Bundesländervergleich Wo Deutschland am innovativsten ist

Bayern triumphiert, Sachsen-Anhalt verliert, Nordrhein-Westfalen macht das Beste aus seinen Möglichkeiten: Wer in Deutschland tüftelt und Patente anmeldet, hat nicht überall gleich gute Bedingungen. Eine Studie kürt die innovativsten Bundesländer - und einen Überraschungskandidaten.

Von Mark Fehr und


Hamburg - Die Möglichkeiten für neue Produkte sind unbegrenzt - man muss nur darauf kommen. Selbst mit gutem alten Zucker lässt sich Erstaunliches erreichen: Am Deutschen Textilforschungszentrum in Nordrhein-Westfalen entwickeln Forscher mit Hilfe von Nanotechnologie Kleidungsstücke, die vor Messerstichen schützen. Die zusätzlich mit Zuckermolekülen behandelten Textilien haben noch eine weitere praktische Eigenschaft: Sie nehmen keinen Körpergeruch auf.

Maschinenbau in Deutschland: Der Süden der Republik punktet bei der Innovationskraft
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Maschinenbau in Deutschland: Der Süden der Republik punktet bei der Innovationskraft

Doch der Weg solcher Tüfteleien aus den Laboren in die Praxis ist lang. Denn nur wenn Unternehmen die Ideen der Wissenschaftler aufgreifen und zu Produkten machen, lässt sich damit Geld verdienen. Die Bundesländer bemühen sich deshalb, ihre Firmenstandorte zu stärken und genügend Forschungsmittel zu vergeben. Allerdings fallen die Anstrengungen regional höchst unterschiedlich aus - das ergibt eine aktuelle Länder-Analyse der Bertelsmann-Stiftung.

Besonders ehrgeizig in Sachen Neuentwicklungen sind der Analyse zufolge der Süden und Südwesten Deutschlands:

  • Baden-Württemberg, Bayern und Hessen bieten demnach ihren Unternehmen die besten Rahmenbedingungen für Innovationen - sie erreichten in der Statistik Spitzenwerte, gefolgt von Bremen, Hamburg und Berlin.
  • Eher mittelmäßige Voraussetzungen für Neuerungen bieten hingegen Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Thüringen.
  • Noch schlechter sieht es vor allem im Norden und Osten aus: Schlusslichter bei den Innovationsbedingungen sind Schleswig-Holstein, das Saarland, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern (siehe Grafiken).

Die Forscher untersuchten neben Rahmenbedingungen auch den "aktuellen Innovationserfolg" der 16 Bundesländer, messbar etwa am Umsatz mit neuen Produkten oder Patentanmeldungen pro Einwohner. Erwartungsgemäß gibt es auch in diesem Bereich ein starkes Gefälle: Baden-Württemberg und Bayern sind in der Erfolgsbilanz wieder ganz vorne dabei, sowie - mit einigem Abstand - Nordrhein-Westfalen.

Diese drei Länder sind also besonders innovativ. Und, folgt man den Forschern, damit auch besonders erfolgreich: Die Studie geht davon aus, dass wirtschaftliche Innovationen - also die Entwicklung neuer Produkte, Güter und Dienstleistungen und deren Erfolg auf dem Markt - die Wirtschaftskraft eines Bundeslandes entscheidend beeinflussen. Arbeitsplätze würden gesichert, die Wettbewerbsfähigkeit langfristig verbessert.

Mühe bringt noch lange keinen Erfolg

Eine wichtige Frage, die die Experten mit beiden Ansätzen beantworten wollten: Führen innovationsfördernde Bedingungen automatisch zu mehr Fortschritt? Die Spitzenreiter Bayern und Baden-Württemberg lassen diesen Schluss zu, beide Bundesländer glänzen bei Bedingungen und Bilanz. Doch ein Land tanzt aus der Reihe: Nordrhein-Westfalen musste sich bei den Rahmenbedingungen noch mit einem Platz im Mittelfeld zufriedengeben - und landete bei der Erfolgsbilanz plötzlich auf dem dritten Platz.

"Es hat den Anschein, als ob NRW aus mäßigen Bedingungen das Beste herausholt", erklärt Studienleiter Eric Thode. Umgekehrt besetzte Hessen im Ranking der besten Rahmenbedingungen für Innovationen einen Spitzenplatz - in der Kategorie "Innovationserfolg" landete das Bundesland dann plötzlich nur noch im Mittelfeld.

Offenbar sind also nicht nur die Rahmenbedingungen, sondern auch deren Ausrichtung von Bedeutung. "Wichtig ist, dass die öffentliche Forschung auf die Spezialisierung der Privatwirtschaft abgestimmt ist", erklärt Silvia Stiller, Expertin für regionale Entwicklung am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. Positiv für NRW sei zudem die hohe Bevölkerungsdichte, die viel Potential für Wissensaustausch biete.

Arm, sexy - und innovativ

Einen Überraschungskandidaten hat die Studie auch hervorgebracht: Berlin. Die chronisch klamme Hauptstadt verfügt über ein "überdurchschnittliche gutes Innovationsklima". Forschungsleiter Thode nennt das Abschneiden von Berlin "beeindruckend" - bei den Voraussetzungen besetzt der Stadtstaat einen guten vierten, in der Erfolgsbilanz immerhin noch den sechsten Platz.

Berlin profitiere von einer großen Anzahl renommierter Universitäten und Forschungsinstitute, so der Forscher. Mit den Musterknaben Bayern und Baden-Württemberg könne sich Berlin dennoch nicht messen - es fehlt weiter an mittelständischen Unternehmen, die sich dauerhaft an der Spree ansiedeln wollen. Auch die private Wirtschaft nimmt nach wie vor zu wenig Geld für Forschung und Entwicklung in die Hand.

In keinem anderen Bundesland ist die unternehmerische Umsetzung aber so schlecht wie in Mecklenburg-Vorpommern: Hier sind die Firmen bundesweit am wenigsten aktiv. Laut Studie liegt MV mit Sachsen-Anhalt sowohl beim Innovationserfolg als auch bei Innovationsbedingungen am Schluss der Statistik.

Mehr Anreize im Osten

Der Osten Deutschlands hat vor allem ein Problem: seine schwache privatwirtschaftliche Basis. "In den neuen Ländern werden weit weniger neue Produkte entwickelt und in Markterfolg umgesetzt als im Westen", so Thode. In den ostdeutschen Ländern mangele es an großen und mittelständischen Unternehmen als "Innovationstreiber".

"Wir kennen natürlich unsere Schwächen", räumt ein Sprecher des Ministeriums für Wirtschaft und Arbeit in Sachsen-Anhalt auf Anfrage ein. Allerdings habe das Land in den vergangenen Jahren "stark in die Forschungsinfrastruktur investiert". Dem Bundesland fehlten aber große Konzernzentralen, in denen Forschung und Entwicklung betrieben werde. In der Wirtschaft des Landes hätten Bau- und Landwirtschaft zudem ein großes Gewicht - also Branchen, in denen relativ wenig geforscht und entwickelt werde.

Auch die Sieger der Studie sollten sich nicht auf ihrem Erfolg ausruhen, mahnt Studienleiter Thode: "Kein Land ist in allen Bereichen des Innovationsprozesses konstant gut oder schlecht. Daher ist grundsätzlich in jedem Bundesland noch Luft nach oben."



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