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Rußland Buntes Papier

Mit dreisten Werbespots lockte ein Moskauer Aktienfonds viele Anleger. Jetzt droht der Bankrott.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Auf der westlichen Ausfallstraße der russischen Hauptstadt brach der Verkehr zusammen. Schlangenerfahrene Moskowiter rückten mit Decken, Proviant und Thermoskannen an. Das Areal um ein rotes Backsteingebäude verwandelte sich im Nu in ein schmuddeliges Camp mit selbstorganisierten Wartelisten.

Familienangehörige wechselten sich ab bei der Verteidigung der Warteposition. Das Abfertigungstempo im Hauptquartier der Investmentfirma MMM, von Wachpersonal und Sonderpolizei abgeschirmt, stellte selbst russische Geduld auf eine harte Probe: Fünf besorgte Anleger wurden pro Stunde bedient.

Das Unternehmen widmet sich seit Beginn der postsowjetischen Privatisierung höchst wundersamer Geldvermehrung. Es verkauft Aktien und will sich mit dem Erlös an Industriebetrieben beteiligen. MMM-Papiere, so wird den Anlegern per aufwendiger Werbung suggeriert, stiegen ständig im Wert, würden jederzeit und anstandslos zurückgekauft und seien deshalb die ideale Existenz- und Alterssicherung.

Seit vergangener Woche ist der Aktienfonds, registriert mit einem Stammkapital von 100 000 Rubel (rund 80 Mark) unter einer Moskauer Hinterhof-Adresse, in massiven Schwierigkeiten. Und die kleinen Aktionäre, deren Zahl MMM »nach bescheidensten Schätzungen auf zehn Millionen« veranschlagt, wollen ihr buntes Papier wieder in Geld umtauschen.

Als am vergangenen Dienstag erste Gerüchte über einen bevorstehenden MMM-Bankrott durch Moskau schwirrten, versammelten sich in Windeseile rund 7000 Anleger vor der Firmenzentrale an der Warschauer Chaussee. Nur noch dort ging der Ver- und Rückkauf weiter. Die übrigen 60 Filialen in Moskau und weitere 76 in der Provinz blieben erst einmal geschlossen.

Alle halbe Stunde meldet sich MMM-Präsident Sergej Mawrodi über Lautsprecher und wirft mal der Regierung, mal der Konkurrenz vor, eine »gezielte Verleumdungskampagne« gegen das Unternehmen zu inszenieren. Da müsse der »werte Aktionär« schon die Unannehmlichkeiten entschuldigen. Angesichts der unsicheren Lage seien Geldtransporte zu anderen Geschäftsstellen »einfach zu gefährlich«.

»Richtig«, applaudiert Iwan Kusnezow, ein Dreher aus der Nachbarschaft, der 800 000 Rubel in Mawrodi-Aktien angelegt hat. »In fünfeinhalb Monaten ist mein Anteil um das 75fache im Wert gestiegen«, sagt er. Doch dann merkt der Mann, daß er auf windige Geschäftemacher hereingefallen ist, die schönen Papiergewinne nie mehr zu realisieren sind: »Hätte ich das doch bloß gestern wieder zu Geld gemacht.«

Aber die dreisten TV-Spots mit Lonja Golubkow waren zu suggestiv. Der Reklamemann konnte seiner Frau alles kaufen: vorgestern Stiefel, gestern einen Pelz und morgen eine Wohnung, vielleicht sogar »in Paris« - dank MMM.

Ganz unvermittelt hatte die Regierung jedoch schlechte Nachrichten über das populistische Unternehmen verbreitet. Das staatliche Antimonopol-Komitee rügte die großmäulige Werbung als »unseriös«. Die Steuerbehörde ließ ausstreuen, MMM schulde ihr knapp 50 Milliarden Rubel (40 Millionen Mark).

Das Finanzministerium erklärte, die Firma sei ein Schwindel-Fonds. Sie sei als »Pyramide« konstruiert, die »zusammenbrechen« müsse, wenn der Zustrom neuer Anleger versiege, mit deren frischem Geld die Auszahlungen finanziert würden.

Um zu dieser richtigen Einsicht zu kommen, brauchte die Behörde fünf Jahre. So lange holt sich MMM mit dem publikumsscheuen Finanzjongleur Mawrodi an der Spitze bereits das Geld von den inflationsgeängstigten Russen. Einer konzerneigenen Bank wurde schon im Frühjahr wegen Unregelmäßigkeiten die Lizenz entzogen.

Jetzt erst hat die Regierung Fakten parat, die als Warnung für den Sparer längst fällig gewesen wären. So soll MMM täglich vier Milliarden Rubel (drei Millionen Mark) für seine Wunderpapiere eingenommen haben, obwohl die Emission auf zehn Milliarden jährlich limitiert ist.

Gegen die Regierungsschelte, Firmenchef Mawrodi sei ein »hochqualifizierter Betrüger«, kontern Agitatoren: »Betrogen hat uns kleine Leute immer nur der Staat.« Wütend erklärt einer von ihnen den inzwischen 20 000 Menschen vor der Unternehmenszentrale: »Das ist nichts weiter als eine neue Enteignung.«

Auf diese Stimmung scheinen die MMM-Oberen zu setzen. Der Staat solle sich lieber nicht mit den aufgebrachten Aktionären anlegen, warnte Präsident Mawrodi, sonst könne daraus leicht eine politische Partei werden: zehn Millionen Anleger plus Familienangehörige.

Der Finanz-Schirinowski, dem Geschäftsfeinde exzellente KGB-Verbindungen nachsagen, sieht bereits ein Drittel der russischen Bevölkerung auf seiner Seite und sich selbst als Gewinner eines Referendums, das Jelzin und seiner Regierung das Vertrauen aufkündigt. Ganz leere Drohungen sind das nicht im wirtschaftlich ausblutenden Rußland, dessen Reform-Gewinnler nach neuesten Angaben der Zentralbank monatlich eine Milliarde Dollar außer Landes schaffen.

Der Streit wird mit aller Härte und allen Tricks geführt. Die Behauptung der Regierung beispielsweise, der Aktienfonds MMM besitze überhaupt keine Industriebeteiligungen, ist leicht zu widerlegen. Gerade erst wählte der größte russische Autokonzern Awtowas (Lada) einen Vertreter des drittgrößten Aktionärs MMM-Invest in den Aufsichtsrat.

Bislang ist auch nicht auszuschließen, daß sich MMM den Skandal bestellt hat, um möglichst viele Aktien zu einem günstigen Kurswert zurückzukaufen. Zum Wochenende wurde die MMM-Aktie auf ein Hundertstel des Rekordwertes von gut 100 000 Rubel abgewertet. Möglich wäre ebenfalls, daß die Regierung den undurchsichtigen Mawrodi-Fonds vor Beginn der zweiten Privatisierungsphase ausschalten wollte, um zu verhindern, daß er sich in großem Stil in die russische Industrie einkauft.

Schon vergleichen Wirtschaftsexperten die Auswirkungen der Affäre mit der Geldreform vor einem Jahr, als bestimmte Banknoten über Nacht ihre Gültigkeit verloren. »Ein neuer Test«, urteilt ein Moskauer Ökonomieprofessor, »wie lange man die Bevölkerung drangsalieren kann, ohne den Aufruhr zu riskieren.« Y

Einer konzerneigenen Bank wurde bereits die Lizenz entzogen

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