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Arbeitsmarkt Callboys am Abend

Die Wirtschaft beschäftigt immer mehr Billigkräfte ohne Sozialversicherung. Der Widerstand gegen diese Praxis wächst.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Morgens um sieben gibt es an der Grindelallee 91 in Hamburg die besten Jobs: Da sucht ein Millionär Aushilfskellner für ein rauschendes Fest auf Sylt; da wünscht sich ein Spielehersteller ein paar kinderliebe Animateure für eine Werbeveranstaltung; und da ordert eine Geschäftsfrau jemanden, der für ihren heimkehrenden Mann am Flughafen Fuhlsbüttel Blumen streut.

Wolfgang Galetzki und seine Kollegen von der Studentischen Jobvermittlung im Arbeitsamt Hamburg erleben dann stets das gleiche Ritual: Ein paar Dutzend Kommilitonen harren vor den Türen und balgen sich, sobald diese geöffnet werden, um die wenigen Traumjobs.

Längst nicht alles, was als Angebot am Schwarzen Brett im ersten Stock hängt, ist so reizvoll: »Meist geht's doch darum, irgendwo einen Container zu entladen oder im Supermarkt die Regale aufzufüllen«, sagt Sigrid Michels, Politikstudentin im elften Semester und Stammgast an der Grindelallee.

Die studentischen Billigkräfte sind heiß begehrt: Bis zu 3000 Jobs pro Monat vermitteln Galetzki und Co. Kaum mehr als 15 Mark Stundenlohn zahlen Kneipen, Großmärkte oder Fabriken meist den angehenden Akademikern. Und in der Regel forden die Auftraggeber am Schwarzen Brett zudem dezent »Arbeit auf 590-Mark-Basis«- also unterhalb jener Grenze, ab der Beiträge an die Sozialversicherung fällig werden.

Immer mehr Deutsche sichern sich auf diese Weise einen Teil ihres Lebensunterhalts. Es sind nicht nur Studenten, sondern auch Hausfrauen, Rentner, Schüler - aber auch Lehrer und Bankangestellte, die sich mit dem abgabenfreien Nebenjob nach Feierabend etwas dazuverdienen. Fast zwei Drittel sind Frauen.

Die Billigkräfte nutzen eine legale Lücke: Sie zahlen, solange sie höchstens 590 Mark monatlich (in Ostdeutschland 500 Mark) verdienen und weniger als 15 Stunden pro Woche arbeiten, nichts in die Krankenkasse ein und auch nichts in die Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung. Sie verdienen brutto gleich netto. Später haben sie allerdings auch keinen Anspruch auf entsprechende Sozialleistungen, wohl aber bei langfristigen Verträgen auf Urlaub, Mutterschutz und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Wie viele dieser McArbeiter sich wirklich in Deutschland verdingen, ist strittig. Irgendwo zwischen 3,8 Millionen, wie es das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung für 1995 errechnete (siehe Grafik), und 6 Millionen Jobs, wie SPD-Fraktionschef Rudolf Scharping schätzt, werden nach der 590-Mark-Regel abgerechnet - Schwarzarbeiter nicht mitgezählt. Viele Arbeitnehmer, die Bier zapfen, Buletten braten oder Werbeblättchen austragen, bewegen sich in Grauzonen, die keine Statistik erfaßt.

Ebenfalls strittig ist das Gesetz, das »geringfügige Beschäftigungen« überhaupt möglich macht. Gewerkschaften und Sozialpolitiker kämpfen mit Macht dagegen. Sie fürchten, daß vom 1. November an, wenn der Ladenschluß etwas gemildert wird, Boutiquen und Warenhäuser nochmals massenweise Billigkräfte anheuern; die SPD hat ein Gesetz im Bundestag eingebracht, das die 590-Mark-Jobs erheblich einschränken soll.

Fraktionschef Scharping sieht ein Heer von »Callgirls und Callboys«, die am Abend stundenweise herbeigerufen werden, »wenn sich an den Kassen Schlangen bilden«. Das sei, sagt der SPD-Mann, für einen Sozialstaat und eine Industriegesellschaft unwürdig.

Den Sozialversicherungen, die ohnehin chronisch klamm sind, entgehen dadurch Jahr für Jahr Einnahmen von 11 bis 12 Milliarden Mark. Die Beitragssätze zur Sozialversicherung ließen sich, so Scharping, um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte senken, wenn auch die Geringverdiener zahlen müßten - sofern die Billigjobs dann überhaupt erhalten bleiben.

Die Betroffenen wollen von der Verteuerung ihrer Jobs nichts wissen. In einer Allensbach-Umfrage lehnen 69 Prozent der Geringverdiener dies ab. Die Rentenansprüche, die sie mit 590 Mark erlangen würden, wären ohnehin gering - weit unter 100 Mark im Monat.

Wie verführerisch die Billigjobs sind, zeigt ein einfaches Rechenbeispiel: Eine junge Verkäuferin, die 20 Stunden pro Woche arbeitet, verdient bei einem Stundenlohn von 16,60 Mark insgesamt 1328 Mark brutto im Monat. Nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben bleiben ihr in Steuerklasse fünf nur gut 700 Mark. Verdingt sie sich hingegen nur knapp neun Stunden pro Woche nach der Billigregel, dann verdient sie kaum weniger: 590 Mark - aber bei nicht einmal dem halben Zeitaufwand.

Auch Elke Höppner, zweifache Mutter aus Hamburg, sträubt sich gegen die Pläne von Sozialdemokraten und Gewerkschaften: »Wenn die Regel abgeschafft wird, müßte ich aufhören.« Zur Zeit reinigt sie zwei Stunden täglich ein Ladenlokal: »Mehr Zeit ist wegen der Kinder einfach nicht drin.«

Für die Unternehmen haben die Billigjobber gleich zwei Vorteile: Sie sind kostengünstig - und sie können flexibel eingesetzt werden.

»Wenn die Händler nun durch die längeren Öffnungszeiten keine höheren Kosten wollen, werden sie ihr Personal sukzessive umstrukturieren«, befürchtet Jürgen Teske von der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV). In manchen Ketten werden nach Angaben der HBV bis zu 37 Prozent aller Beschäftigten mit McJobs abgespeist. »Das hat System«, so Teske.

Auch hätten die Arbeitgeber bei den jüngsten Tarifverhandlungen für den Einzelhandel in Rheinland-Pfalz gezeigt, »wohin der Zug ab 1. November fährt«. Anders als normale Beschäftigte, sollten die 590-Mark-Kräfte ursprünglich nicht die geforderten Zuschläge für Arbeit nach 18.30 Uhr bekommen - die Geschäfte hätten sie dann entsprechend billiger einsetzen können.

Den Händlern, verteidigen sich deren Interessenvertreter, bleibe wegen der Tarifpoltik der Gewerkschaften doch gar nichts anderes übrig, als auf die Billigkräfte auszuweichen. Die HBV, klagt Helmut Becker, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, wolle mit ihren Forderungen nach 20prozentigen Zuschlägen den Bundestagsbeschluß zum Ladenschluß auf kaltem Weg kippen.

So notwendig die 590-Mark-Jobs für die Wirtschaft und viele Beschäftige sind: Unstrittig ist, daß alle Beteiligten immer wieder Mißbrauch mit der Regelung treiben. So drängt eine norddeutsche Boutiquenkette Mitarbeiter massiv dazu, versicherungspflichtige Jobs gegen 590-Mark-Jobs einzutauschen.

Oft haben auch flexible Geringverdiener zwei, drei Jobs gleichzeitig. Das ist zwar verboten - und soll durch den Sozialversicherungsausweis verhindert werden. Aber bis Putzfirmen oder Supermärkte von den Krankenkassen, die die mögliche Doppelbeschäftigung kontrollieren sollen, eine Rückmeldung erhalten, vergehen meist Monate, manchmal Jahre; trickreiche Mitarbeiter sind dann oft über alle Berge.

»Wir müssen in solchen Fällen oft ein paar tausend Mark an die Sozialversicherung nachzahlen«, schimpft Sylvia Söffge, Geschäftsführerin der Hamburger Gebäudereinigungsfirma Karo, »und zwar nicht nur den Arbeitgeberanteil, sondern auch den Anteil, den eigentlich der Arbeitnehmer übernehmen muß.«

Die Chefin von 500 Putzmännern und Putzfrauen sieht kaum eine Chance, das Versicherungsgeld noch nachträglich bei den flüchtigen Billigkräften einzutreiben: »Die meisten haben doch so wenig, da ist überhaupt nichts zu holen.«

[Grafiktext]

Geringfügig Beschäftigte in Deutschland in Millionen

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