 12.07.2019
5. Behördenwitz
Wie kommt es eigentlich, dass eine Person, weiblich oder männlich ist dabei völlig egal, aus einer Branche, die für prekäre Arbeitsverhältnisse und neoliberales Hire&Fire bekannt ist, an die Hebel einer mit öffentlichen Geldern finanzierten Behörde gelangt? Wann wird dieses neoliberale Möchtegernunternehmen endlich abgewickelt und mit Aufgaben betraut, die der Allgemeinheit und den dort Versicherten dienen? Damit sind übrigens weder der Sanktionswahnsinn, noch überflüssige Zwangskurse für Fachkräfte oder die zynische Bezeichnung von Arbeitsuchenden als "Kunden" gemeint.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.