CargoLifter Deutschlands langmütigste Aktionäre

Mit 93 Aktionären habe alles angefangen. "Heute haben wir 72.000", ruft CargoLifter-Chef Carl-Heinrich Freiherr von Gablenz seinen treuesten Fans zu. Die Aktionäre applaudieren. Sie möchten so gerne glauben, was der Freiherr ihnen predigt: Die Insolvenz sei nicht das Ende.

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Treffen der langmütigsten Aktionäre: Menschenkette auf dem CargoLifter-Gelände
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Treffen der langmütigsten Aktionäre: Menschenkette auf dem CargoLifter-Gelände

Brand - Carl-Heinrich Freiherr von Gablenz steht auf der Bühne und wippt im Rhythmus der Rockmusik. Er dachte wohl, er wäre schon dran, aber dann legte sein Vorredner noch eine CD ein. "Steh auf, wenn du am Boden liegst, steh auf", singen die "Toten Hosen" darauf. Der CargoLifter-Chef versucht, souverän zu bleiben, und juckt sich doch an der Nase. "Dramatische Ankündigung", spricht er ins Mikrofon, aber: "Ich stehe noch, und auch recht gut." Er sagt, dass CargoLifter ein "langfristiges Zukunftsprojekt" ist. Er sagt, dass er weiter um Staatshilfe kämpft. Er sagt, der Insolvenzantrag vom Freitag sei nicht das Aus. "Geben Sie nicht auf. Wir haben mit 93 Aktionären angefangen, heute haben wir 72.000". Dafür bekommt er Applaus.

Sie klatschen noch, aber es werden weniger. Nur einige Hundert Aktionäre, Mitarbeiter und Anhänger haben den Weg zur CargoLifter-Werfthalle ins märkische Brand gefunden, die Initiatoren hatten auf über 10.000 gehofft. Der Insolvenzverwalter ist trotz Einladung nicht erschienen, die Rede des Bundestagsabgeordneten Peter Danckert fällt aus. "Wahrscheinlich bin ich enttäuscht", druckst Mirko Hörmann, einer der Organisatoren des Aktionstages. "Die ersten sind schon gefahren". Manche hätten geklagt, das Ganze sei doch eine "Kirmesveranstaltung", mit den Wurstbuden und der Mädchen-Band, die Irish Folk auf der Bühne spielt.

Das Glas ist ganz leer

Irgendwie ist die Begeisterung weg, selbst bei den wohl langmütigsten Aktionären Deutschlands. So steht Wolfgang Pest, auch Initiator von "Zukunft in Brand", am Infotisch vor der Werfthalle und hat wenig zu tun. Vor ihm liegen weiße T-Shirts mit dem Schriftzug "Jetzt erst recht". Sie zeigen einen Ballon und ein Luftschiff, kosten sieben Euro das Stück. In zwei Marmeladengläsern vor ihm stecken ein paar Geldscheine, seine Verkaufserlöse. In einem Pappkasten am Boden steht ein Dutzend anderer Gläser. Alle davon sind leer.

Manche sprachen von einer Kirmesveranstaltung: Cargolifter Aktionstag
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Manche sprachen von einer Kirmesveranstaltung: Cargolifter Aktionstag

Daneben liegt ein Infoblatt über die Treuhand-Idee, und auch sie funktioniert nicht recht. Eigentlich sollten die Aktionäre zu Hunderten Spenden auf ein insolvenzsicheres Konto einzahlen. Falls ein Sanierungskonzept für die Firma steht, sollte das Geld in Wandelanleihen getauscht werden. Sieben Millionen Euro in drei Wochen sollten sich so ansammeln, und damit wollte "Zukunft in Brand" eine ungenutzte Millionen-Bürgschaft von Bund und Land aktivieren. Nach einem Anruf des Wirtschaftsministers aus Potsdam fiel auf, dass das juristisch nicht möglich ist. Und außerdem kommt weit weniger zusammen. 300.000 Euro seien überwiesen, sagt Hörmann, oder zumindest versprochen. Wieviel genau auf dem Konto ist, das könne er gerade nicht sagen.

"Das Böse da draußen"

Es macht eben sparsam, wenn ein Aktienkurs von einst 25 auf 0,7 Euro fällt. Geblieben ist den Aktionären das Bewusstsein, von der Welt unverstanden zu sein. "Es ist ein Jammer", sagt ein Mittsechziger bei einer Führung durch die Werfthalle, "dass nun die Finanzleute entscheiden. Wenn Techniker am Ruder wären, hätten wir keine Probleme." Ein Ex-Angesteller, der zuletzt freiberuflich für CargoLifter arbeitete, erinnert daran, "dass wir kein Wirtschaftsunternehmen sind. Wir sind ein Unternehmen, dass ein Symbol an den Himmel setzen will." Mirko Hörmann macht auf der Bühne deutlich, was er unter Selbstkritik versteht: "Wie der Freiherr hatten wir nur die Vision vor Augen. Und dabei haben wir die Realitäten übersehen, das Böse, was da draußen so rumläuft".

"Ich stehe noch, und auch recht gut": CargoLifter-Chef von Gablenz
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"Ich stehe noch, und auch recht gut": CargoLifter-Chef von Gablenz

Wirkliche Kritik gibt es kaum und dann nur leise. Er habe die "persönliche Notbremse" gezogen und seine Aktien verkauft, gesteht ein Erfurter im Flüsterton. Seine Freundin hat ihre noch, und sie guckt leidend herüber. Ein Ingenieur deutet an, was er von seinen Vorgesetzten hält. Vor einem Jahr habe er auch noch an Gablenz' Reden geglaubt, der Mann sei rhetorisch brillant. "Aber man muss zwischen den Zeilen lesen". Von Anfang an habe CargoLifter "zu sehr geklotzt". Die Niederlassungen in Frankfurt und Berlin seien mehrere Nummern zu groß gewesen. Auch bei den Büros in Brand hätte man sparen können. Und warum ein kleines Unternehmen als AG mit 14 Töchtern führen, jede mit eigener Geschäftsführung? "Meine Großmutter hat immer gesagt: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not."

Mit Müllsäcken Zeichen setzen

Nach all den Reden auf der Bühne folgt der Tagesordnungspunkt "Wir setzen Zeichen!" Auf dem Rollfeld neben der Werft haben Helfer dafür mit rot-weißem Absperrband und Farblinien auf dem Asphalt die Konturen des CL 160 aufgezeichnet: 260 Meter lang, 85 Meter breit. Das Lastluftschiff wurde nie auch nur als Prototyp gebaut, aber am Boden soll es mit Leben erfüllt werden. Die Menschenmassen, haben die Organisatoren sich ausgedacht, sollen das Areal komplett abdecken. Ein Weltekord wäre das, reif für das Guinness-Buch.

Tatsächlich verlaufen sich die Besucher in der Weite. Wohl 50 Mal mehr wären nötig, um die Fläche zu füllen. Sie versuchen, zumindest eine Kette am Rand der Absperrung zu bilden, doch auch so klaffen Meter breite Lücken. Am Himmel kreist das Kleinluftschiff Charly und filmt das verhinderte Spektakel. Die Aktionäre strecken ihm blaue Müllsäcke entgegen und heben Papierblätter in die Luft. Ein CargoLifter-Mitarbeiter steht mit einem Megafon auf einem Kran und dirigiert die Statisten. Plötzlich singt er: "Steig auf, wenn du am Boden liegst, steig auf", zur Melodie der "Toten Hosen". Nur ein paar Leute lachen darüber.



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