Energiekrise in Deutschland Netzagentur warnt vor Ausfall Hunderttausender Gasthermen

Die Bundesnetzagentur hat konkretisiert, was bei einem regionalen Gasmangel passiert. Der Städtetag fordert Staatshilfe für Stadtwerke, Robert Habeck spricht von einer »quasi-wirtschaftskriegerischen Auseinandersetzung«.
Zündvorrichtung einer Gastherme: Nach einem Gasmangel müssten womöglich Hunderttausende Thermen wieder händisch von Experten freigeschaltet werden

Zündvorrichtung einer Gastherme: Nach einem Gasmangel müssten womöglich Hunderttausende Thermen wieder händisch von Experten freigeschaltet werden

Foto: Norbert Försterling / picture-alliance / dpa / dpaweb

Der Präsident der Bundesnetzagentur Klaus Müller warnt vor dauerhaften Folgen für private Erdgasverbraucher, falls es in der Energiekrise zu einem örtlichen Gasmangel kommen sollte.

»In dem Moment, in dem der Druck im Gasnetz in einer Region unter ein gewisses Mindestmaß fallen würde, würde auf einen Schlag in Hunderttausenden Gasthermen die Sicherung einspringen«, sagte Müller den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

»Die müssten händisch von geschulten Fachkräften wieder freigeschaltet werden, wenn wieder Gas in der Region verfügbar wäre. Ein solches Szenario kann niemand wollen, weil es sehr lange dauern würde, die Gasversorgung wiederherzustellen.«

Daher werde es immer das Ziel der Bundesnetzagentur sein, notfalls Reduzierungen beim industriellen Verbrauch anzuordnen, sagte Müller, »damit dieses Szenario nicht eintritt«. Fast jede zweite der rund 43 Millionen Wohnungen in Deutschland wird mit Gas beheizt.

Laut dem Netzagentur-Chef sind die Gasflüsse in der Bundesrepublik zurzeit noch mehr oder weniger gleichmäßig verteilt. »Das könnte sich ändern, sollten wir nur noch Gas aus Norwegen, den Niederlanden oder Belgien erhalten.«

Deshalb würden die Speicher schon jetzt so gefüllt, dass auch der Süden ausreichend versorgt werden könne. »Derzeit legen wir zum Beispiel nicht nur einen Fokus auf den größten deutschen Speicher in Rehden in Niedersachsen, sondern auch auf den Speicher in Wolfersberg in Bayern«, sagte Müller.

Die Reservoirs sind entscheidend, um in einer Notfalllage das beschriebene Mangelszenario zu verhindern. Zurzeit sind die Gasspeicher im Schnitt zu gut 61 Prozent gefüllt; infolge der gedrosselten Gaslieferungen aus Russland steigen die Pegel aber nur noch langsam.

»Schwimmbäder gehören wohl nicht zum kritischen Bereich, genauso wie die Produktion von Schokoladenkeksen.«

Klaus Müller über mögliche Einschränkungen im Fall eines Gasmangels

Und während manche Reservoirs zu mehr als 90 Prozent ausgelastet sind, sind es in Nordwesteuropas größtem Speicher in Rehden nur 21 Prozent – und in Wolfersberg gar nur 12 Prozent, wie Daten des Netzbetreiber-Verbandes Gas Infrastructure Europe zeigen. Die Bundesregierung stellt nun 15 Milliarden Euro bereit, damit der Brennstoff eingekauft und eingespeichert werden kann.

Dennoch ist sich Müller nicht sicher, dass es gelingt, die Speicher vor dem Winter auf die angepeilten Pegelstände von durchschnittlich 90 Prozent zu füllen. »Wenn im Zuge der Wartung der Gasfluss aus Russland politisch motiviert länger anhaltend abgesenkt wird, müssen wir ernsthafter über Einsparungen reden.«

In einer Gasmangellage »wären Produkte und Angebote, die in den Freizeit- und Wohlfühlbereich fallen, eher nachrangig«, so Müller. »Schwimmbäder gehören wohl nicht zum kritischen Bereich, genauso wie die Produktion von Schokoladenkeksen.«

Städtetag fordert Staatshilfe für Stadtwerke

In den Kommunen wächst die Sorge, dass Stadtwerke angesichts der hohen Gaspreise in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten – und damit die Versorgungssicherheit gefährdet wäre. »Der Druck auf die Stadtwerke nimmt jeden Tag zu«, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, der Deutschen Presse-Agentur.

Würden die Stadtwerke die stark steigenden Einkaufspreise weitergeben, wären viele Haushalte mit den Kosten überfordert. Gäben die kommunalen Versorger die Preise hingegen nicht weiter, dann könnten viele in die Insolvenz rutschen, sagte Dedy. »Die Versorgung vieler Haushalte wäre nicht mehr sicher.«

Der Bund müsse daher umgehend die kommunalen Versorger unter den Schutzschirm für Unternehmen stellen. Dazu müsse der Staat betroffenen Stadtwerken schnell Liquiditätshilfen über Bürgschaften und Kredite gewähren – und ein Insolvenzmoratorium kurzfristig auf den Weg bringen, um die Pflicht zu Insolvenzanträgen auszusetzen.

Stadtwerke betreiben auf örtlicher Ebene die Grundversorgung der Bevölkerung: etwa mit Energie, aber auch mit Dienstleistungen wie öffentlichem Nahverkehr, Müll- und Abwasserentsorgung oder dem Betrieb von Schwimmbädern.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck warnte vor einer »Preisexplosion« beim Gas, sollte es zu einem Totalausfall bei den russischen Lieferungen kommen.

Am 11. Juli beginnen jährliche Wartungsarbeiten an der Ostseepipeline Nord Stream 1, die in der Regel zehn Tage dauern. Dann fließt kein Gas durch die Leitung. Ob Russland nach der Wartung den Gashahn wieder aufdreht, ist ungewiss.

»Quasi-wirtschaftskriegerische Auseinandersetzung«

Um das Risiko einzuschätzen, müsste man in den Kopf des russischen Präsidenten Wladimir Putin gucken können, sagte Habeck am Samstagabend bei einer Veranstaltung der »Zeit«. »Aber man sieht ein Muster, und das kann zu diesem Szenario führen.« Man habe es mit »einer quasi-wirtschaftskriegerischen Auseinandersetzung« zu tun.

Mit Blick auf Versorger wie den in Not geratenen größten deutschen Gasimporteur Uniper sagte Habeck: Die Unternehmen, die sehr viel russisches Gas eingeführt haben, »die haben ein echtes Problem«. Sie müssten ihre Lieferverträge etwa an Stadtwerke erfüllen und dafür viel teurer Gas woanders einkaufen.

Es gebe zwei Möglichkeiten: Entweder unterstütze der Staat die Unternehmen mit Steuergeld. »Oder man erlaubt den Unternehmen, die Preise weiterzugeben.« Den Paragrafen 24 im Energiesicherungsgesetz, der dies den Unternehmen unabhängig von Preisgarantien erlauben würde, hat Habeck nicht aktiviert. Die Regierung favorisiert derzeit andere Optionen , um Uniper und andere Versorger zu retten.

che/dpa
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