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BAUKONZERNE »Bus nach Sibirien«

Das Holzmann-Desaster fordert immer neue Opfer. Nach dem Konzernchef wird bald auch der Aufsichtsratsvorsitzende abtreten müssen. Der Vorwurf: Unfähigkeit.
Von Hermann Bott, Jürgen Dahlkamp und Wolfgang Reuter
aus DER SPIEGEL 50/1999

Nichts ahnend betrat der Aufsichtsratsvorsitzende Carl Ludwig von Boehm-Bezing den großen Sitzungssaal in der Zentrale der Philipp Holzmann AG. Der Deutsche-Bank-Vorstand war der Einzige in der Runde, der das Zeitungsinterview eines Großaktionärs nicht gelesen hatte - jeder Satz eine Stichelei, der ganze Text eine Kriegserklärung.

André Leysen, Chef des belgischen Gevaert-Konzerns, der 30 Prozent der Holzmann-Anteile hält, hatte Boehm-Bezing im »Handelsblatt« die Vertuschung der Milliarden-Verluste vorgeworfen und angedroht, dass er möglicherweise die Deutsche Bank auf Schadensersatz verklagen werde: Das Geldhaus hatte ihm erst vor knapp einem Jahr eine Zehn-Prozent-Beteiligung an dem scheinbar gesunden Baukonzern verkauft. Auf die Frage »Ist Boehm-Bezing noch zu halten?« hatte Leysen in dem Interview scharf geantwortet: »Die nächste Frage bitte.«

Boehm-Bezing ließ sich den Text sofort vom Holzmann-Vorstandsbüro beschaffen. Gespannt verfolgten die Aufsichtsräte, wie er das Interview studierte, denn auch Leysen war zur Sitzung erschienen. Kaum hatte der Aufsichtsratschef das Interview gelesen, schäumte er vor Wut.

»Das werde ich rechtlich prüfen lassen«, zischte er Leysen an. Doch der antwortete gelassen: »Das ist Ihre Entscheidung.« Ein Teilnehmer berichtete, er habe »noch nie eine so frostige Atmosphäre in einer Aufsichtsratssitzung erlebt«.

Leysen hatte den Machtkampf bewusst gesucht. Schließlich verfügt er über beste Kontakte zur Deutschen Bank. Und dort sind die Würfel längst gefallen. Nach einer »Anstandsfrist«, berichten Insider, werde Boehm-Bezing den Chefsessel des Aufsichtsrats räumen müssen. In der Bank fiel auf, dass vergangenen Freitag im hauseigenen Business-TV nicht Boehm-Bezing, sondern Bereichsvorstand Jürgen Bilstein die Ergebnisse der Aufsichtsratssitzung interpretierte.

Vermutlich war Boehm-Bezing die Schieflage des Baukonzerns schon länger bekannt. Denn ganz so treuherzig, wie es zunächst schien, hatten die Wirtschaftsprüfer der KPMG die Holzmann-Bilanzen nicht testiert.

Statt ein eingeschränktes Testat zu erteilen, gingen die Prüfer - so ist es schlechter Brauch in Deutschland - zum Chef des Aufsichtsrats und informierten ihn ausführlich über die Risiken. Der Jahresabschluss »ist an der Grenze des Vertretbaren«, heißt es im Protokoll des Aufsichtsrats zum Abschluss 1998 - ein deutliches Indiz für das bevorstehende Desaster.

Die KPMG-Prüfer mussten sich in der Sitzung zwar stundenlang rechtfertigen, aber ihre Bilanzen wurden nicht für nichtig erklärt. Dann nämlich hätten sie möglicherweise erwähnt, dass sie Boehm-Bezing zumindest mündlich informiert hatten. So blieben dem Aufsichtsratschef Unannehmlichkeiten erspart, und die KPMG darf weiterhin auch die Bilanzen der Deutschen Bank prüfen.

Seine Kollegen machen Boehm-Bezing auch noch für einen weiteren Fauxpas verantwortlich. Er wollte den 1997 abgetretenen Vorständen die Pensionszusagen streichen. Schließlich seien die ausgeschiedenen Manager für die erneuten Verluste verantwortlich, die sie zudem auch noch vertuscht hätten. Doch die Unternehmensjuristen meldeten schwere Bedenken an. Denn derartige Zusagen lassen sich nur binnen zwei Wochen nach Bekanntwerden der Vorwürfe widerrufen. Boehm-Bezing hätte den Punkt deshalb spätestens auf der letzten Sitzung behandeln müssen.

Obendrein gelang es Boehm-Bezing nur mühsam, einen Nachfolger für den gescheiterten Holzmann-Chef Heinrich Binder zu finden. »Wer setzt sich schon freiwillig in den Bus nach Sibirien?«, fragt ein Manager der Deutschen Bank.

Schließlich trieb der Aufsichtsratschef am Donnerstag vergangener Woche einen Rentner auf: Konrad Hinrichs, 62, der vor drei Jahren als Chef des Baukonzerns Ed. Züblin AG zurückgetreten war - vor allem weil er künftig »keine großen Opern- und Konzertpremieren in Europa mehr verstreichen lassen« wollte.

Im Holzmann-Vorstand sind wohl bald weitere Stellen vakant. Letzte Woche geriet Johannes Ohlinger unter Beschuss: Bei der Selbstauskunft über seine gesamten Aufsichtsratsbe- züge hatte der Inlandschef glatt vergessen, dass er bei der Holzmann-Tochter Arena AG 30 000 Mark für den Nebenjob kassiert, zusätzlich zu 85 000 Mark und 24 000 Dollar für Aufsichtsratsmandate bei weiteren Holzmann-Firmen.

Opernfreund Hinrichs steht jetzt vor einem Scherbenhaufen. Zwar ist der Belegschaftsbeitrag zur Sanierung des Unternehmens inzwischen juristisch abgesichert. Weil Lohnverzicht und Mehrarbeit gegen geltendes Tarifrecht verstoßen, sollen die Mitarbeiter die so eingesparten 245 Millionen Mark später zurückerhalten - falls ihre Firma irgendwann Gewinne erwirtschaftet.

Doch mit geringeren Lohnkosten verschafft sich der Konzern nur kurzfristig Luft. Im laufenden Geschäftsjahr sind erneut Verluste im operativen Geschäft entstanden - mindestens 600 Millionen Mark.

Vom Privatvermögen der früheren Manager, gegen die Holzmann »zivilrechtliche Maßnahmen« eingeleitet hat, ist nur wenig zur Verringerung der Verluste zu holen. Ein Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Schitag Ernst & Young offenbart ein beispielloses Missmanagement, das den Vorstandsvorsitzenden Helmut Becker und dessen Nachfolger Lothar Meyer, der 1997 gehen musste, schwer belastet.

Bei der Übernahme der maroden Baufirma Scheu + Wirth 1990 etwa enthüllt das Gutachten »eindeutige und schwere Versäumnisse": »Der Kaufpreis ist unter Berücksichtigung der im Grunde nach bekannten Verlustsituation zu hoch.«

Bei dem Erwerb des Frankfurter Battelle-Geländes ergab sich »nur bei günstigsten Annahmen ein Gewinn, der in keinem Verhältnis zum Volumen stand«. Bis Ende 1997 brachte das Projekt dem Konzern 171,4 Millionen Mark Verlust.

Die laut Gutachten »im Bauträgergeschäft gänzlich unerfahrene Hauptniederlassung München« durfte - offenbar vom Vorstand unbehelligt - Projekte für 390 Millionen Mark akquirieren und dabei Verluste von 170,3 Millionen Mark produzieren: »Sämtliche Projekte sind von vornherein nicht ordnungsgemäß und auf den Markt abgestimmt kalkuliert worden.«

Bei einem Projekt in Frankfurt war Konkurrent Hochtief ausgestiegen. »Der Rücktritt von Hochtief aus dem bereits abgeschlossenen Vertrag hätte ein Warnsignal sein müssen«, kritisieren die Wirtschaftsprüfer - auch hier wurden »die Grenzen des Managementfehlers überschritten«.

Doch nicht die Nieten im Vorstand, sondern die Mitarbeiter werden das Hauptopfer bringen müssen. Wohl etwas verfrüht lobte der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Mahneke gleich den neuen Mann an der Spitze als Retter. Der Musikliebhaber Hinrichs ist kein harmoniebedürftiger Chef, sondern ein harter Sanierer. Ein kräftiger Personalabbau ist zu erwarten.

»Reduzierung der Fertigungstiefe« ist ein Lieblingsausdruck des Bauingenieurs. Konsequent wie kaum ein anderer hat er bei Züblin vorexerziert, was er darunter versteht.

Die Baubranche, so Hinrichs, müsse mehr Leistung mit weniger eigenen Beschäftigten erbringen und dort einkaufen, wo es am günstigsten ist, sei es »Manpower, Ingenieurwissen oder eine Maschine«. Am günstigsten sind Arbeitskräfte bei ausländischen Subunternehmern zu haben. In der deutschen Bauindustrie kommen derzeit etwa drei Arbeiter auf einen Angestellten. Hinrichs strebt ein Verhältnis von 1,5 zu 1 an.

Aber auch Ingenieure sind anderswo günstig einzukaufen: Bei seinem früheren Arbeitgeber ließ Hinrichs Statik-Arbeiten in Tschechien erledigen. HERMANN BOTT,

JÜRGEN DAHLKAMP, WOLFGANG REUTER

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