BVB-Sanierung "Wichtiger als unser Weltpokalsieg"

Bei Fußballfans in Dortmund war die Erleichterung groß, aber auch Landespolitiker in Nordrhein-Westfalen atmeten auf: Nach der Zustimmung des Stadionsfonds Molsiris ist die Pleite des sechsfachen deutschen Fußballmeisters Borussia Dortmund vorerst abgewendet. Doch schon droht dem BVB neuer Ärger durch Anleger-Klagen.


Westfalenstadion in Dortmund: Fondseigner entschieden über Zukunft des Bundesligisten
AP

Westfalenstadion in Dortmund: Fondseigner entschieden über Zukunft des Bundesligisten

Dortmund - Die vorläufige Rettung des Fußball- Bundesligisten Borussia Dortmund löste in Nordrhein-Westfalen Erleichterung und Freude in Sport, Wirtschaft und Politik aus. "Der BVB gehört zur Fußball-Landschaft in NRW. Dass er weiterleben wird, ist die gute Nachricht für die Fußball-Fans", sagte Landessportminister Michael Vesper.

Vor allem in Dortmund wurde die Botschaft von der Zustimmung der Stadioneigentümer positiv aufgenommen. "Jetzt hat das Zittern der zahllosen Fans endlich ein Ende. Dortmund ohne den BVB wäre nicht denkbar gewesen", erklärte Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer (SPD).

"Die Freude kann heute nicht groß genug sein", sagte auch Dortmunds Torwartlegende Hans Tilkowski in Herne. "Diese Entscheidung ist viel wichtiger als unser Weltpokalsieg. Der Abstieg ist heute vermieden worden. Jetzt müssen wieder Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit bei der Borussia gelten", sagte der 69-Jährige.

Borussia-Fans: "Die kabbeln sich regelrecht"
DDP

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Der Montag hatte zunächst spannend begonnen. Mehr als fünf Stunden lang debattierten Anleger des von der Commerzbank initiierten Stadionsfonds Mosiris über das Sanierungskonzept des Vereins. Am Ende stimmten 94,4 Prozent der Anleger dem Plan zu, der unter anderem einen teilweisen Rückkauf des Westfalenstadions durch den Verein und eine Stundung der Miet- und Tilgungszahlungen für die Jahre 2005 und 2006 vorsieht. Außerdem sichert die Entscheidung dem Verein eine Liquiditätsspritze.

Das Stadion gehört dem Fonds seit 2002 der Commerzbank-Tochter. Bei einer Zustimmungsquote der Molsiris-Eigentümer von weniger als 75 Prozent wäre der Rückkauf des Westfalenstadions gescheitert. "Ohne diese Entscheidung hätte es ein Insolvenzszenario der KGaA gegeben, und der Verein wäre mit in den Strudel gerissen worden", sagte Vereinspräsident Reinhard Rauball. Nun sei die Liquidität für die Saison 2005/06 gesichert. Borussia Dortmund muss die entsprechenden Unterlagen für eine Erteilung der Spiellizent für die kommende Saison nun am Dienstag bis 14 Uhr bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) einreichen. Rauball erwartet dabei keine Probleme.

Spannung vor der Versammlungshalle

Laut Beschluss kann der BVB nun für etwa 43 Millionen Euro 42,8 Prozent des 2002 an Molsiris verkauften Stadionanteils kaufen. Im Gegenzug gibt Molsiris Geld aus dem Bardepot von 52 Millionen Euro frei, das der Verein an den Fonds verpfändet hatte. Die restlichen neun Millionen Euro braucht der einzige börsennotierte deutsche Fußballverein, um die restliche Saison zu überstehen. Die Ausschüttungen an die Fondszeichner für 2005 und 2006 werden auf die Folgejahre verschoben.

Borussen-Präsident Rauball (l.), Geschäftsführer Watzke: Keine Probleme bei Lizenzerteilung erwartet
REUTERS

Borussen-Präsident Rauball (l.), Geschäftsführer Watzke: Keine Probleme bei Lizenzerteilung erwartet

Das Ja der Fondsanleger war bis zuletzt zweifelhaft. "Die kabbeln sich regelrecht", berichtete ein Anteilseigner aus der Gesellschafterversammlung, die am Düsseldorfer Flughafen hinter verschlossenen Türen stattfand. Vor der Halle harrte ein kleines Häuflein von Borussen-Fans aus: "Zur Not spielen wir auch in der Kreisliga", sagte BVB-Fan Marco Leinweber. "Borussia ist eine Religion. Wir bleiben treu, egal was passiert".

Kanzlei droht

Neuer Ärger droht dem BVB-Management und Molsiris indes durch Klagen von Anlegern. Am Wochenende hatten Anlegeranwälte zu Schadenersatzklagen gegen den Fonds und den BVB geraten. Die Angaben zur Bonität der Stadionmieterin im Verkaufsprospekt des Fonds seien unvollständig und irreführend gewesen. Die Zeichner des Fonds hätten daher gute Aussichten, Schadenersatzansprüche gegen den Fonds, aber auch gegen den BVB durchzusetzen, sagte ein Sprecher der Münchener Anwaltskanzlei Rotter.

Die auf Klagen von Anlegern spezialisierte Kanzlei hat schon Strafanzeige wegen Kapitalanlagebetrugs gegen den ehemaligen BVB-Geschäftsführer Gerd Niebaum und den derzeitigen Geschäftsführer Michael Meier gestellt. Inzwischen hat die Dortmunder Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Der Verein hat die Vorwürfe stets als haltlos zurückgewiesen.

Im BVB-Fanshop am Hansaplatz in der Dortmunder Innenstadt war von solchen Sorgen am Montag nichts zu spüren. Auch hier war die Freude überwältigend. "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Wir denken ja auch immer an unseren Arbeitsplatz", sagte Fanshop-Mitarbeiter Dirk Feldhoff. Den ganzen Tag über habe er die Nachrichten verfolgt.

Vor dem zwischen Mützen, Schals und Tassen aufgestellten Fernseher sammelten sich immer wieder Fans, die auf eine Entscheidung aus Düsseldorf warteten. "Den ganzen Tag über kamen Leute und haben uns gefragt, wie es aussieht. Aber wir wussten ja auch nicht mehr", sagte Mitarbeiterin Dagmar Götze. Auch BVB-Fan Thomas Schröer war zum Hansaplatz gekommen: "Ich habe heute sechs bis sieben Mal ins Internet geguckt und erst mal durchgeatmet, als die Entscheidung gefallen war. Man muss ja auch daran denken, wie viele Arbeitsplätze in Dortmund an der Borussia hängen."



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