Bye-bye Wall Street Börsenflucht in New York

Immer mehr US-Unternehmen kehren der Börse den Rücken. Der Exodus ist eine Folge der jüngsten Firmenskandale an der Wall Street: Die vom Kongress drastisch verschärften Bilanzgesetze machen ein Listing vor allem für kleinere Betriebe inzwischen viel zu teuer und umständlich.

Von , New York


Börse in New York: "Going dark" kommt in Mode
AP

Börse in New York: "Going dark" kommt in Mode

New York - Am Ende war es einfach eine Frage des Geldes. Mindestens 750.000 Dollar koste es seine Firma im Jahr, sich an der US-Techbörse Nasdaq Composite Chart zeigen listen zu lassen, klagt Michael Scharf, CEO der New Yorker Stahlfirma Niagara Corporation. Ganz zu schweigen von den endlosen Überstunden seiner Buchhalter, die dafür drauf gingen, dem immer strengeren, undurchsichtigeren Vorschriftenlabyrinth der Börsenaufsicht SEC Genüge zu tun.

Also unternahmen Scharf und sein Direktorium schließlich einen drastischen Schritt: Sie meldeten Niagara - ein Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern und gerade mal knapp 300 Millionen Dollar Jahresumsatz - wieder von der Nasdaq ab. "Die Company verspricht sich davon bedeutende finanzielle wie zeitliche Ersparnisse", hieß es in einer dürren Mitteilung an die Investoren. "Wir glauben, dass unseren Aktionären damit besser gedient ist."

Niagara ist kein Einzelfall. Eine wachsende Zahl meist kleinerer US-Unternehmen gelangt zu dem Schluss, dass sich das Börsengeschäft heutzutage für sie nicht mehr lohnt. "Voluntary Delisting" heißt das hier, oder im Wall-Street-Jargon auch "going dark": Die Firmen verlassen die Nasdaq, die Amex oder die New York Stock Exchange (NYSE) lieber wieder, als sich den unbequemen Transparenz- und Bilanzgesetzen auszusetzen. Und zwar nicht, weil sie etwas zu verbergen hätten, sondern weil es sich nicht rentiert.

Offenlegung kleinster Bilanzdetails

Vor drei Jahren noch kehrten nur 67 amerikanische Aktienkonzerne der Börse dergestalt den Rücken. 2004 waren es nach ersten Berechnungen des Finanzwissenschaftlers Alexander Triantis von der University of Maryland schon rund 200. "Viele Manager haben beschlossen, dass die Vorteile der Aktienliquidität die Kosten nicht wert sind", sagte er der "New York Times".

Nasdaq: Belastende Transparenz löst Massenflucht aus
REUTERS

Nasdaq: Belastende Transparenz löst Massenflucht aus

Der Börsen-Exodus ist eine direkte Folge der Betrugsskandale, die die Wall Street seit ein paar Jahren erschüttern. Um weiterem "unternehmerischem Fehlverhalten vorzubeugen" und "Investoren zu schützen", verschärfte der US-Kongress im Juli 2002 die Bilanzregeln für alle hier börsennotierten Firmen. Der inzwischen nicht nur in US-Finanzkreisen berüchtigte Sarbanes-Oxley-Act - benannt nach seinen Verfassern, dem Senator Paul Sarbanes und dem Abgeordneten Michael Oxley - verordnete den Unternehmen eine bisher nicht gekannte Transparenz, die Offenlegung kleinster Bilanzdetails und eine periodische Berichtspflicht bei der SEC.

Wichtige Bilanztermine:

Dienstag

Abercrombie & Fitch
FirstEnergy
Nordstrom
Qwest Communications

Mittwoch

Coca-Cola
Hewlett-Packard

Donnerstag

Nextel Communications
Priceline.com
Salesforce.com
Target
Wal-Mart

Freitag

Campbell Soup

Wichtige Wirtschaftstermine:

Dienstag

ICSC-UBS Store Sales Index
Einzelhandelsumsätze
Empire State Fed Manufacturing Index
Redbook-Einzelhandelsindex
Inventare
ABC/Money Verbrauchervertrauen

Mittwoch

Fed-Chef Greenspan vor dem Senat
Immobilienmarkt
Industrieproduktion
Kapazitätsauslastung

Donnerstag

Fed-Chef Greenspan vor dem Repräsentantenhaus
Arbeitslosen-Erstanträge
Importpreise
DJ-BTM Business Barometer
Philadelphia Fed Business Index

Freitag

Produzentenpreisindex
University of Michigan Verbraucherstimmung
Doch das gut gemeinte Gesetzeswerk wird nun zum Bumerang. Für große Konzerne sind die neuen Börsenvorschriften zwar eher nur ein Ärgernis. Für die kleineren aber entpuppen sie sich als eine oft unüberwindliche Hürde. Darüber murrten zunächst nur ausländische Unternehmen, die in New York gelistet sind, so auch die deutsche Allianz Chart zeigen, BASF Chart zeigen oder Bayer Chart zeigen.

Langsam erfasst der Unmut aber auch die US-Aktiengesellschaften. Das Headhunter-Unternehmen Korn/Ferry schätzt die mit Sarbanes-Oxley verbundenen Zusatzkosten für amerikanische Börsenlistings mittlerweile auf im Schnitt 5,1 Millionen Dollar im Jahr. Insgesamt koste es die US-Wirtschaft jährlich über fünf Milliarden Dollar.

Die Großen wie Microsoft Chart zeigen oder IBM Chart zeigen können sich eine Aufgabe ihres Listings aus Kapital- und Prestigegründen natürlich nicht erlauben und müssen die hohen Kosten zähneknirschend hinnehmen. Die Kleinen aber wandern ab.

So verließ die Regionalbank Fidelity Federal Bancorp kürzlich die Nasdaq, um 300.000 Dollar im Jahr zu sparen. Ebenso das Bankhaus KS Bancorp aus North Carolina, das Datenunternehmen Anacomp aus San Diego und Corfacts, ein kleiner Telemarketing-Betrieb aus New Jersey.

Sie alle ziehen es vor, ihre Anteilsscheine künftig über die "Pink Sheets" zu handeln, ein außerbörsliches, elektronisches Marktsystem, das ohne jegliche SEC-Aufsicht operiert. Solche "Over-the-counter"-Werte müssen sich nicht an die Sarbanes-Oxley-Maßgaben halten - was ihnen allerdings oft auch einen dubiosen Ruf einhandelt. "Firmen, die in den Pink Sheets gelistet sind", warnt da etwa die SEC, "können zu den riskantesten Investments gehören."

Vom Big Board zum Pink Sheet, die Unternehmen sehen keine andere Wahl: "Wir stecken unser Geld lieber direkt in unser Geschäft", sagt Corfacts-Präsident Ariel Freud über die hohen Listing-Kosten. Niagara-CEO Scharf freut sich auch ganz persönlich: Jetzt müsse er seine Arbeitstage nicht länger mit lächerlich aufwendigen SEC-Rechenschaftsberichten verschwenden, sondern könne sich wieder "voll auf meine Firma konzentrieren".



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