Bushs Konjunkturprogramm Too little, too late

Kreditkrise, Börsencrash, Milliardenabschreibungen: Lässt sich die Rezession in den USA noch aufhalten? Notenbank-Chef Bernanke senkt hektisch die Zinsen, Präsident Bush legt ein riesiges Konjunkturprogramm auf - trotzdem haben Experten Zweifel, ob die Maßnahmen wirken.

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Hamburg - Kein Zweifel, US-Notenbankchef Ben Bernanke ist aus dem Schatten seines Vorgängers Alan Greenspan getreten. 125 Basispunkte in acht Tagen - so radikal hatte Greenspan die Zinsen nie gesenkt. Dabei stand der schon im Ruf, vorauseilend den Wünschen des Markts zu gehorchen, ganz anders als die Kollegen von der Europäischen Zentralbank (EZB). Der Hauptrefinanzierungssatz der EZB führt ein Leben ohne große Höhen und Tiefen, in der Rezession mal etwas niedriger, im Boom etwas höher, das war's.

Börse in New York: Die Fed sieht einen dramatischen Abschwung kommen
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Börse in New York: Die Fed sieht einen dramatischen Abschwung kommen

Wer nichts macht, macht auch nichts falsch, scheint die Devise der Frankfurter Kollegen zu sein. Tatsächlich erscheint Europa als Hort der Stabilität, verglichen mit dem wüsten Auf und Ab der amerikanischen Wirtschaft. Immerhin hat die Federal Reserve mit ihren Niedrigzinsen von gerade mal einem Prozent in den Jahren 2001 bis 2003 auch die Überschuldung der amerikanischen Konsumenten und die Preisblase am Immobilienmarkt provoziert, die jetzt kollabiert ist.

Die US-Notenbanker jedenfalls sind zu der Erkenntnis gelangt, dass sie diesen Fehler jetzt ausbügeln müssen. Die Wirtschaft frei fallen zu lassen, kam 2001 nicht in Frage, und heute erst recht nicht. Dabei steht längst noch nicht fest, dass die USA in diesem Jahr eine Rezession erleben werden. Noch gibt es Ökonomen und Politiker, die positive Zeichen wie die zunehmenden Exporte betonen oder schlicht die Wirtschaft gesund beten wollen.

Die Fed dagegen lässt keinen Zweifel an ihrer Interpretation: Ein dramatischer Abschwung steht bevor, möglicherweise droht den Finanzmärkten eine Kernschmelze der Vermögenswerte, und die Notenbank will beweisen, dass sie den Ereignissen zuvorkommt.

Bei null Prozent ist Schluss

Doch der Mangel an Begeisterung an den Börsen zeigt deutlich: Selbst dieser mutige Schritt war aus Sicht der Märkte schon wieder "too little, too late", zu wenig und zu spät. Manche Ökonomen bezweifeln, dass die Fed überhaupt die nötigen Mittel in der Hand hat, um eine drohende Rezession abzuwenden.

In den vergangenen Abschwungphasen senkte die Fed den Leitzins insgesamt um 6,5 beziehungsweise 5,5 Prozentpunkte. Das war nötig, argumentiert Princeton-Professor Paul Krugman, weil auf die offizielle Rezession jeweils noch eine längere Periode ohne Jobzuwachs folgte, die sich "wie eine Rezession anfühlte".

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Die jüngste Serie der Zinssenkungen machte erst kurz vor null Prozent halt. Noch weiter kann eine Notenbank den Leitzins nicht senken - bevor die Banken zu negativen Zinsen Geld verleihen (den Kunden also welches schenken), horten sie es lieber. Die japanische Zentralbank kann ein Lied davon singen. Nun aber liegt der Ausgangspunkt nur bei 5,25 Prozent, schon jetzt ist fast der halbe Spielraum ausgereizt. "Wenn der Schock schlimmer ist als beim letzten Mal, was gut möglich ist", so Krugman, "gibt es wirklich Grund zur Sorge."

Dean Baker, Kodirektor des Washingtoner Center for Economic and Policy Research, weist darauf hin, dass die langfristigen Zinsen nach der Entscheidung der Fed am Mittwoch nicht fielen, sondern weiter anstiegen. Er vermutet, das liege an der Angst vor kurzfristig steigender Inflation und einem weiter fallenden Dollar Chart zeigen.

Wall Street gegen Main Street

"Das wirft ein ernstes Problem auf, wenn die Wirtschaft stimuliert werden soll", meint Baker. Denn die zehnjährigen Zinssätze entscheiden darüber, wie teuer der Kauf eines Hauses, eines Autos oder eines anderen langlebigen Konsumguts ist. Die Zinssenkung helfe also nicht den Verbrauchern und bremse so das Wachstum. Profiteure seien nur die Banken, die wieder am klassischen Bankgeschäft verdienen können, Geld kurzfristig billig zu leihen und langfristig teuer zu verleihen.

Grundsätzlich sind sich alle politischen Lager einig, dass der Staat eingreifen muss, um eine Rezession zu verhindern. Der Satz des republikanischen Ex-Präsidenten Richard Nixon, "Wir sind jetzt alle Keynesianer", wird wieder häufig zitiert. Doch profitiert nur die Wall Street oder auch die Main Street, die Masse der Bevölkerung, deren Konsum so dringend benötigt wird?

Diese Sorge treibt die Senatoren um, die das Konjunkturprogramm von Präsident George W. Bush und Finanzminister Henry Paulson von knapp 150 auf mehr als 160 Milliarden Dollar ausgeweitet haben. Auch ärmere US-Bürger, die bisher kaum berücksichtigt waren, sollen in den Genuss von Steuergeschenken kommen.

Stimmt das Timing der Fed?

Denn nur von denen sei überhaupt zu erwarten, dass zusätzliche Dollar auch in die Zirkulation kommen, weil es höheren Einkommensgruppen nicht an Liquidität mangelt. Zwei Drittel des Milliardenpakets gingen an die oberen Einkommensgruppen und seien für die Konjunktur vergeudet, schätzt Ökonom Krugman. "Die Rezessionsbekämpfung bleibt also an der Fed hängen."

Das alles könnte deutsche Aktienanleger noch kaltlassen. Schließlich dauert es eine Weile, bis die US-Wirtschaft - falls sie in die Rezession rutscht - Europa ansteckt und auch hier die Unternehmensgewinne schrumpfen. Bis dahin geht es den Aktionären gut, solange es der Wall Street gut geht.

Doch gerade die Finanzmärkte dürften versagen, wenn es darum geht, die Zinssenkung so weiter zu tragen, dass sie zu einer wirtschaftlichen Erholung führt. "Neue ungünstige Meldungen vom US-Bankensektor", heißt es in einer Analyse der Commerzbank, "haben die Risikoaversion wieder anziehen lassen und vermutlich in Frage gestellt, ob die Fed es wirklich geschafft hat, 'ahead of the curve' zu kommen."



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